Der Rest der Geschichte ist wichtig

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Foto: Alexandra Klobouk

Untere Donaustrasse – Franzensbrücke – Dampfschiffstrasse: 250 Schritte

Ich gehe durch Wien, wie fast jeden Tag. Meistens finde ich schnell meinen Rhyhtmus, aber manchmal stolpere ich. Nein, ich meine nicht das patscherte Stolpern, das passiert, wenn ein Schuh plötzlich länger ist als gewohnt, oder wenn ich versuche, bei gleichbleibender Gehgeschwindigkeit eine komplizierte SMS zu beantworten.Ich meine das metaphorische Stolpern, wenn ich irgendwo in der Stadt um die Ecke biege und vor einer Hauseinfahrt den messingfarbenen Schimmer sehe, der Nachrichten aus einer anderen Zeit ankündigt.Die quadratischen Stolpersteine sind Mahnmale für Menschen, die in der NS-Zeit verfolgt, ermordet, deportiert oder vertrieben wurden. In ihre Messingoberfläche sind die Namen und Daten dieser Personen eingraviert, Menschen wie du und ich, die hier in diesen Häusern gelebt haben, bis sie aus ihren Biografien gerissen wurden, weil sie Juden, Roma, Sinti oder Schwule waren. Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, das in Wien von mehreren Erinnerungsinitiativen übernommen wurde. Rund tausend dieser Steine sind in Wien bis dato verlegt worden, in ganz Europa über 60.000.An anderen Ecken Wiens empfangen mich, wenn ich aufs Trottoir hinunterschaue, ganze Geschichten. Plötzlich stoße ich auf mit Straßenmarkierfarbe aufgebrachte Großbuchstaben, die den Rhythmus meiner Schritte unterbrechen und mich in eine Geschichte hinein holen, die sich hier, wo diese Buchstaben zuerst Worte, dann Sätze bilden, zugetragen haben, so dass aus den Geschichten, kaum habe ich sie entziffert, Geschichte wird.Auch diese Geschichten erzählen Vorkommnisse aus der NS-Zeit. Sie sind persönlich, erschütternd, grausam, menschenverachtend – und banal. Sie zeigen, welche Grausamkeit oft kleinen Entscheidungen, Manövern, Gesten und Wahrnehmungen innewohnt.Die Textlinien sind Teil des Projekts "Alltagsskulpturen Mahnmal" der Künstlerin Catrin Bolt. Sie basieren "auf persönlichen Beschreibungen von Vorfällen im Stadtraum Wien", und sie reißen mich jedes Mal von neuem aus dem Kokon meiner Gedanken, zum Beispiel, wenn ich über die Franzensbrücke vom Prater ins Weißgerberviertel gehe, wo folgende Geschichte erzählt wird: VOR ALLEM HAB ICH MEINE ERSTE GROSSE LIEBE IN DIESER ZEIT ERLEBT. WIR HABEN ZUSAMMEN GEDICHTE GELESEN, SIND SPAZIERENGEGANGEN UND HABEN UNS IM STADTPARK GETROFFEN, WO WIR UNS NICHT NIEDERSETZEN DURFTEN, WEIL AUF DEN BÄNKEN "NUR FÜR ARIER" STAND. EINES TAGES IST ER NICHT ZU EINEM RENDEZVOUS NACH DER SCHULE GEKOMMEN, UND DA HAT ES SICH HERAUSGESTELLT, DASS DIE NAZIS, IRGENDWELCHE SA-SADISTEN, IHN MIT EINEM PLAKAT "KAUFT NICHT VON JUDEN" ÜBER DIE FRANZENSBRÜCKE HIN UND HER GEHEN LIESSEN, EINEN GANZEN NACHMITTAG. ER WAR EIN BESONDERS FEINER, SENSIBLER BURSCH, UND DAS HAT IHN WAHNSIN

Der Rest der Geschichte steht nicht mehr da. Die Straße wurde ausgebessert, mit schwarzem Asphalt. Meine Bitte an alle, die damit betraut sind: Sorgt dafür, dass die Geschichte ihren Schluss zurückbekommt. Ich möchte diese Erinnerung nicht missen.

christian.seiler@kurier.at


 

(KURIER freizeit am Samstag) Erstellt am
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