freizeit | Gehen
22.04.2017

Reif für die Insel

Reichsbrücke – Einlaufwerk Langenzersdorf – Bahnhof Langenzersdorf: 13.000 Schritte

Ich gehe entlang den Ufern der Donauinsel von der Reichsbrücke bis zum Einlaufbauwerk Langenzersdorf. Ich begebe mich dabei nicht nur auf eine ernstzunehmende, kleine Wanderung, sondern ein kleines, urbanes Abenteuer.
Alles beginnt an der U1-Station „Donauinsel“, wo ich mich zwischen Menschen aus der U-Bahn quäle, die offenbar talentierter darin sind, bunte Funktionswäsche einzukaufen, als ihre Rollerblades zu kontrollieren. Von hier erstreckt sich die Insel etwa zehn Kilometer nach Nordwesten und elf nach Südosten.
Ich entscheide mich für die Tour zur nordwestlichen Spitze der „Insel“, wie wir Stammgäste salopp sagen. Die Hochhäuser der gegenüberliegenden Platte spiegeln sich im Entlastungsgerinne, und ich bin einmal mehr erstaunt, wie schlank, elegant und zeitgemäß sich der DC-Tower aus nächster Nähe präsentiert, ein würdiges Wahrzeichen für den neuen Stadtteil Kagran, für den ich mir bald den geplanten Schwesternturm wünsche, damit das Ensemble endlich komplett ist.
Während ich schon die Brigittenauer Brücke hinter mir lasse und auf die Floridsdorfer zumarschiere, fällt mir eines meiner liebsten Lieder von Roland Neuwirth ein, dem Extremschrammler. Es heißt „Oba du bist mei Kittlfaltn“ und beschwört einen späten Nachmittag im Überschwemmungsgebiet, dem städtebaulichen Vorgängerprojekt zur Donauinsel, drüben am Floridsdorfer Ufer. Ich erinnere mich noch an diese flache Stadtlandschaft, in die scheinbar wahllos Fußballtore gestellt worden waren, so dass kreuz und quer gekickt wurde, wenn man nicht einfach auf der faulen Haut lag oder den Mädels mit den Worten des Herrn Karl „Gemma schwimmen, meine Damen?“ zurief.
„Die Eiszapfn hängen obe/von de Fuaßballgol/die Möwen spielen gegen die Raben/a Match ohne Boi ...“
Kein Neuwirthlied hat eine schönere Apotheose, und auch wenn die Erinnerung an das winterliche Überschwemmungsgebiet süß und melancholisch ist, mein Staunen über diese Insel, auf der ich gerade gehe, und dass sie binnen sechzehn Jahren, zwischen 1972 und 1988 in die Landschaft gestemmt wurde, ist mächtiger. 3,9 Quadratkilometer Fläche, die von Wienern aller Herkünfte, Gesinnungen und Manieren genutzt werden, um Sport zu betreiben, die Hunde Sport betreiben zu lassen oder die zahlreichen Grillplätze in blau rauchende Partyzonen zu verwandeln.
1,8 Millionen Bäume und Sträucher wurden hier gepflanzt, insgesamt 170 Hektar Wald. Über sie lässt sich nur sagen, was für die meisten Benutzer der „Insel“ gilt: Als wären sie immer schon hier gewesen.
Hinter der Nordbrücke wird der Gegenverkehr spärlicher. In den Auwäldchen, die das Donauufer bewachsen, sonnen sich im Sommer die Nacktbader. Einen treffe ich jetzt schon an, der sich, wie er sagt, bei jedem Wetter sonnt. Ja, auch bei Regen, wissen Sie, die UV-Strahlen ...
Längst haben die Biber das Ufer erobert. Ihre Arbeiten, kunstvoll in Form genagte Baumstümpfe, stehen wie Kunstobjekte am Wasser und geben der Stadt, deren Silhouette weit drüben am anderen Ufer zu sehen ist, eine neue Façon.

christian.seiler@kurier.at