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freizeit
05/04/2019

Star-Fotografin von Unwerth: Sie hat Claudia Schiffer entdeckt

Ellen von Unwerth über ihre Arbeit, erotische Aufnahmen und die bildliche Inszenierung von Frauen in der modernen Welt.

von Barbara Reiter

Sie ist die gefragteste Modefotografin der Welt und hatte (und hat) beinahe jeden Star vor der Kamera. „Als Nächstes“, erzählt Ellen von Unwerth der freizeit am Telefon von New York aus, „werde ich Christina Aguilera fotografieren.“ Außerdem eine ihr gewidmete Ausstellung in New York eröffnen, den Cast für eine neue MTV-Show in Szene setzen und und und ... Über wenig Nachfrage  kann sich die gebürtige Deutsche, die als Zweijährige ihre Eltern verlor und in Waisenhäusern aufgewachsen ist, nicht beklagen.
Trotzdem findet sie Zeit, am 9. Mai bei „Preiss Fine Arts“ in der Wiener Innenstadt ihre Ausstellung „Affairs“ persönlich zu eröffnen. Ihr Foto von Top-Model Elle Macpherson (New York 2004), hat uns die Fotografin exklusiv  zur Verfügung gestellt. Eine besondere Ehre, wie sich im Interview herausstellt.

Frau von Unwerth, welches Ihrer  Bilder, die in Wien gezeigt werden, ist Ihnen das Liebste?
Das ist schwierig zu sagen, bei  den vielen Bildern, die ich gemacht habe. Aber ich liebe das Bild von Elle Macpherson, auf dem sie sich mit der Times bedeckt. Auf der hinteren Seite ist Tony Blair abgebildet, der ihr auf den Busen guckt.Ich mag es gerne, wenn Bilder nicht nur sexy, sondern auch humorvoll sind.

Können Sie sich an dieses Shooting denn noch erinnern?  
Bilder sind ja wie ein Tagebuch.Ich habe ein gutes Gedächtnis dafür.

Der weibliche Körper  und seine Inszenierung spielt in Ihren Bildern eine große Rolle. Wie schaffen Sie es, Frauen nicht zum Objekt zu degradieren?
Der menschliche Körper wurde in der Kunst schon immer gefeiert. Das hat schon mit Statuen begonnen. Wenn sich eine Frau in ihrem Körper wohlfühlt, selbstbewusst ist und Vertrauen zu mir hat, ist es schön, diesen Moment zusammen zu verbringen und darzustellen. Deshalb wird eine Frau auf meinen Bildern auch nie wie ein Objekt aussehen. Für mich ist das Äußere nicht so wichtig, viel mehr die Persönlichkeit. Das bedeutet, dass nicht unbedingt die Nacktheit ein Foto sexy macht, sondern ein Blick oder eine Bewegung in einem bestimmten Moment. Jedenfalls hat es damit zu tun, dass ich selbst eine Frau bin, Frauen mag und sie so stark wie möglich darstellen möchte. Im Übrigen fotografiere ich auch Männer, nicht nur Frauen!

Wen fotografieren Sie lieber?
Auf jeden Fall Frauen. It’s A Woman’s World! Die Männer dürfen ab und zu mal Accessoire sein. Ich liebe Barbiepuppen, Make-up, Haare und habe Spaß am Drama. Wenn ich Männer fotografiere, dann lieber Schauspieler und Sänger als Models. Denn wenn Männer anfangen zu posen, zieht mich das überhaupt nicht an.

Sind Shootings nach der ganzen #Metoo-Debatte schwieriger geworden?                                                       Es ist wahr, dass in der Modewelt plötzlich alle irgendwie Angst bekommen haben. Es gibt jetzt jede Menge Regeln. Condé Nast zum Beispiel schickt mir zu jedem Shooting eine lange Liste mit Dingen, die man machen und nicht machen darf (Anm.: verlegt Magazine wie die Vogue). Das finde ich schon schlimm. Was man aber machen müsste, ist, den Leuten Respekt voreinander beizubringen. „Rules“ zu machen finde ich nicht gut.

Leider müssen nach so einer Debatte immer alle die Konsequenzen tragen. Auch die Menschen, die sich richtig verhalten haben.
Man denkt plötzlich darüber nach, ob das, was man tut, richtig ist. Dinge bewusst zu machen, finde ich gut, aber es geht um Kunst und die sollte nicht eingeschränkt sein und volle Freiheit haben. Ich verstehe natürlich, dass Männer und Frauen sich outen, wenn sie belästigt wurden. Andererseits geht es in der Werbung um Anziehungskraft und Sexualität. Das ist es auch, womit man Parfüms verkauft. Man muss von der Person, die man sieht, angezogen sein. Fliegen fängt man ja auch nicht mit Essig.

Können Sie eigentlich sofort erkennen, ob eine Person fotogen ist oder nicht?
Fotogen zu sein ist etwas Magisches. Es gibt Menschen, die im normalen Leben sehr schön sind, aber auf einem Bild nicht wirken. Umgekehrt gibt es Schauspieler, nach denen man sich auf der Straße niemals umdrehen würde. Sobald sie aber auf der Leinwand sind, sehen sie faszinierend aus. Es kommt auch stark rüber, wenn jemand Persönlichkeit hat. Da ich mehr das Leben einfange als nur ein hübsches Gesicht zu zeigen, ist mir Persönlichkeit sehr wichtig.

Sie haben Claudia Schiffer entdeckt. Haben Sie Ihr Potenzial sofort erkannt?
Ich habe Claudia damals für die Elle fotografiert und dachte, das ist ein hübsches, liebes Mädchen. Erst als ich die Fotos gesehen habe wurde mir klar, dass sie aussieht wie Brigitte Bardot. Sie hat diese Lippen, diese Zähne und  diese Augen. Wir haben sie mit viel Make-up und toupierten Haaren auf Bardot getrimmt und es wurde ein großer Erfolg. Man macht Sachen ja nie, weil man denkt, sie könnten ein Erfolg werden, sondern weil man Lust drauf hat. Das war wirklich großartig für uns alle!
 

Wir haben über das Frauenbild gesprochen. Sie waren Model und wurden später Fotografin. Mussten Sie stark sein, um ernst genommen zu werden?
Eigentlich habe ich gemacht, worauf ich Lust hatte und nicht darüber nachgedacht, ob ich eine Frau oder ein Mann bin. Ich hatte keine Probleme damit. Als Model habe ich mich oft gelangweilt, weil ich es immer anders machen wollte, als es die Fotografen mir gesagt haben. Dann hat mir mein damaliger Freund, der selbst Fotograf war, eine Kamera geschenkt und ich habe all das umgesetzt, was ich als Model nicht durfte. Ich sagte meinen Models, dass sie sich bewegen, sich ausdrücken und Spaß haben sollen und viel Persönlichkeit zeigen.

Sie gehören heute zu den angesehensten Fotografinnen der Welt. Wie lange hat es gedaut, bis Sie sich in der Branche durchsetzen konnten?
Meine Karriere hat sehr schnell abgehoben. Zwei Monate nachdem ich die Kamera von meinem damaligen Freund geschenkt bekommen hatte, wurden meine Fotos in der Zeitschrift von Freunden veröffentlicht. Danach hatte ich sofort einen Anruf von Katharine Hamnett (Anm.: britische Mode-Designerin), die mich für ihre erste Kampagne gebucht hat. Ich habe sie in einem Documentary-Reportage-Stil fotografiert, was zur damaligen Zeit etwas Neues war. Normalerweise fanden Shootings im Studio statt, wo es sehr ernst zuging. Es hat nicht lange gedauert, bis ich Aufträge für die Vogue, Face und das Interview-Magazine bekommen habe.

Beachtlich für jemanden, der keine fotografische Ausbildung hat. Reicht denn ein guter Blick aus und wussten Sie etwas über Technik?
Ich wusste überhaupt nichts von Technik. Mein Freund hat mir damals erklärt: „In der Mitte der Kamera ist ein Plus, ein Kreis und ein Minus. Wenn der Kreis aufleuchtet, drückst du ab.“ Und das habe ich dann gemacht. Anschließend habe ich mir ein Minimum an Wissen  angeeignet – wie man einen Film einlegt zum Beispiel. Ich habe auch schnell herausgefunden, welche Art von Filmen und  was für Farben ich mag. Das Körnige hatte mir immer gefallen und mein Schwarz-Weiß war sehr kontrastreich.  Das habe ich schnell gelernt. Auch mein Licht ist einfach. Ich dachte mir schon  als Model immer: „Warum bauen die so viele Lichter auf? Das ist ja furchtbar!“   Bei mir geht es viel mehr darum, was vor der Kamera passiert.
 

Welche Rolle spielt Ihre Kindheit in Ihrer Karriere? Sie sind ein Waisenkind. Kein leichter Start ins Leben.
Es gibt viele Menschen, die sich ständig über ihre Eltern beschweren. Ich hatte keine Eltern, aber mehrere Pflegeeltern und war in verschiedenen Waisenhäusern. Das hat mich stark gemacht, weil man einen Überlebenstrieb entwickelt, auch, wenn man nicht unbedingt glücklich ist. Aber man findet immer Leute, die gut zu  einem sind. Vielleicht sehe ich das so, weil ich eine eher positive Persönlichkeit bin. Jeder Mensch ist anders. Manchmal, finde ich, ist es sogar besser, in schwierigen Verhältnissen aufzuwachsen. Viele Künstler kommen aus armen Verhältnissen und hatten es schwer im Leben. Das bringt dich auch dazu, dich ausdrücken zu wollen.

Sie hatten alle großen Models vor der Kamera. Claudia, Naomi, Linda, Cindy ... Gibt es heute noch Topmodels dieser Klasse mehr?
Natürlich gibt es eine Kate Moss und eine Cara Delevingne. Aber ich glaube, dass die Designer heutzutage so viel Power haben, dass sie nur noch sehr, sehr junge Mädchen wollen. Vielleicht geht es ihnen gar nicht mehr darum, eine Persönlichkeit in den Vordergrund zu rücken, sondern nur noch darum, dass man weniger auf die Mädchen und mehr auf die Kleider schaut. Aber wenn früher eine Naomi (Anm.: Campbell) oder eine Linda (Anm.: Evangelista) auf die Bühne gekommen sind, war der ganze Raum elektrisch aufgeladen. Das war sehr inspirierend. Aber Mode ändert sich. Deshalb heißt es ja Mode. Jetzt setzt man auf Diversity (Anm.: Vielfalt), wo auch mal ein rundes Mädchen über den Laufsteg geht. Wer weiß, was morgen kommt?

Gibt es außer Diversity noch einen Trend in der Model-Szene?
Diversity ist wohl der größte Trend. Die Mädchen  sind auch nach wie vor  sehr dünn. Ich persönlich glaube aber, dass man sich nicht danach richten und so sein sollte, wie man sich wohlfühlt. Das Wichtigste ist es, froh zu sein und das Leben zu genießen!

Sie haben so viele Stars fotografiert. Wer würde Sie noch reizen?
Angela Merkel und Queen Elizabeth habe ich bisher noch nicht fotografiert. Angelina Jolie auch nicht. Da gibt es schon noch einige. Ich liebe den Film „The Favourite“, in dem Rachel Weisz und Emma Stone mitspielen. Die beiden würde ich auch sehr gerne fotografieren. Das macht meine Beruf ja so aufregend: Es gibt so viele Menschen, dass man immer wieder jemand Neues findet, den man fotografieren will.

Angenommen, ein normaler Mensch bildet sich ein, einmal von Ihnen fotografiert zu werden. Wie viel muss ich auf der hohen Kante haben?  
(lacht) Das kann ich Ihnen  jetzt wirklich nicht beantworten.

Versuchen wir es anders. Wäre es überhaupt möglich, als Privatperson von Ihnen fotografiert zu werden?
Ich habe so viel zu tun, dass ich nicht jeden Menschen auf dieser Welt fotografieren kann. Ich glaube, es ist nachvollziehbar, dass das zu viel wäre. Aber ein Selfie können wir schon machen, wenn ich am 9. Mai in Wien bin!
 

Info: Ellen von Unwerths  Ausstellung „Affairs“ ist in der Galerie „Preiss Fine Arts“ von  10. Mai bis 17. Juni zu sehen.  
Montag - Samstag von 10 bis 18:30 Uhr, Bauernmarkt 14, 1010 Wien.

www.preissfinearts.com

Die Fotografin und das Model

Ellen von Unwerth mit ihrem Foto von Naomi Campbell aus den 1990ern

Kate und David

Ellen von Unwerth fotografierte Top-Model Kate Moss und Musiker David Bowie 2003 für das „Q Magazine“. „Zwischen den  beiden war Freundschaft und Wärme zu spüren, obwohl sie einander  noch nie zuvor gesehen hatten.“

Wie alt ist diese Frau?

So sexy zeigt sich Top-Model Elle Macpherson - mit unglaublichen 40 Jahren.

Die Mädchen mit den Pfirsichen

Was denkt Ellen von Unwerth über Erotik in Bildern wie „Peaches“, aufgenommen in Rouilly-le-Bas 2002: „Man kann beim Betrachten von Fotos nicht in der Zeit stehen bleiben, in der sie entstanden sind. Man muss die heutige Welt einbeziehen“

Waisenkind, Topmodel, Star-Fotografin

Ellen von Unwerth, 65, wurde 1954 in Frankfurt am Main geboren. Ihre Eltern starben, als sie zwei Jahre alt war und von Unwerth lebte von da an bei Pflegefamilien und in Waisenhäusern. Als Teenager absolvierte sie verschiedene Jobs und war auch Nummern-Girl im Circus Roncalli. Mit 16 wurde sie nach einem Shooting für die Zeitschrift „Bravo“ als Model entdeckt und nach Paris geschickt. Ihr damaliger Freund, ein Fotograf, schenkte von Unwerth 1986 eine Kamera. Die Bilder, die das damalige Topmodel schoss, wurden in der Zeitschrift „Jill“ von Freunden von Unwerth  veröffentlicht. Sie erhielt sofort  Aufträge von namhaften Firmen und schaffte den Durchbruch, als sie 1989 Claudia Schiffer entdeckte. Ihr Erfolg hält bis heute an. Von Unwerth ist mit dem Musikproduzenten Christian Fourteau verheiratet. Rebbecca ist ihre gemeinsame Tochter. Von Unwerth lebt in Paris, New York und Berlin.