Guten Morgen, Eure Majestät!

Alexandra Klobouk<br />
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gehen Woche 38 2017…
Foto: Alexandra Klobouk  <br />
 

Unteres Belvedere – Oberes Belvedere – Unteres Belvedere: 600 bis 6000 Schritte. Je nachdem.

Ich gehe durch den Schlosspark des Belvedere. Im Gegensatz zum benachbarten Botanischen Garten öffnet der Belvedere-Park schon früh, um halb sieben, und im Tausch gegen das frühe Aufstehen bekomme ich das anmaßende Gefühl majestätischer Zeitlosigkeit zugeteilt, denn der Spaziergang, der vom Rennweg über drei Ebenen sachte bergauf führt, kommt dem ursprünglichen Zweck dieses Gartens erstaunlich nahe.

Der barocke Schlossgarten, vom Kurbayrischen Gartenarchitekten Dominique Girard um 1700 im französischen Stil entworfen, diente "hauptsächlich als Bühne zum Lustwandeln, Promenieren und Konversieren und sollte gleichzeitig Macht, Weisheit und Reichtum seines Besitzers vor Augen führen". So lautet die offizielle Lesart der Schlossverwaltung.

Lustwandeln, ja. Promenieren, sowieso. Aber statt des Konversierens nutze ich den Schlosspark als Paradies für Ablenkungen. Am Unteren Belvedere vorbei schlendere ich zuerst durch die symmetrisch angelegten und von Hecken eingefassten Parzellen des untersten Parterres. Sie suggerieren Intimität und Übersichtlichkeit. Erst wenn ich sie hinter mir lasse, geht der famose Blick auf der Oberen Belvedere in seiner ganzen Virtuosität auf, und die barocke Architektur des Lucas von Hildebrandt entfaltet augenblicklich die beruhigende Wirkung von "Macht, Weisheit und Reichtum".

Ich erinnere mich jetzt an den Tag, als hier, im mittleren Parterre, im Angesicht von Schloss und Kaskadenbrunnen, ein indisches Paar mit ein paar tausend Gästen Hochzeit feierte.

Fand ich irgendwie großartig – oder sagen wir: weise –, Milliardäre teuer dafür bezahlen zu lassen, dass ich jetzt, nur begleitet von einem Early-Bird-Jogger, der mit gut gedämpften Sohlen geräuschlos nach oben eilt, diesen fantastischen Garten praktisch allein für mich habe. Meine Laune wird noch besser, als das Licht, gerade noch fahl, schon das Register wechselt und auf goldenen Herbst umschaltet.

Die Skulpturen des Schlossparks interpretieren ja den Niveauunterschied zwischen Oberem und Unterem Belvedere als den langen Weg von der Unterwelt hinauf in den Olymp. Diesen Weg hatte ich mir beim Lesen der Mythologie irgendwie aufregender vorgestellt – jedenfalls mit mehr Höhenunterschied als 27 Meter, und ganz sicher nicht flankiert von dem wunderbaren Blumenschmuck, der die etwas zwänglerische Symmetrie der Gartenbepflanzung gerade mit anarchischer Wachstumswut in etwas Verspieltes, Lebendiges, Lässiges verwandelt. Weiße und rosa Stockrosen sorgen für ein wildes, sprießendes Durcheinander, blaue Katzenminze für lebendige Farbkleckse, gelbe Tagetes für Volumen.

Gute Entscheidung, nicke ich zufrieden, den Garten ein bisschen über sich hinauswachsen zu lassen. Trüge ich einen Hut, ich würde ihn jetzt ziehen, und wenn ich schon dabei wäre, grüßte ich auch gleich Kaiser Joseph II., der 1780, nachdem er in der Hofburg den Thron bestiegen hatte, diesen Garten für die Allgemeinheit öffnen ließ.Gut gemacht, Chef. Schade, dass Du keine Zeit mehr hast, mit mir die Blumen zu streicheln.

christian.seiler@kurier.at


 

(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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