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07/06/2020

Das Haus als kleines Dorf

Für ein Hanggrundstück oberhalb des Lago Maggiore entwarfen die Architekten vom Büro Wdmra ein Wohnhaus mit Innenhöfen und verwinkelten Gässchen. Das fünfte Geschoss von Haus Ri verlegten sie ins Freie.

Über Treppen gelangt man vom Parkplatz am Dach zu den fünf Ebenen darunter und ins Innere von Haus Ri. Die zahlreichen Außenwege verbinden Geschoße und Innenhöfe miteinander. Immer wieder taucht die sehnsuchtsvolle Aussicht auf, wie in den verwinkelten Gässchen einer Altstadt am Meer. Doch hier bildet der Lago Maggiore die Kulisse, die in den minimalistischen Wohnräumen zum dramatischen Protagonisten wird. Die Hanglage des Grundstücks hat die Architekten vom Schweizer Architekturbüro Wdmra dazu bewogen, ein Haus zu entwerfen, das durch seine räumliche Vielfalt innen und außen einem kleinen Dorf gleicht.

Aufgrund seiner spannungsreichen Beziehungen zwischen Innen- und Außenräumen wird das Haus gleichsam als kleines Dorf erlebt.

Markus Wespi, Jérôme de Meuron Luca Romeo, Architekten

Für die verantwortlichen Architekten Markus Wespi, Jérôme de Meuron und Luca Romeo zählt dieses Wohnhaus in Brissago, im Schweizer Kanton Tessin, zu einem ihrer Meisterwerke. So kompakt der Monolith von außen auch wirkt, im Inneren erschließt sich ein verschachteltes und verwinkeltes Refugium, das dennoch eine Einfachheit vermittelt. „Aufgrund seiner räumlichen Vielfalt, spannungsreicher Beziehungen zwischen Innen- und Außenräumen und seiner vielfältigen Wegwahlfreiheiten wird das Haus gleichsam als kleines Dorf im ehemaligen Rebberg über dem Lago Maggiore erlebt“, beschreiben die Architekten das räumliche Konzept.

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Waschbeton in Neuauflage

Innen wie außen hat das Haus Ri eine ähnlich grobe Retro-Oberfläche. Die Architekten konnten dem Bauherren die Ästhetik von Waschbeton für die Außenfassade schmackhaft machen. Während die Platten in der Hochblüte des Brutalismus, in den 1960er- und 70er-Jahren, zum Nonplusultra der Terrassen- und Fassadengestaltung avancierten, galt der Waschbeton zuletzt als arg fahrlässige Bausünde. Doch möglicherweise steht die „Raufasertapete der Außenarchitektur“ kurz vor einem Revival.

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Die Architekten Wespi, de Meuron und Romeo haben die Waschbetonfassade jedenfalls zu ihrem Markenzeichen gemacht. In Kombination mit den rahmenlosen Fenstern in unterschiedlichen Größen und in scheinbar zufälliger Anordnung geben sie eine Wohnhausarchitektur vor, die unverkennbar ist.

Rauputz mit versenkten Nischen

Der Rauputz im Innenbereich stammt aus einer ähnlich angestaubten Ära, doch die Architekten schaffen es auch hier, einen zeitgemäßen Einsatz zu demonstrieren. Die Kombination der in die Wand eingelassenen Regale und Nischen mit der minimalistischen Einrichtung erzeugt eine stimmige ästhetische Atmosphäre.

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Einige Möbelstücke wie die schwebende Küchenzeile, der Schreibtisch und das Bett im Master Bedroom sind eine Maßanfertigung der Architekten. Das sehr zurückgenommene Interieur schafft eine klare Linie und lässt die Räume groß wirken, was bei einer Grundfläche von 45 Quadratmetern ein wichtiger Gestaltungsansatz ist.

Ein fließendes Raumkonzept

Innen- und Außenräume auf den vier Etagen wurden so angelegt, dass sie sich gegenseitig ergänzen und variable Wohn- und Lichtsituationen schaffen. Man betritt dieses Haus vom Dach her, das an die Straße andockt. Hinter dem hölzernen Eingangstor öffnet sich der erste Innenhof, über den man die Wohnküche mit Esstisch und offener Feuerstelle betritt. Der Raum öffnet sich zur Landschaft hin und gibt durch raumhohe Fenster ein spektakuläres Panorama frei.

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Durch versenkbare Wände fließen im Sommer Hof und Innenraum zu einem einzigen Raumkontinuum zusammen.

Markus Wespi, Jérôme de Meuron Luca Romeo, Architekten

Dieser Raum lässt sich bei entsprechender Witterung erweitern. „Die Hauseingangstüre und die Glasfront zum Hof lassen sich komplett in die Wand versenken, sodass im Sommer Hof und Innenraum zu einem einzigen Raumkontinuum zusammenfliessen“, erklären die Architekten.

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Im Stockwerk darunter befinden sich ein zweiter Wohnraum und ein weiterer Innenhof mit zwei Olivenbäumen, die über zwei Stockwerke nach oben wachsen können. „Dieser Hof bildet das Herz des Hauses, verschiedene Wege kommen hier zusammen, gleichsam wie sich Wege am Dorfplatz treffen.“

Ein Geschoß im Freien

Auch hier lassen sich Wände und Glasfronten versenken, sodass das gesamte Geschoß als ein räumliches Ganzes erlebt wird. „Außen und innen, Landschaft und Architektur verbinden sich zu einem Ganzen. Der Innenraum nimmt am Hof teil, wie der Hof durch reizvolle Durchblicke an der Landschaft teilnimmt“, heißt es im Konzept.

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Außen und innen, Landschaft und Architektur verbinden sich zu einem Ganzen.

Markus Wespi, Jérôme de Meuron Luca Romeo, Architekten

Vom Hof führen Wege und Treppen ins Freie und hinunter zum fünften Geschoß, das zur Gänze ins Freie verlegt wurde. Schwimmen, Kochen und Essen findet hier auf Augenhöhe statt. Durch das Einlassen von Pool, Outdoor-Küche und Essplatz im großen Gartenplateau befindet sich alles auf demselben Niveau.

Text: Gertraud GerstFotos: Hannes Henz, Wespi de Meuron Romeo Architekten

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