© KURIER/Jeff Mangione

Sophies Welt
12/19/2015

In der Warteschleife

Das Leben für Models kann ganz schön hart sein. Manchmal wird man sogar getreten. Menschenrechte im Modelalltag? Vergiss es.

von Sophie Strobele

Creative Office, 23 Rue Martel, 3ieme étage, grüne Tür im Hinterhof, Code AB084, Frag nach Marco. Komm in High Heels und mit gewaschenem Haar! Lächle!, lautet die erste Notiz auf meinem Castingzettel für den heutigen Tag. Ich tippe den Code in die Sprechanlage des Hauseingangs und mache mich auf die Suche nach der grünen Tür. Im Hof wechselt eine rotmähnige Beauty ihre Schuhe – raus aus den High Heels wieder rein in die Sneakers, während zwei neben ihr grimmig an ihren Zigaretten ziehen. „Es sind viel zu viele! Man wartet mindestes zwei Stunden.“ Sie geben auf. Im Hausflur angekommen, kann ich sofort ihre üble Laune nachvollziehen. Zig Mädchen warten eine nach der anderen aufgefädelt auf den Stufen der zugigen Treppe bis zum Castingbüro im dritten Stock. Stillschweigend reihe ich mich an letzter Stelle ein. Nichts bewegt sich. Ich benötige ein Wunder, wenn ich nicht all meine Folgetermine hier in Paris verpassen will. Hinter mir klappern Stöckelabsätze wild entschlossen: Eine ganz besonders Schlaue nimmt gleich den Lift in den dritten Stock. Es dauert nicht lange, multilinguales Gezeter verweist sie ans Ende der Warteschlange – und damit zu mir. „Lege dich nie mit unterzuckerten Frauen in Stöckelschuhen an“, habe ich für sie eine Model-Weisheit parat. Missmutig beschäftigt sich die abgemahnte Schönheit mit ihrem iPhone. Reale Gespräche sind in Konkurrenz-Situationen nicht angebracht. Die angespannte Stille wird von den hastigen Schritten eines Mannes unterbrochen, der sich aus dem dritten Stock den Weg nach unten bahnt. An allen auf ihre Chance harrenden Models vorbei. Eines der Mädchen, das sich ermüdet auf eine Stufe gesetzt hatte, ist von dem konstanten Zustrom neuer Konkurrentinnen genervt und vermeldet, als der Anzugträger an ihr vorbeistürmt: „Hey! Es gibt keinen Grund, mich zu treten!“ Ruckartig dreht er sich um und bellt sie an: „Du bist ja nicht auf die Seite gegangen, oder?“ Das am Boden kauernde Wesen verteidigt ihren durch stundenlanges Ignoriertwerden angeknacksten Stolz: „Trotzdem gibt es keinen Grund, mich so zu behandeln.“ Unerbittlich heftig seine Reaktion: „Hör mir gut zu, Mädchen. Ich bin derjenige, der das Casting dort oben macht. Also entscheide ich auch darüber, wer von euch den Job bekommt. Wenn du glaubst etwas Besseres zu sein, kannst du jetzt eigentlich sofort gehen.“ Klare Ansage. Die Menschenrechtlerin in eigener Sache zieht gehorsamihre Beine ein. Es folgt eine beeindruckende Gruppen-Choreografie der Demut, denn eingeschüchtert ziehen alle wartenden Bewerberinnen ihre langen Gliedmaßen ganz nah zu sich, um dem Castingchef den Weg nicht zu erschweren. Ihre Blicke sagen: Bitte tritt uns nicht,wir sind doch nur Models!

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