Leuchtende Nächte: Das Geheimnis der (heimischen) Glühwürmchen
Hierzulande haben Glühwürmchen um den 24. Juni Hochsaison. Doch die Strahlkraft der Leuchtkäfer ist nicht ungetrübt.
Nächtelang fing Orit Peleg in den Sümpfen South Carolinas Glühwürmchen ein, brachte die Männchen – bekannt für ihre synchronen Lichtspiele – einzeln in ein abgedunkeltes Zelt und simulierte mit schwachen LEDs die Signale von Artgenossen in unterschiedlichen Intervallen.
Dabei stellte sie fest, dass Photuris frontalis keinem starren Rhythmus folgte. Vielmehr passten sich die sozialen Überflieger dem vorgegebenen Takt an. Leuchtete das künstliche Signal kurz vor ihrem eigenen Blinkzeitpunkt auf, beschleunigten sie ihren nächsten Blitz; erschien das LED-Licht kurz danach, verzögerten sie ihre Reaktion.
Im Experiment synchronisierten Männchen flexibel ihre Signale
„Zu bestimmten Zeiten hat die ganze Gruppe einen einzigen Rhythmus, die Glühwürmchen sind dabei sehr pünktlich“, kommentierte die Forscherin an der University of Colorado Boulder ihre Ergebnisse kürzlich in einer Aussendung.
In Österreich kommen drei Arten mit unterschiedlicher Strahlkraft vor
Österreichs Nachtschwärmer flirten anders; die drei heimischen Spezies – auch Johanniskäfer genannt – funken artspezifisch durcheinander.
Rund um den Globus gibt es ca. 2.000 Leuchtkäferarten; die meisten können Lichtsignale senden. Bei manchen Spezies besitzt nur ein Geschlecht Leuchtorgane, bei anderen sind Weibchen und Männchen zur Biolumineszenz fähig.
Das kalte Licht der Biolumineszenz erzeugen die Leuchtkäfer durch chemische Reaktionen in speziellen Zellen: Durch das Enzym Luciferase und Sauerstoff wird Luciferin aufgespalten. Die dabei freigesetzte Energie wird als Licht abgegeben. Die heimischen Arten tun das über das Hinterteil, in dem auch eine reflektierende Schicht liegt.
Heute dient die Biolumineszenz der Partnerwerbung. Früher wurde sie wohl zur Warnung eingesetzt. Neueste Forschungsarbeiten gehen davon aus, dass die Fähigkeit ursprünglich als entgiftender Zellschutz entstand.
Das Kleine Glühwürmchen, Lamprohiza splendidula, ist hierzulande am häufigsten. Das fliegende Männchen signalisiert mit grünlichem Stakkato-Blinken, dass es zur Fortpflanzung bereit ist. Das flugunfähige Weibchen antwortet mit permanentem Leuchten.
Kleine Glühwürmchen sind in Österreich am häufigsten
Der große Verwandte, Lampyris noctiluca, ist etwas seltener. Nur das bis zu 20 mm lange Weibchen am Boden glüht hell ohne Unterbrechung; die potenziellen Partner können kein Licht erzeugen.
Der Kurzflügel-Leuchtkäfer, Phosphaenus hemipterus, der gar nicht abhebt, sendet matte Blinklichter im Zwei-Sekunden-Takt, gefolgt von unregelmäßigen Pausen. Das Weibchen, eine Funzel, lockt mit Pheromonen.
Ob die Johanniskäfer rund um den Johannistag am 24. Juni zahlreich auftreten, hängt von vielen Faktoren ab.
Klimawandel setzt den Insekten zu
„Die Zeit, in der sich Männchen und Weibchen suchen, ist nicht besonders lang“, sagt Carolina Trcka-Rojas vom Naturschutzbund Österreich. Von Mitte Juni bis Ende Juli müssen sich die Käfer zum Stelldichein zusammenfinden.
Einmal dem Larvenstadium entwachsen, können sie keine Nahrung mehr aufnehmen, die voll entwickelten Insekten zehren von den Reserven, die sie die drei Jahre davor angefuttert haben. Für die erste Liebe gibt es keine zweite Chance. Jeder Störfaktor kostet tierisch Leben.
Das Wetter beeinflusst jedes Entwicklungsstadium
„Das Wetter spielt in jedem Stadium eine wichtige Rolle“, sagt die Biologin. Folgt auf einen milden Winter ein Kälteeinbruch im Frühling und fehlen wärmende Laubhaufen, erfrieren die Sechsfüßer, bevor sie auf Brautschau gehen können. Mit dem Klimawandel mehren sich die Extremwetterereignisse, es können keine Funken fliegen. Ohne Sex, kein Nachwuchs.
Dauerbeleuchtung lotst Glühwürmchen zu falschen Zielen.
Dabei haben es die morsenden Überflieger auch ohne Starkregen, Sturm und Hagel schwer genug, ziehen sie doch nicht nur paarungswillige Partner an, sondern ebenso jede Menge Prädatoren.
Johanniskäfer sind ein wichtiger Bestandteil der Nahrungskette
Für Fledermäuse und dämmerungsaktive Vögel sind die fliegenden Leuchtkäfer gefundenes Fressen, die Individuen am Boden machen Reptilien, Amphibien sowie andere Insekten satt. Erkennen Glühwürmchen diese Gefahren, unterbrechen sie die Kommunikation.
„Lichtverschmutzung verwirrt Glühwürmchen. Dauerbeleuchtung lotst sie zu falschen Zielen“, verweist Trcka-Rojas auf eine weitere Bedrohung. Schwirren die Käfer zu lange um die Laterne, verhungern sie, ohne ihre Gene vererbt zu haben.
Eine britische Studie zeigte 2023, dass Männchen, die weißem Licht ausgesetzt sind, ihre riesigen Facettenaugen mit einem Kopfschild schützen und dann im Blindflug deutlich seltener Weibchen erreichen.
„Glühwürmchen reagieren total empfindlich auf Herbizide, Pestizide und – vielen nicht bewusst – auf Schneckenkorn“, sagt die Tierökologin. Larven ernähren sich fast ausschließlich von Schnecken. Töten sie die Schleimer mit einem Giftbiss und fressen die Beute, sterben auch sie.
Chemie in der Landwirtschaft und im Garten macht die Insekten krank
Nicht zuletzt setzt Dünger den Tierchen zu; er kann sie trotz Chitinpanzers krank machen. Die Naturschutzbund-Expertin ruft daher zum ökologischen Bewirtschaften auf: „Ein strukturierter Garten mit wilden Ecken, naturnahen Beeten und Laubverstecken bietet Insekten Lebensgrundlage. Je mehr Arten es gibt, desto wohler fühlt sich der Mensch.“
Die heimischen Glühwürmchen funkeln noch bis Anfang August. Die Verwandten in Übersee haben ihre synchrone Lichtshow bereits vor drei Wochen beendet.
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