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freizeit Family
03/26/2020

Vorlesetag: Warum Lesen das Tor zur modernen Welt ist

Am 26. März ist Vorlesetag - die Aktionen finden heuer alle nur online statt. Warum Lesen gerade in der digitalen Welt so nötig ist.

von Ute Brühl

Lesen und Vorlesen haben in Zeiten, in denen Familien zu Hause bleiben müssen, Hochkonjunktur. Hoffentlich. Ganz besonders am heutigen Vorlesetag, an dem es viele Vorlese-Aktionen gibt. Motto: Lesen kann man überall, auch zu Hause mit den eigenen Kindern. Statt live lesen heuer viele Promis wie Chris Lohner oder Erich Schleyer im Halbstundentag online.

Doch wie motiviert man Kinder, ein Buch in die Hand zu nehmen? Lesen Jugendliche heute noch? Darüber diskutieren auf Einladung des Jugendrotkreuzes Ulrike Hanka, Pädagogin und Landesgeschäftsführerin ÖJRK NÖ, Philipp Riederle, Autor und Vertreter der digitalen Generation, Autorin Cornelia Travnicek sowie Gabriele Liebentritt, Pflichtschullehrerin und Dozentin an der Pädagogischen Hochschule NÖ u.a. zum Thema Lese-Rechtschreibschwäche. Das Jugendrotkreuz hat jetzt eine Reihe nur Zeitschriften herausgegeben, die junge Menschen zum Lesen anregen soll (siehe Infokasten).

 

Fünf Zeitschriften

Spannender Lesestoff auf Deutsch und Englisch, Hörverständnisübungen, Lernspiele sowie multimediales Unterrichtsmaterial –  das bieten die fünf neuen Schülermagazine
„Hallo Schule!“, „Meine Welt“, „Mein Express“, „SPACE“ und „SPOT“ Start mit Beginn des  Schuljahres 2019/20.

Für jedes Alter

Mit acht Ausgaben pro Jahr soll Schülern aller Altersstufen Spaß am Lesen und so Lesekompetenz vermittelt werden. Entwickelt wurde die neue Zeitschriftenreihe, in der Bücher inbegriffen sind, vom Österreichischen Jugendrotkreuz gemeinsam mit dem Buchklub. Über dieses Angebot zur Leseförderung im Unterricht wird vom Bildungsministerium (BMBWF) in einem Erlass informiert. Das Besondere: Die Zeitschriften enthalten Online-Elemente, wie Videos, Arbeitsblätter und Hörbeispiele: www.gemeinsamlesen.at

Das steht drin

Inhaltliche Schwerpunkte sind z.B. Aspekte der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik), der sichere Umgang mit Medien, humanitäre Werteerziehung und Thematisierung des sozialen Miteinanders oder differenzierte Buch- und Lesetipps sowie Leseralleys. Mit Safer Internet, Kinderuni, Vienna Open Lab und Geolino stehen kompetente Partner zur Verfügung, die entsprechende Inhalte liefern.

12 bis 19 Euro

Die Kosten für ein Jahres-Abo liegen pro Schüler zwischen 12 und 19 Euro. Inbegriffen sind je nach Heft ein bis zwei Bücher mit Geschichten aus aktuellen Kinder- oder Jugendbüchern. Für sozial benachteiligte Kinder stehen bis zu 10 % Frei-Exemplare zur Verfügung.

Radio für junge Hörer

Das Jugendrotkreuz hat  während der Corona-Zeit ein spezielles Angebot für Kinder und Jugendliche:  Das Online-Radio Henri.fm  bietet Samstag und Sonntag 48 Stunden Geschichten, Reportagen  und Musik. Nachzuhören und zu finden  sind die Files später noch  auf der Seite  jugendrotkreuz.at/niederösterreich . Dort findet man zusätzlich noch die Geschichten, die Paul Sieberer, Autor und Erzähler, aus seinen Werken liest – diese  werden auch in englischer, türkischer und tschechischer Sprache vorgetragen.

KURIER: Frau Hanka, warum ist dem Jugendrotkreuz das Thema Vorlesen so wichtig?

Ulrike Hanka: Bildung und Lesen sind der Schlüssel zur Welt. Ich kann an der Gesellschaft nur teilhaben, wenn ich mir Inhalte erschließen kann – Mails, Zeitungen oder Bücher lese. Ich muss die Botschaft darin entschlüsseln und sinnerfassend annehmen können. Das Jugendrotkreuz hat eine lange Tradition darin, Pädagogen und Schüler zu unterstützen: Wir stellen Leseangebote zur Verfügung, die hinsichtlich der Lesedidaktik und der Textauswahl dem entsprechen, was Kinder nach Vorgabe des Lehrplans lernen und können sollen. Dabei wollen wir wichtige Werte vermitteln, wie Demokratiefähigkeit, Humanität und Solidarität, und zum Lesen und Vorlesen animieren.

Herr Riederle, hat sich die Art zu lesen geändert?

Philipp Riederle: Für unsere Generation ist es selbstverständlich, dass wir überall und jederzeit Zugang zu jeder Information haben. Wir lesen mehr als jede Generation zuvor – WhatsApp, Mails etc.

Frau Tavnicek, manche Ihrer Bücher sind mittlerweile Schullektüre an der Oberstufe. Haben Sie das Gefühl, dass junge Menschen sich noch in Bücher versenken und diese in ihrer Komplexität verstehen können?

Cornelia Travnicek: Ich mache mir als Schriftstellerin in der Belletristik eher keine Gedanken, ob ein Leser mein Buch von der Komplexität her versteht. Literatur ist eine Kunstform, da geht es ja nicht um Gebrauchstexte. Mit 16 darf man wählen – ich glaube, da man sollte man auch fähig sein, ein literarisches Buch zu erfassen. Und mein Eindruck bei Lesungen in den Schulen ist, dass die Jugendlichen das durchaus noch können.


Warum ist es so wichtig, Kindern vorzulesen?

Gabriele Liebentritt: Vorlesen macht Freude, fördert die Konzentration und den Wortschatz. Sprachkompetenz ist die Basis fürs Lesenlernen. Sprache und Kommunikation sind immer mit Emotion verbunden – über das Vorlesen habe ich eine hohe emotionale Bindung. Ohne diese werde ich keine Sprache lernen. Das heißt: Vor Kindergarten- und Schuleintritt ist viel Zeit vergangen, in der sich wesentliche Zeitfenster für die Sprachentwicklung schließen. Deshalb müssen wir bereits im vorschulischen Bereich in den Familien ansetzen.

Riederle: Das Vorlesen nimmt leider in allen Familien ab – in allen Schichten. Schauen Sie sich in Restaurants um: Kinder werden vor Handys geparkt, weil es Eltern zu anstrengend ist, sich mit ihnen zu unterhalten.

Kann man Neue Medien nutzen, um Kinder an das Lesen heranzuführen?

Riederle: Ja, dort, wo Kinder nicht lesen können. Es gibt Apps, die vorlesen und mit dem Cursor zeigen, wo man steht. Grundsätzlich gilt: Um alle Chancen der Neuen Medien zu nutzen, ist das Lesen unheimlich wichtig. Denn ohne dass ich lesen kann, kann ich all das, was mir die digitale Welt eröffnet, nicht nutzen. Weil so viel Kommunikation über Text stattfindet, ist der, der nicht lesen kann, noch viel weniger Teil einer Gesellschaft. Viele Dienstleistungen sind heute Selfservice – Online-Banking ist heute Standard. Da ist Lesen der Schlüssel, um in der immer komplexer und digitaler werdenden Welt mithalten mitzuhalten zu können. Liebentritt: Das Internet bringt eine andere Form des Lesens mit sich. Bücher werden linear von links nach rechts gelesen, Zeile für Zeile. Das digitale Lesen ist vergleichbar mit einem Spinnennetz. Es wird von oben nach unten, quer, selektiv und sprunghaft gelesen. Beides hat seine Berechtigung.

Wie schaffen Kinder den Sprung von einfachen Texten hin zu komplexen Büchern und Geschichten?

Travnicek: Das ist ein Prozess, der früh beginnt: Man beginnt nicht mit einem Gebrauchstext und hangelt sich zu Geschichten vor. Es ist andersherum: Geschichten zu erzählen, ist zutiefst menschlich. Alle Erfahrungen, alles Wissen wurde in Geschichten transportiert – weil es durch Emotionen zugänglicher wird. Kinder haben eine Neugier an Geschichten: Ein Film, ein Buch, eine Erzählung der Oma. Wenn Kinder sehen, dass Erwachsene lesen und vorlesen, bleibt ihr Interesse an Geschichten aufrecht. Irgendwann wird ihnen klar, dass die Geschichte in den Zeichen versteckt ist. Der Schlüssel zu vielen Geschichten ist es, diese Zeichen zu verstehen. Wenn man dieses Wissen früh platziert, werden viele von alleine lesen lernen wollen. Sie verstehen, dass es Zugang zur Gesellschaft, zu Wissen, zur Unterhaltung ist.

Manchen ist das Lesen zu anstrengend, auch weil ihnen der Wortschatz fehlt. Wie begegnet man dem?

Liebentritt: Mit einem differenzierten Leseunterricht und einem vielfältigen Leseangebot. Zu Beginn der 1. Klasse gibt es Schüler, die bereits lesen können und andere, die eine deutliche Sprachentwicklungsverzögerung aufweisen. Der Lehrer oder die Lehrerin kann bereits in der Phase der Buchstabenerarbeitung den Unterricht öffnen. Dafür gibt es z.B. jetzt auch die neuen Unterlagen vom Jugendrotkreuz (siehe Kasten rechts). Das Kunststück der Lehrenden ist es, so differenziert zu arbeiten, dass jedes Kind gefördert wird. Dazu braucht es Unterstützung von außen, weil der Prozess des Lesenlernens viel Übung benötigt. Wo es zu Hause keine Unterstützung gibt, kann das die Lehrerin nicht alleine leisten. Hier ist die Unterstützung durch Lesepaten sehr hilfreich.

Wie ist es mit Kindern, die Deutsch nicht als Muttersprache haben?

Travnicek: Bei denen, die spät Deutsch lernen, muss es auch Angebote in der Erstsprache geben. Diese muss so lange gepflegt werden, bis sie Erwachsenenniveau erreicht hat. Das ist die Basis, auf der ich Deutsch lernen kann.

Riederle: Mehrsprachigkeit verändert die Art, wie wir die Welt wahrnehmen. Studien zeigen, dass Menschen einen leicht unterschiedlichen Charakter haben, wenn sie verschiedene Sprachen sprechen. Spannend: Wenn man digital liest, bleibt nicht so viel hängen, wie wenn man im Buch liest. Warum?

Travnicek: Der Mensch lernt mit allen Sinnen - riechen, hören, sehen: Das Spüren, der Duft des Papiers kann komplexeren Sinneseindruck hinterlassen.

Wie schafft man es, bei den vielen Ablenkungen, sich zu konzentrieren?

Riederle: Die Konzentrationsspanne ist ein relevantes Thema – das erlebe auch ich, der ich beruflich Texte schreibe und Studien auswerte. Die Ablenkungsquellen sind riesengroß. Social Media, Apps und Spiele sind so programmiert, dass sie süchtig machen. Schließlich verdienen sie ihr Geld mit Werbung.

Gibt es eine Gegenstrategie?

Riederle: Mein Handy vibriert und klingelt nicht. Auch das Mailprogramm stelle ich ab. Wenn ich digital lese und dabei nicht dauernd Nachrichten bekomme, schaffe ich es besser, mich zu konzentrieren. Tue ich das nicht, sitze ich den ganzen Tag vor dem Rechner, habe eine schwierige Aufgabe vor mir und mache irgendwas, bin am Ende des Tages geistig erschöpf, denn die ganze Informationsaufnahme und Kommunikation ist kognitiv anspruchsvoll. Ich habe viel gemacht, aber nicht das, was ich tun wollte.

Muss man konzentriertes Arbeiten in der Schule üben?

Hanka: Bei unserem Schwerpunkt „Digitale Menschlichkeit“geht es darum, Betreuungspersonen bewusst zu machen: Wie gehe ich selbst mit digitalen Medien um? Was könnte ich anders machen? Wie kann ich das Kindern weitervermitteln, damit sie gut damit leben können? Verbote sind keine adäquate Lösung.

Liebentritt: Ja, konzentriertes Lesen braucht Übung. Schulische Lesearbeit – wie bearbeite ich Texte, wie gliedere ich sie, wie spreche ich darüber – erfordert eine permanente Begleitung bis in die Oberstufe. Es gibt auch noch den Leseknick – vor allem Buben hören im Alter von 11, 12 Jahren mit dem Lesen auf. Ein Grund: Lesen ist eher weiblich konnotiert. Dem muss ich mit Texten entgegenwirken, bei denen auch Buben dranbleiben. Das sind Zeitschriften, Comics, Sachbücher, Literatur mit männlichen Helden…

Travnicek: Sobald ich das Gefühl habe, Lesen ist anstrengend oder ich blamiere mich, ist es mit negativen Erfahrungen verbunden. Es muss vorher geschafft werden, dass positive Erfahrungen da sind. Wenn ich einmal die Kraft der Konzentration, meiner Versenkung in etwas erfahren habe, werde ich diesen Zustand zurück haben wollen.