Peter Klien twitterte am Mittwoch ein Bild mit Jan Böhmermann

© Peter Klien/Twitter

freizeit
05/25/2019

Klien über Böhmermann: "Er spielt mit Macht, die er nicht hat"

"Willkommen-Österreich"-Reporter Peter Klien über den deutschen Satiriker, der nach Ibiza-Gate ein weiteres Video ankündigte und einen Europa-Song veröffentlichte.

Herr Klien, wussten Sie, dass es sich bei Jan Böhmermanns Video und Countdown um einen Fake gehandelt hat?

Ich habe es gewusst, weil ich ja in die Aktion eingeweiht war. Es waren alle "Late Night Shows" in einen Zeitplan eingebunden. Darum haben wir das ja auch alle zeitglich in den sozialen Medien angekündigt. Aber ich finde den Ausdruck „Fake“ nicht ganz passend.

Warum nicht?

Ich denke, es gab eine Erwartungshaltung, die in diese Richtung hin aufgebaut wurde. Da mögen einige enttäuscht sein darüber. Aber ich denke, was präsentiert worden ist, ist viel schöner als ein paar schmutzige Videos mehr. Insofern war es eben kein Fake.

Trotzdem waren viele Menschen von der Aktion enttäuscht.

Böhmermann wollte die Leute nicht verarschen, sondern das Geschehene für seine Zwecke nutzen. Wenn man statt eines weiteren Aufdecker-Videos dann eine Europahymne von Satirikern präsentiert, ist das natürlich mit Irreführung verbunden. Böhmermann spielt mit Macht, über die er gar nicht verfügt. Aber planen kann man so eine Aktion nur eingeschränkt. Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist ja seit Wochen festgestanden, weil er auf die EU-Wahl abgestimmt war.

Da ist ein anderer Eindruck entstanden, nachdem Böhmermann schon im April vom „Ibiza-Video“ wusste.

Ein Satiriker hat immer nur so viel Macht, wie man ihm gibt. Das gilt für jeden Menschen. Die Beobachtung ist in vielerlei Hinsicht einer Sensationsgier geschuldet. Natürlich muss man inhaltlich nicht mit allem einverstanden sein, was Böhmermann sagt und tut, man muss aber auch erkennen, dass man als Medienkonsument selber von Sensationsgier getrieben ist. Sie macht Dinge so groß, wie sie nicht sein müssten.

Macht man sich nicht verdächtig, wenn man Dinge weiß, die den meisten Menschen verborgen bleiben?

Strache hat ihn als Verdächtigen beschrieben. Böhmermann nimmt das als Vorlage und setzt sich drauf.

Die Causa hat sich zur Staatsaffäre ausgeweitet. Darf ein Satiriker so weit gehen, eine Krise, die ein Land erschüttert, für PR-Zwecke zu nutzen?

Defacto hat Böhmermann mit allen Late Night Shows Europas diese Aktion gemacht. Die fand ich gut. Was er sonst macht, möchte ich nicht beurteilen.

Hatten Sie je persönlich mit Böhmermann Kontakt?

In diesem Fall lief alles über sein Büro. Wir haben das Video, wie es vorgesehen war, bei uns im Studio aufgenommen, den Schnitt hat das das „Neo Magazin Royal“ besorgt. (Anm.: das Team von Böhmermanns gleichnamiger Late Night Show)

Kurt Tucholsky sagte einmal: Kunst/Satire darf alles. Verleitet das Künstler oder Satiriker nicht dazu, diese Situation auszunützen?

Manche Künstler sind hier nicht anders als Politiker: Sie werden immer versuchen, verschiedene Situationen für sich und ihre Eigen-PR zu nutzen.

Darf Satire Ihrer Meinung nach wirklich alles? Zum Beispiel, Österreichs TV-Zuschauer in einer Video-Botschaft  mit "Sehr geehrte dumme Hurenkinder" zu begrüßen, wie Herr Böhmermann es gemacht hat?

Satire darf zwei Sachen nicht: 1. das Strafrecht verletzen und 2. langweilig sein. Natürlich birgt es gewisse Probleme, wenn ein Deutscher die österreichische Innenpolitik beurteilen möchte. Aber man hat ja auch die Möglichkeit, es abzulenhen oder zu ignorieren. 

Welcher Witz ist Ihnen als erstes eingefallen, als Sie von der Ibiza-Affäre gehört haben?

Die FPÖ verliert Strache und Gudenus.
Kann man hier von Brain Drain sprechen?

Auf so perfide Weise hereingelegt zu werden, hätte jedem passieren können, auch Ihnen und mir. Oder sind Sie anderer Meinung?

Wahrscheinlich schon. Aber ein zukünftiger Vizekanzler sollte hier doch umsichtiger agieren.

Nach Ibiza-Gate wurden über die unfreiwilligen Protagonisten via Social Media viele Witze gemacht. Ist dass Satire oder bereits Häme und damit nicht mehr in Ordnung?

Das muss man im Einzelfall beurteilen. Manchmal fällt ein Befreiungsschlag eben ein wenig aggressiv aus. Aber Häme ist selten ein guter Berater. Satire soll die Menschen nicht ihrer Würde berauben.