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UBM Development
04/06/2020

Die Königin der Tiny Houses

Konzepte so genannter „Tiny Houses“ schießen wie Schwammerl aus dem Boden. Doch jenes der italienischen Architektin Beatrice Bonzanigo erinnert gar an eine Wundertüte direkt aus der Fantasy-Welt von „Game of Thrones“.

Kennen Sie den großartigen Vorspann der weltberühmten Fantasy-Serie Game of Thrones? Er wurde nicht nur ob des Ohrwurms, mit dem er unterlegt ist, legendär. Die mechanische Optik der 1,5-minütigen Animation hat es zudem aus ästhetischen Aspekten in sich.

Wie von einer Kurbel samt dazugehöriger Welle angetrieben, wachsen Bauwerke aus der planen Landkarte der Fantasywelt Westeros in die Dreidimensionalität hinein. Verändern und entfalten sich mit jeder Drehung. Fast hört man dabei das Knarzen und Ächzen des strapazierten Holzes. Das Quietschen und Kreischen der sich bewegenden Stahlfronten. Irgendwie hat die ganze Sache etwas Magisch-Mechanisches.

Ein bisschen Game of Thrones

Und man ist nahezu verleitet zu glauben, die italienische Architektin Beatrice Bonzanigo (IB Studio) ließ sich bei der Konzeption ihrer „Casa Ojalá“ von eben diesem weltberühmten Vorspann inspirieren. Denn ihre „Casa Ojalá“ ist keineswegs eines von vielen ach so hippen „Tiny House“-Konzepten.

Sie ist vielmehr ein 27-Quadratmeter-Rondo, das sich über eine ausgeklügelte Mechanik ständig verändern lässt. Dessen hölzerne Wände durch das Verschieben metallischer Scheiben verschwinden oder erscheinen. Dessen Raumaufteilung genau so variiert wie die Nutzbarkeit des vorhandenen Raumes. Wie ein Spielzeugkreisel, der dank magisch wirkender Mechanik bei jeder Drehung seine Form verändert und stets eine andere Funktion erfüllt.

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Ganz konkret sind es zumindest 20 unterschiedliche Erscheinungen, die dieses runde Heim ohne Umbauarbeiten einnehmen kann. So genannte „Layouts“, wie es in der Fachsprache heißt. „Die Idee der kleinen Fertighäuser explodiert auf der ganzen Welt. Mein Konzept ist klein und nachhaltig wie viele andere auch. Doch außerdem ist es enorm flexibel. Es ist ein bisschen wie ein Segelboot: Es kann durch das moderne mechanische System in verschiedenen Kombinationen konfiguriert werden“, so die Architektin.

Verschiebbare Scheiben

Aber wie kann man sich diese Sache nun konkret vorstellen? Im Grunde dreht sich alles buchstäblich um die runde Form des Hauses. Sie ermöglicht es, die Räume der Casa Ojalá in Scheiben zu konstruieren, die sich jeweils um den zentralen Kern drehen und mit diesem auch alle verbunden sind. Hinzu kommt ein raffiniertes, mechanisches Schub- und Zugsystem, das die Wände verschiebt und die Innenmöbel gleichzeitig zum jeweils richtigen Zeitpunkt entweder erscheinen oder verschwinden lässt.

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So liegt etwa das Doppelbett knapp unter dem Boden und kann am Ende des Tages mit wenigen Handgriffen in den Wohnraum gehoben werden. Der wird dadurch zum Schlafzimmer. Die Toilette wird mit einem Seilzug völlig versteckt. Stauraum und Schränke kann man auf ähnliche Art und Weise je nach Bedarf in den Sockel des Hauses einlassen oder hervorheben.

Haus für jede Stimmung

Das Häuschen ist auch an das Klima und die Umgebung anpassbar: "Sie können einige Geräte, wie eine Schaukel oder Hängematte, und auch einige praktischere Dinge, etwa eine dritte Schicht außen, die ein Moskitonetz ist, hinzufügen", erklärt die Architektin.

Alles wurde so konzipiert, dass man das Haus je nach Lust und Laune, je nach Stimmung, Wetter oder Aktivität anpassen kann. „Wer will, kann alle paar Minuten entscheiden, ob man gerade lieber in einem offenen Wohnzimmer sitzt oder am selben Ort doch lieber ein riesiges Badezimmer genießen möchten“, so die Architektin.

1.000 Varianten pro Haus

Ihr offizielles Konzept, das übrigens einen Designpreis nach dem anderen abräumt, besagt übrigens, dass die Casa Ojalá in ihrer größten Ausbaustufe"mehr als 1.000 synchron arbeitende Einrichtungslösungen bietet, ohne dass die ursprüngliche Struktur und Form jemals verändert wird.“

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Um dies zu ermöglichen, waren aber freilich nicht nur kreative Gedanken notwendig. Deshalb zog Bonzanigo gleich ein ganzes Team von Ingenieuren heran, das sich mit der Realisierung befasste. Schließlich wollte die Star-Architektin nicht bloß ein Konzept präsentieren sondern ein baufertiges Modell, das jederzeit in Serie gehen kann.

Liebe zum Detail

Und so konzentrierte sie sich in einem weiteren Schritt auch gleich auf die nächste wesentliche Ebene: Die Materialien. Um die benötigte Flexibilität gewährleisten zu können, sind diese schließlich wesentlich. Ihr grob zusammengefasstes Fazit: Die Außenwände müssen aus so genanntem Wood-Skin bestehen. Das ist eine flexible, aufrollbare Holzkonstruktion, die von einer Gruppe Mailänder Designer entworfen wurde und seine Flexibilität durch eine Reihe vertikaler Schnitte im Material erhält. Und, ja, dieses Produkt wurde eigens für die Casa Ojalá entwickelt und auch patentiert.

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Die weniger speziellen Baustoffe jedoch sollen laut der Erfinderin stets an Ort und Stelle gebaut werden. Schließlich sind für sie die Themen Nachhaltigkeit und Regionalität genau so relevant wie die Idee der Freiheit, die ihr Minihaus ganz offensichtlich verfolgt.

So sieht der Plan des IB Studios vor, die Kernstruktur – also den notwendigen Betonsockel, die Mechanik, sowie Zisterne, Solarpaneele, Wasserpumpe, Textilien und Holzelemente vor Ort zu produzieren. Dafür wurden bereits spezielle Schablonen entwickelt und eine international verständlichen Bauanleitung erstellt.

Eines ist also offensichtlich: Der Architektin und ihrem Studio ist es mit der „Casa Ojalá“ wirklich ernst. Nicht zuletzt deshalb wurden auch längst Anwälte damit beauftragt, das Patent für dieses Konzept zu beantragen. Der Prozess wurde bereits erfolgreich abgeschlossen, er förderte allerdings eine spannende Erkenntnis zutage: Beim internationalen Screening, ob des denn bereits eine ähnliche Konzeption gäbe, wurde bloß eine einzige vergleichbare Entwicklung entdeckt!

Ähnliches Konzept

1972 entwarf Paul Hanna gemeinsam mit Frank Lloyd Wright ein dreieckiges Haus mit ähnlichen Überlegungen. Man konnte diese Dreiecke bewegen, um das Haus zu schließen, und im Inneren gab es eine weitere Dreieckswand, die bewegt werden konnte. Die Ähnlichkeiten waren jedoch viel zu gering, um einer internationalen Patentierung im Weg zu stehen.

Und so wurde in Mailand bereits ein funktionierender Prototyp gebaut, der einen zusätzlichen Vorteil der Konstruktion zutage förderte, wie Bonzanigo überrascht feststellte: "Hier in Italien gibt es eine Menge bürokratischer Probleme beim Bau und bei der Erweiterung von Grundstücken. Ich habe herausgefunden, dass die Casa Ojalá nicht als "Raum" klassifiziert ist, weil sie nicht über klassische Wände verfügt. Deshalb ist nur eine Genehmigung für eine unterirdische Zisterne nötig, um sie errichten zu können.“

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Weil aber selbst bei derart realen Wunderdingern ein philosophischer Unterbau notwendig ist, um in der Welt der Architektur auch sicher Platz zu finden, liefern wir diesen nun natürlich auch noch gerne dazu. Also: Der als Basis dienende Betonsockel hat die Form einer „Chakana". Das ist ein altes Inkasymbol, das Zeit, Ort und Achse der Erde beschreibt.

Aus dieser speziellen Form wächst dieses besondere Microheim also buchstäblich empor. Hinein in unsere reale Welt. Eine Tatsache, die es im „Game of Homes“ in der Kategorie „Tiny Houses“ derzeit wohl ziemlich weit vorne reiht. Denn dieses Häuschen ist wahrlich – klein, aber Ojalá!

PS: Hier kann man sich bereits auf die Warteliste setzen lassen!

Text: Johannes Stühlinger

Bilder: IB Studio

Lesen Sie weiter im UBM Magazin, der Plattform für Immobilienwirtschaft, Stadtplanung und Design.

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