© Gerhard Deutsch

Gesellschaft
04/11/2014

Lass ma's bleiben

Abschiebungen sind hart und sehr oft ungerecht. Das Schicksal der Komani-Zwillinge gibt Hoffnung. Und zeigt, dass Zivilcourage nicht selten zum Erfolg führt.

von Eva Gogala

Wenn Daniella und Dorentina einen Polizisten sehen, bekommen sie es immer noch mit der Angst zu tun. Auch in Menschenansammlungen fühlen sie sich nicht wohl. Ansonsten sind die zwölfjährigen Zwillinge fröhliche Mädchen, in ihrer Klasse in der Mittelschule zählen sie zu den Besten.
Vor dreieinhalb Jahren war das noch ganz anders. Überfallsartig stürmte die Fremdenpolizei an einem frühen Morgen die Wohnung der Familie Komani, um sie abzuschieben. Obwohl der Vater August einen Job hatte und die verzweifelte Mutter akut selbstmordgefährdet war.

Daniella und Dorentina Komani wurden zu den Gesichtern einer Kampagne gegen eine rigide Abschiebepraxis, die sich stur an den Buchstaben des Gesetzes orientierte und menschliche Gründe nicht sehen wollte. Es formierte sich ziviler Ungehorsam und eine Welle der Unterstützung für Menschen, die Opfer einer Politik wurden, die vielen nicht gefiel. Lass ma’s bleiben, statt sie abzuschieben.
Damals, im September 2010, fand die Familie Komani in einer Einrichtung Aufnahme, die es gerade einmal seit zwei Wochen lang gab: im Freunde-Schützen-Haus in der Arndtstraße in Wien-Meidling. Der Immobilienunternehmer Hans Jörg Ulreich hatte dieses Haus damals zur Verfügung gestellt, um Menschen, die die Voraussetzungen für ein humanitäres Bleiberecht erfüllen, aber trotzdem abgeschoben werden sollten, Unterschlupf zu bieten. Menschen, die entweder unter Krankheiten leiden, die in ihrer Heimat nicht geheilt werden können, oder die in Österreich total integriert sind. Wie die Komanis eben.

„Den Ausschlag hat das Schicksal eines Buben gegeben, der damals gemeinsam mit meinem Sohn in der Dorfmannschaft Fußball gespielt hat“, erzählt Ulreich. „Der Bernard war der beste Spieler im Team, war gut in der Schule, sprach perfekt Deutsch. Von einem Tag auf den anderen wurde er abgeschoben.“ Einfach weg. Damit wollte Ulreich sich nicht abfinden. Er startete eine Unterschriftenaktion. Vergebens. Dann sagte er gemeinsam mit der Juristin Karin Klaric: „Mach ma was Besseres.“ Und stellte das Haus zur Verfügung. Sie unterstützt die Bewohner in rechtlichen Fragen.
Was als Kurzzeit-Hilfe für Akutfälle gedacht war, gibt es heute, nach dreieinhalb Jahren noch immer. „Es ändert sich nichts. Es wird immer schlimmer“, sagt Ulreich. Und rechnet nicht mehr damit, das Freunde-Schützen-Haus in absehbarer Zeit zu Geld zu machen.

Geld und Einsatz sind aber notwendig, um das Projekt, das vom Verein „Purple Sheep“ getragen wird, am Laufen zu erhalten. Dabei kann sich der Verein auf eine beachtliche Zahl von Unterstützern verlassen. Auch viele prominente sind dabei – Schauspieler, Kabarettisten wie Josef Hader, Michael Niavarani, Florian Scheuba, Stermann & Grissemann, Gregor Seberg, Lukas Resetarits zählen dazu. Und „Staatskünstler“ Thomas Maurer. Er sammelt Spenden und macht Stimmung für Purple Sheep. Wann immer er – allein oder mit seinen beiden Söhnen – ins Freunde-Schützen-Haus kommt, ist er sofort von einer Kinderschar umringt, die sich über die willkommene Abwechslung freuen. Er kennt sie und sie kennen ihn. „Der Achmed ist der schlimmste Bub im Hof und daher das Idol von meinem Sohn Ferdinand“, grinst Maurer, während Achmed zwei Mädchen aufzieht.
Warum Thomas Maurer sich ausgerechnet für Purple Sheep einsetzt? „Ich bekomme ausreichend Einladungen, Gutes zu tun – bei Golf-Charitys oder dergleichen. Wie hier gearbeitet wird, das finde ich wirklich imponierend.“ Der Einsatz von bekannten Gesichtern lohne sich: „Prominente sind eine potenzielle Bedrohung des ungestörten Dahinwurschtelns der Politiker.“

Seit ein paar Monaten hat der Verein eine neue Einkommensquelle. Ein paar Schritte vom Freunde-Schützen-Haus, auf dem Meidlinger Markt, hat Immobilienmann Ulreich einen Marktstand gekauft. Er ist knalllila gestrichen – in der Farbe des Purple Sheep. An diesem frühsommerlichen Apriltag sind alle Tische besetzt. Serviert wird internationale Küche – nach Rezepten der Bewohner aus dem Freunde-Schützen-Haus. Heute sind es Dim Sum, gefüllte chinesische Teigtaschen oder gefüllte Paprika. Die Preise: Spenden, schließlich ist das ja kein gewinnorientierter Betrieb, und hier sind ausschließlich Freiwillige am Werk. Hausbewohner, die mangels Arbeitsbewilligung keiner entgeltlichen Beschäftigung nachgehen dürfen.
Serviert wird vom Bestseller-Autor, der namentlich nicht erwähnt werden will und vom pensionierten ORF-Reporter Gerhard Tuschla, der 2010 mit seinem TV-Bericht von der versuchten Abschiebung der Komanis auf den Fall aufmerksam machte. Und in der Küche ist Winzerin Heike Heinrich aus Gols eingesprungen, die mit Ehemann Gernot auch großzügig mit Weinspenden aushilft. Fixe Menüpreise gibt es hier nicht. Spenden allerdings sind schon dringend erbeten.
Das Geld reicht nämlich vorne und hinten nicht. Da ist einmal die medizinische Versorgung. Die Bewohner des Hauses sind streng genommen Illegale. Daher sind sie auch nicht versichert. „Es gibt schon immer wieder nette Ärzte, die die Leute gratis behandeln. Das Problem sind die Medikamente“, sagt Karin Klaric. Die müssen privat bezahlt werden. Das ist teuer. Und es kann auch vorkommen, dass die Kinder einen Schokonikolo ins Osternest bekommen. Die Schokolade wird rationiert und muss lange reichen, weil es zu wenig davon gibt. Auch an Geld mangelt es immer. Magere 1.500 Euro betrug das Vereinsbudget im Vorjahr pro Hausbewohner. Die Hälfte davon ging für Stromrechnungen drauf. „Wir haben alles versucht, um den Strom billiger zu bekommen.“ Doch Wien Energie blieb unerbittlich. Da könnt’ ja ein jeder kommen.

Freunde-Schützen-Haus

600 Menschen wurde hier schon geholfen. Momentan werden 124 betreut. Viele müssen abgewiesen werden, weil nur jene, die alle rechtlichen Kriterien erfüllen, aufgenommen werden. Wenn der Staat einen Fehler gemacht hat. Die meisten von ihnen bleiben länger. Ein bis zwei Jahre.

Deshalb gibt es jetzt auch das ersten „Freunde-Schützen-Baby“. Mahommed, Sohn tschetschenischer Eltern, der mit faltigem Gesicht und fest geballten Fäusten in seiner gelben Decke schläft. Denn auch wenn sie einmal die Niederlassungsbewilligung bekommen haben, kann es ein weiteres Jahr dauern, bis die Behörden ihnen die Arbeitsbewilligung erteilt. So lange ist es ihnen unmöglich, auf legalem Weg Geld zu verdienen. Wenn dieser Schritt geschafft ist, dürfen sie noch drei Monate in einer „Freunde-bleiben-Wohnung“ leben. Gratis, bis auf die Stromkosten. Dann müssen sie endgültig auf eigenen Füßen stehen.
Die Komanis sind so weit. Mutter Vera arbeitet als Hausbesorgerin, Vater August als Elektriker und die Zwillinge Dani und Dori sind Musterschülerinnen. Manchmal kommen sie noch ins Freunde-Schützen-Haus, um dort mit den Kindern, die den großen Schritt noch nicht geschafft haben, zu spielen. Die Gesichter einer Bewegung geben Hoffnung.

Spenden: Erste Bank 284389412 08 BLZ 20111

www.purplesheep.at

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