Der Urwald von Yasuní mit seinen unzähligen Flüssen und Lagunen ist das artenreichste Naturparadies der Erde

© mauritius images/Alamy/Mauritius Images

Amazonien
01/05/2019

Ecuador - die grüne Seele der Welt

Rio Napo, Ecuador – Lebensader der nicht kontaktierten Völker Amazoniens. JÜRGEN PREUSSERS abenteuerliche Expedition ins Reich der Anakondas, Kaimane und Jaguare.

Jackson dreht den Griff des Außenborders fast auf null. Langsam wie eine Schildkröte schleicht das schlanke Motorboot eine Sandbank entlang. Es ist einem Einbaum nachempfunden. Jackson kann den  Rio Napo weder permanent mit Vollgas noch schnurgerade stromabwärts fahren, um Passagiere tief ins Innere des Regenwaldes zu bringen. „Du musst die Strömung lesen“, begründet er den Zickzack-Kurs. „Sonst gehen wir alle baden.“
Nicht auszudenken, denn wir lernen bald, dass es hier Kaimane, Anakondas und Piranhas gibt. Was aber keiner unserer neunköpfigen Expedition durch den Regenwald Ecuadors weiß: Bald werden wir in diesem wichtigen Zufluss des Amazonas tatsächlich schwimmen.
 

Der Rio Napo entspringt an den westlichen Hängen der mächtigen Vulkane Cotopaxi, Cayambe und Antisana. Er wird von unzähligen Bächen gespeist, die unter den Gletschern dieser Fast-Sechstausender hervorsprudeln. 300 Kilometer östlich liegt Puerto Francisco de Orellana, ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt im ecuadorianischen Teil von Amazonien.  Hier fließt der Coca in den Napo, weshalb die Stadt El Coca genannt wird. Am Ausgangspunkt unserer Expedition knapp südlich des Äquators ist der Fluss zu einer gewaltigen Lebensader angewachsen. Inoffiziell sollen Stadt und Fluss ihren Namen den Coca-Plantagen zu verdanken haben, die es hier einst gab.

Leben vom Öl

45.000 Menschen leben hier. Die meisten sind Kichwa; oberflächlich betrachtet Nachfahren der Inkas. Auch Mauro und Jackson, ohne die unsere Gruppe verloren wäre, sprechen Kichwa, mit uns aber Spanisch und Englisch. Drei Viertel der Menschen in Coca leben vom Erdöl. Gleichzeitig ist der Yasuní-Nationalpark das artenreichste Gebiet der Erde.
 

Das Dilemma ist in drei Worten erklärt: Öl gegen Natur. Auf einem einzigen Hektar Land wurden über 500 Baumarten registriert. Mehr als in ganz Nordamerika. Insekten, Reptilien, Amphibien, Fische, Vögel, Säugetiere – in allen Kategorien liegt Yasuní weltweit im Spitzenfeld. Mauro kennt viele tausend Arten: „Sonst hätte ich keine Lizenz als Guide“, sagt er. „Der Dschungel ist kein Kinderspielplatz.“
Vor einigen Monaten sei einer seiner Freunde getötet worden. Er  habe am Ufer einen entwurzelten Baum wegräumen wollen, der auf einem der Nebenflüsse seinen Heimweg blockiert hatte. Am nächsten Tag sei er gefunden worden. Von Pfeilen durchbohrt. Seine Freundin habe schwer verletzt überlebt.

Die Kichwa  sind bei den unkontaktierten Völkern des Urwaldes ebenso unbeliebt wie die Gringos aus Nordamerika und Europa. „Weil wir uns arrangiert haben“, erklärt Mauro. Entlang der Flussufer haben sich viele  Kichwa-Familien angesiedelt. Bauern, Fischer, Jäger. Manche leben von kleinen Tourismus-Projekten. Tiefer im Regenwald ist das Volk der Huaorani zu Hause.
Zwei Naturvölker – die Taromenane und Tagaeri – haben sich von den Huaorani abgespalten, verweigern den Kontakt und stehen der westlichen Zivilisation feindselig gegenüber.

Gebiete sind tabu

Nicht nur darum gibt es einen Regierungsbeschluss, wonach ihre Gebiete tabu bleiben sollen: Durch fremde Viren und Bakterien wären die rund 300 Taromenane zum Aussterben verurteilt. Von den 50 Tagaeri fehlt seit einiger Zeit jede Spur. Die aktuelle Regierung will das unberührbare Gebiet für die Ölförderung freigeben.
 

Während der Missionierung und der Suche nach Bodenschätzen kam es oft zu Konfrontationen. Immer wieder werden Holzfäller und Ölarbeiter von den in freiwilliger Isolation lebenden Menschen getötet. „Wir wissen nicht alles“, sagt Mauro. „Denn es gibt Völker, die hat keiner von uns je zu Gesicht bekommen.“
Unvorstellbar? Nach den ersten fünf Stunden einer Wanderung im tiefsten Dschungel erreichen wir einen Aussichtsturm, der die fünfzig Meter hohen Baumkronen um ein paar Meter überragt.

Unentdeckte Völker

Atemberaubend: Farbenprächtige Papageien-Schwärme, brüllende Affen, Faultiere, Tukane. Wir hätten nur einen kleinen Teil von all dem entdeckt, doch Mauros Gespür für die Natur verblüfft uns im Minutentakt. „Dreht euch im Kreis“, sagt er. Ein grüner Ozean auf 360 Grad soweit das Auge reicht. „Jetzt habt ihr ein Zehntausendstel Amazoniens gesehen“, lacht Mauro.  Dass irgendwo da draußen unentdeckte Völker leben, ist mit einem Schlag nicht nur vorstellbar, sondern sonnenklar.
 

Unsere Expedition zieht weiter. Mauro zeigt uns Lebewesen, an denen wir in unseren Gummistiefeln einfach vorbeigelatscht wären: Winzige Frösche, giftiger als die gefährlichste Schlange. „Die auf den Bäumen sind harmlos, die am Boden tödlich“, erklärt der Guide. Die buntesten Frösche liefern das Gift für die Jagdpfeile der Kitchwa und Huaorani.  Gleich danach sieht der Guide eine Herde von Tapiren durch das Dickicht huschen, wenig später bemerkt er ein Wasserschwein. Lauter potenzielle Beutetiere der Huaorani. Aber viel zu schnell und zu gut getarnt für europäische Augen. Nur die Pflanzen in ihrer vielfältigen Blütenpracht halten still. „Nicht alle“, sagt  Mauro. „Es gibt einen Baum, der wandert, bis er einen Stamm findet, den er umwickelt und langsam umbringt.“

Manche Naturgeschichten aus dem Herzen des Yasuní-Nationalparks sind so unglaublich, dass man sie einfach glauben muss. Wieder bleibt unser Guide abrupt stehen: Er beugt sich über eine Spur im Lehm: „Jaguar“, flüstert er. „Zu weit weg“, sagt er kurz danach enttäuscht. Dem König des Dschungels sei er erst einmal begegnet. „Pumas und Ozelots sehe ich öfter.“
Der Urwald wird immer dichter und finsterer. „Gibt es hier Giftschlangen?“, fragt einer. Mauro lacht: „Die Frage hatte ich früher erwartet.“ Antwort: „Ja, aber nur eine wirklich gefährliche Art. Für alle anderen Bisse finde ich im Umkreis von hundert Metern die richtige Heilpflanze.“

Ganz oben auf der Schmerzskala

Gegen ein anderes Tier ist kein Kraut gewachsen: Conga, die 24-Stunden-Ameise. Der Stich der tropischen Riesenameise  kommt auf der vierteiligen Schmidt-Schmerz-Skala auf den Spitzenwert 4+. „Es gibt nichts Schlimmeres“, warnt Mauro. Seine Mutter habe schon drei Mal das Vergnügen gehabt. „Du glaubst, du verbrennst! Aber nach 24 Stunden ist alles gut.“ Die Engländer sagen „bullet ant“ – Gewehrkugel-Ameise. „Finger weg von Baumstämmen! Eine lebenswichtige Urwald-Regel.“
 

Wir übernachten in Holzhäusern mit Schilfdach. Über die Betten sind Insektennetze gespannt. Die Dorfbewohner sagen, dass wir keine Angst zu haben brauchen. Die nächtlichen Geräusche des Regenwaldeswispern  uns das Gegenteil ins Ohr. Bei einer Nachtwanderung bestätigt sich der Verdacht: Mauro tritt auf ein Wespennest. Er wird am Oberarm gestochen, ich am Augenlid. Erster Gedanke: Conga. Endlich ist auch Mauro überrascht. Denn bei uns beiden verflüchtigt sich der Schmerz nach wenigen Minuten dank einer Salbe aus Österreich.
Die knallrote Wespe ist eine von vielen tausend endemischen Arten im Yasuní. Viele leben nahe der Lagune von Limoncocha, einem früheren Mäander des Rio Napo: Schwarze Kaimane, rote Piranhas. Nein, hier sollte man nicht aus dem Einbaum fallen.
 

Draußen auf dem breiten Fluss spricht hingegen nichts gegen eine solche Mutprobe. „Gibt es hier Anakondas“, frage ich den Guide. „Natürlich“, sagt er. Instinktiv wende ich zurück zur Sandbank. „Warum schwimmen wir dann hier?“, frage ich. „Die sind nur in Ufernähe, wo es tiefer ist“, sagt Mauro. „Dort, wo Jackson schwimmt.“ Tschuldigung: „Und warum schwimmt Jackson dann dort?“ Antwort: „Weil die Anakondas an dieser Stelle zu klein sind, um einen Menschen zu fressen.“ Beruhigend: Ein paar Kilometer stromabwärts soll es viel größere geben. „Auf Google wirst du höchstens neun Meter lange Weibchen finden“, sagt Mauro. „Doch die Fischer in den Kitchwa-Dörfern haben alle schon 15-Meter-Exemplare gesehen.“

Zu Unfällen mit Riesenschlangen sei es in letzter Zeit nicht gekommen. „Voriges Jahr hat ein Kaiman eine Touristin geholt“, berichtet Jackson. Die junge Frau aus Quito habe schwer verletzt überlebt. „Zu Mitternacht in einem Nebenfluss zu schwimmen ist eben keine gute Idee.“
Die größte Gefahr für Menschen, Tiere und Pflanzen geht von den Ölbohrstellen aus. Es gab schwere Unfälle, nach denen das sensible Flussnetz nachhaltig vergiftet war. Immer wieder tuckern Kähne mit Tankfahrzeugen an uns vorbei. Manche laufen auf Sandbänke und warten dort auf den nächsten Regenguss. Seit vielen Jahren beteuert die jeweilige Regierung ihr Bemühen. Doch Korruption und immenser Druck der Mineralölkonzerne verhindern Lösungen. Weil auch die versprochene internationale Unterstützung ausbleibt,  wurde kürzlich ein Teil von Yasuní für Ölbohrungen freigegeben. Das Naturbewusstsein der Kichwa  ist groß, doch das Dilemma bleibt: Es geht um Arbeitsplätze – es geht aber auch um eines der faszinierendsten Naturparadiese der Erde.

INFO & TIPPS

Anreise: Das UNESCO Biosphärenreservat Yasuní ist mit über 10.000 km² der größte Nationalpark Ecuadors und das artenreichste Gebiet der Erde. Von der Hauptstadt Quito aus ist die Stadt El Coca per Kleinbustaxi (6-7 Std; 50 bis 100 $ pro Person – je nach  Anzahl der Mitreisenden; US-$ sind Landeswährung), per Bus (8 Std; etwa 10 $) oder mit dem Flugzeug (1 Std; 100 $) erreichbar. In El Coca geht es je nach Preisklasse  mit sehr spartanischen bzw. sehr luxuriösen Außenbordmotorbooten zwei bis vier Stunden stromabwärts auf dem Rio Napo bis zu einer Lodge. Diese Hotels werden meist von Kichwa-Dorfgemeinschaften betrieben (500 bis 2500 $ pro Person für drei Tage).
Expeditionen: Es gibt in Quito viele Agenturen, die Dschungeltouren anbieten, z.B. ecuadortravelamazon.com oder Ecuador Direct Travel. Von den Lodges aus werden Tages- und Nachttouren mit mehreren Guides unternommen. Einige rein touristisch, manche gleichen einer Expedition. Viele sind tatsächlich Expeditionen, weil der Yasuní-Nationalpark ein Kerngebiet der internationalen Naturforschung ist. Das gesamte Gebiet der Napo Feuchtwälder umfasst 250.000 km² und ist damit drei Mal so groß wie Österreich. Die durchschnittliche Luftfeuchtigkeit liegt bei 90 %. Die Temperaturen betragen ganzjährig 24 bis 27 °C. Mit 3000 mm liegt die jährliche Niederschlagsmenge deutlich über dem Durchschnitt des Amazonas-Regenwaldes.
Geschichte: Der Rio Napo entspringt an der Allee der Vulkane, ist 1500 km lang und mündet knapp vor der peruanischen Stadt Iquitos in den Amazonas. Der Fluss wurde 1541 vom spanischen Eroberer Francisco de Orellana auf der Suche nach dem legendären Goldland Eldorado erstmals von Westen aus vollständig befahren.

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