Berliner Mauer aus Schokolade

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freizeit
11/09/2019

Berlin, 30 Jahre danach: Eine Stadt sprüht auf

Arm aber sexy war früher. Drei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer glänzt Berlin durch seinen Reichtum an Kulturen.

von Bernhard Praschl

Fantasie muss man haben! Mit Slogans wie „Visa frei bis Hawaii!“ haben die geplagten Ostberliner vor mehr als 30 Jahren  für ein geeintes Deutschland demonstriert. Eine geteilte Stadt als Nährboden für Spaßvögel? Ja, durchaus. Schon zuvor nannten die Wessis  ihre  Kongresshalle auf Grund der Form liebevoll „Schwangere Auster“. Und später das Kanzleramt  „Waschmaschine“.

Berliner Schnauze
Die legendäre Berliner Schnauze kann also nicht nur grimmig sein. Sondern richtig komisch.

Muss wahrscheinlich  so sein in einer Stadt, über deren Straßen man lange genug wie in einem Thriller  taumelte. Mit verschwörerischer Miene von „Zone“ sprach, hinter gewissen Abschnitten  Agenten vermutete. Um sich dann in seinem „Kiez“ wieder beruhigt einen Korn hinter die Binde zu kippen.

Lang ist’s her. Aber die Zeit als Abenteuerspielplatz der Weltpolitik spürt man da und dort immer noch. Und sehen tut man sie auch. Etwa in Form der  Ampelmännchen, damals  ständige Begleiter  im Osten der Stadt. Heute signalisiert das Fußgängersignal, dass man sich dort bewegt, wo es früher eher nicht so lustig zuging. Gerade diese Nähe zur Gefahr – oder  zumindest zum Ungemach – aber sorgte für die  ganz besondere  Anziehungskraft Berlins.

„Ick bin ein Berliner“ Natürlich half es, dass mit John F. Kennedy ein US-Präsident mitten im Kalten Krieg plötzlich behauptete: „Ick bin ein Berliner.“ Das Image, ein Sammelboden der Revolte zu sein,  hatte Berlin aber schon zuvor. Auf dieser gar nicht so kleinen Insel inmitten Ostdeutschlands gab es im Gegensatz zur BRD und der DDR keine Wehrpflicht. Und keine Sperrstunde. Kein Wunder, dass Berlin  zur Geburtsstätte der Love Parade wurde.

Eine Parade, die die Stadt verändern sollte. Schon Monate vor dem Mauerfall, am 1. Juli 1989, zog die erste Love Parade durch Berlin: 150 Leute und drei Autos auf dem Ku'damm. Das war’s dann schon. Zehn Jahre später strömten 1,5 Millionen Menschen herbei.

Ja, kalt hat Berlin noch nie jemanden gelassen. Die Wiener Kaffeehausliteraten Joseph Roth und Robert Musil nicht, die vor 100 Jahren den Puls der anbrechenden Moderne fühlen wollten. Superstar Marlene Dietrich nicht, die noch  in ihrem Exil in Paris  von ihrem Koffer in Berlin sang. Und den britischen Pop-Superstar David Bowie ebenfalls nicht. Der hat im Schatten der Mauer die Inspiration für gleich drei bahnbrechende Alben, darunter „Heroes“, erhalten.

Starauflauf in Schöneberg

Wenn wir jetzt vor der Adresse stehen, an der Bowie jahrelang gelebt hat – der Schöneberger Hauptstraße 155 –, muss man viel Fantasie aufbringen, um sich folgendes  Szenario auszumalen.  Hier der „Thin White Duke“, der nachmittags mit Punklegende Iggy Pop im Schlepptau zum Frühstücken rauskommt, dort der Autozubehörladen im Erdgeschoss, wo sich die Kunden nach Bowie und seinem Feund nicht einmal umdrehen, weil es hier vor Freaks und schrägen Typen nur so wimmelt. 

Realität abschaffen

Heute sind es eher die Wandmalereien, die uns Aufmerksamkeit abverlangen. Natürlich ist die East Side Gallery, das längste noch erhaltene Stück Berliner  Mauer, übersät davon. Die größte  Freiluftgalerie der Welt ist willkommenes Fotomotiv für Millionen Touristen. Alles so schön bunt hier! Da und dort stolpert man noch über nüchterne Botschaften wie „Don’t be normal. Berlin“ oder „Realität abschaffen“.

Die erste Forderung ist leicht erfüllt. Normal war Berlin noch nie. Diese Stadt hat den Superlativ als Lebenselixier. Nur nicht daran zweifeln oder gar nörgeln, etwa über die ewige Baustelle Flughafen Berlin-Brandenburg. Rümpft man darüber die Nase, kommt einem die berühmte Berliner  Schnauze so: „Aufpassen, Berlin ist die beste Stadt der Welt. Wer was anders behauptet, kriegt Schläge.“

Das wollen wir dann doch  nicht riskieren und checken zwischen Trabi-Museum und Checkpoint Charlie in einer neuen super Attraktion  ein – dem Zeitreisemuseum „Time Ride“.

Ein Team von Computer- und Geschichte-Enthusiasten bietet  in einem  tadellosen  Neubau in der Zimmerstraße 91 die Möglichkeit, das graue Berlin-Feeling der 1980er-Jahre wieder ganz lebendig werden zu lassen.

Brille auf, und ab!

Man nimmt einfach im Nachbau eines alten städtischen Busses Platz, setzt eine Brille mit Virtual-Reality-Technik auf – schon taucht vor den Augen die alte DDR auf. Samt  ihren Sehenswürdigkeiten vom schwer bewachtem Checkpoint Charlie über die unvermeidlichen Trabis bis zum alten Palast der Republik, im Volksmund „Palazzo Prozzo“ oder „Erichs Lampenladen“ genannt.

Eine Erfahrung, die man bei einer Berlin-Visite nicht auslassen sollte. Genauso wenig wie einen Abstecher zum angeblich besten Würstelstand der Stadt, „Best Worscht“ am Leipziger Platz 12. Noch hält sich zwar vielerorts hartnäckig das Gerücht,  dass es die allerbeste Currywurst der Stadt bei Konnopke’s Imbiss gibt. Probieren Sie selbst!  Aber seien Sie tolerant und halten Sie mit  Ihrer Meinung im Zweifelsfall hinter dem (Prenzlauer) Berg. Denn wie auch der Wiener versteht der Berliner  keinen Spaß, wenn es um Güte und Einschätzung seiner Leibspeise geht. Die Currywurst ist für die Hauptstädter als Gute-Laune-Macher absolut unverzichtbar. Und die lässt man sich  von einem Provinzler nicht schlecht reden. Von einem Touristen schon gar nicht.

Das Angebot an hervorragenden Restaurants ist jedenfalls gigantisch. Wie auch die Zahl der vielen Tipps, die man beherzigen müsste. Warst du  bei Nobelhart & Schmutzig, diesem radikalen Restaurant in Kreuzberg? Oder bei Zenkichi, dem unfassbar sensationellen Japaner in Mitte? Wenigstens bei Borchardt, wo es das perfekteste Schnitzel außerhalb von Wien gibt?

Nächstes Mal. Ganz sicher. So sicher wie es ein nächstes Mal gibt. Denn vier Tage Berlin sind auf jeden Fall vier Tage zu wenig. Man muss ja noch vom „Champagner des Nordens“ kosten, der Berliner Weißen. Am besten mit Schuss.

Legenden unter sich

Genau heute feiert man 30 Jahre Mauerfall  vor dem Brandenburger Tor. Erst feierlich, mit der Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim. Dann  laut,  mit DJ-Legende WestBam. Aber nach dem Fest ist vor dem Fest.

Berlin rüstet sich nämlich schon  für  Silvester. Die Straße des 17. Juni verwandelt sich dann auf einer Länge von beinahe zwei Kilometern in eine riesige Party-Zone. Die Veranstalter rechnen mit einer Million Besucher aus aller Welt. Mindestens. Denn irgendein neuer Superlativ sollte sich schon ausgehen.        

Sophie Rois, eine der coolen auf den deutschen Schauspielbühnen, kam 3 Jahre vor dem Mauerfall von Oberösterreich nach Berlin. Lesen Sie dazu ein spannendes Gespräch: