Volkswirt Klemens Himpele

© Kurier/Gilbert Novy

Interview
10/06/2019

Wien bleibt jung und wächst, aber langsam

Interview: Wiens Chefstatistiker und Volkswirt Klemens Himpele im Gespräch über die demografische Entwicklung der Bundeshauptstadt.

Wien wächst. Zwar deutlich langsamer als in den vergangenen Jahren, aber immer noch. So hat die Bevölkerungszahl in der Bundeshauptstadt heuer im Frühjahr die 1,9-Millionen-Grenze überschritten. Wie es dazu kam und welche Besonderheiten die Einwohnerentwicklung in der Donaumetropole aufweist, erklärt Demografie-Experte Klemens Himpele im KURIER Interview.

KURIER: Die Bevölkerungszahl in Wien nimmt zwar zu, aber deutlich langsamer als noch vor fünf Jahren. Woran liegt das?

Klemens Himpele: 2012 bis 2017 hatten wir in der Stadt einen durchschnittlichen Bevölkerungszuwachs von rund 29.000 Menschen im Jahr. 2015 war mit einem Plus von 43.000 ein Rekordjahr. Das lag zu einem beträchtlichen Teil an der Flüchtlingswelle. 2018 hatten wir dagegen nur noch ein Plus von 8.700 Personen. Ein deutliches Nachlassen also, Ursache ist der Rückgang der Zuwanderung. Aber auch das bedeutet immer noch über 4.000 Wohnungen, die errichtet oder zur Verfügung gestellt werden müssen.

Abgesehen von der Migration aus Drittländern, worauf führen Sie das Wachstum der Wiener Bevölkerung noch zurück?

Ein Grund war sicherlich einst die Arbeitsmarktöffnung für die Bürger aus den osteuropäischen Ländern. Ein anderer sind die Geburten in Wien – wir haben seit 2004 nach einer sehr langen Zeit wieder eine positive Geburtenbilanz.

Welche demografischen Auswirkungen hatte die starke Zuwanderung der vergangenen Jahre auf die Stadt?

Diese Zuwanderung hatte einen massiven Verjüngungseffekt auf die Bundeshauptstadt. 2015 ist Wien das jüngste Bundesland geworden. Wir haben jetzt einen Altersdurchschnitt von 40,9 Jahren. 1961 war Wien mit durchschnittlich 42,6 Jahren das – demografisch gesehen – älteste Bundesland Österreichs. Jetzt ist es das Burgenland mit 45,4 Jahren, das laut Prognosen demnächst von Kärnten überholt wird.

In welchen Stadtteilen ist das Bevölkerungswachstum besonders spürbar?

In den vergangenen Jahren konzentriert sich das Wachstum auf die Stadtränder, im Speziellen auf den Osten und den Süden, also konkret Donaustadt, Favoriten und Simmering. Das hat vorwiegend mit Neubauprojekten zu tun.

Zur Alt-Jung-Verteilung: Wo leben die meisten jungen Leute, wo die älteren?

Die Hälfte der Bevölkerung in der Inneren Stadt ist älter als 45 Jahre, ähnlich ist es in Hietzing. In diesen Bezirken sind 25 Prozent der Bevölkerung älter als 65. Zu den jüngeren Bezirken zählt etwa Margareten oder Rudolfsheim-Fünfhaus, wo nur 13,8 bzw. 13,3 Prozent der Menschen älter als 65 Jahre sind. Die meisten unter 15-Jährigen aber leben in Simmering – hier fallen 17 Prozent der Menschen in diese Altersgruppe. In der Josefstadt zum Beispiel leben zwar viele 15- bis 39-Jährige (etwas weniger als die Hälfte der Einwohner), aber vergleichsweise nur wenige Kinder. In Mariahilf und Neubau wiederum gibt es einerseits viele Geburten, aber offensichtlich ziehen viele dann mit ihren Kindern wieder weg, also in einen anderen Bezirk.

Stichwort Binnenwanderung: Zieht es derzeit viele Österreicher nach Wien oder eher die Wiener in die Bundesländer?

Hier haben wir zahlenmäßig erstmals wieder eine negative Entwicklung. Das heißt, es ziehen mehr Menschen aus Wien weg als umgekehrt. Ursache dafür ist die sogenannte Suburbanisierung. Die einzigen zwei Altersgruppen, wo es anders ist, sind die 10- bis 19-Jährigen und die 20- bis 29-Jährigen. In diese beiden Gruppen fallen unter anderem Studierende und junge Menschen, die zwecks Berufseinstieg, also für ihren ersten Job, in die Bundeshauptstadt ziehen. Bei allen anderen, den 0- bis 9-Jährigen und den über 30-Jährigen, haben wir eine negative Wanderungsbilanz mit Restösterreich.

Aus welchem Bundesland ziehen die meisten Menschen in die Bundeshauptstadt?

Traditionellerweise und immer noch aus Niederösterreich. Dorthin gehen aber auch die meisten Wegzüge. Den größten positiven Saldo hatten wir 2017 mit der Steiermark.

Wie viele Wiener sind auch gebürtige Österreicher?

Der Anteil der Wiener mit österreichischem Geburtsort ist leicht zurückgegangen und liegt bei etwa 64 Prozent. Der Rest teilt sich auf rund 14 Prozent mit Geburtsort innerhalb der EU und 23 Prozent Drittstaaten auf.

Und wie viele Wiener sind quasi waschechte Wiener, also hier geboren und aufgewachsen?

47 Prozent der Wiener sind hier geboren. 17 Prozent sind „Zuagraste“, also in einem der anderen acht Bundesländer geboren, und 36 Prozent kamen im Ausland zur Welt. Vor knapp hundert Jahren, konkret 1923, war die Verteilung übrigens nicht gänzlich anders: Damals gab es in der Hauptstadt rund 54 Prozent Wiengeborene, zirka 16 Prozent „Zuagraste“ und etwa 30 Prozent von im Ausland Geborene.

Wie wohnen die Wiener? Gibt es da neue Entwicklungen bzw. Tendenzen?

Auffällig ist, dass wir in Wien einen steigenden Anteil an Singlehaushalten haben. Hier liegen wir derzeit schon bei 45 Prozent – im Vergleich zu Mehrpersonenhaushalten. Darunter zählen sowohl die klassischen, seit Einzug in der jeweiligen Wohnung alleinlebenden Menschen als auch verwitwete Personen. Rund 28 Prozent der Haushalte sind Wohnungen mit zwei Personen, etwa 13 Prozent machen 3-Personen-Haushalte aus. Die restlichen 14 Prozent machen Wohnungen aus, in denen vier oder mehr Menschen leben.

Und wie viele Hunde und Katzen kommen hinzu?

Da Katzen nicht meldepflichtig sind, wissen wir es nur bei Hunden – da sind es rund 61.100, wobei die höchste Dichte Donaustadt hat, in Rudolfsheim-Fünfhaus hingegen gibt es die wenigsten Hunde.

Klemens Himpele Geboren in Emmendingen/Baden-Württemberg. Klemens Himpele ist studierter Volkswirt mit einem Abschluss von der Universität zu Köln. Er leitet seit 2012 die  
Abteilung Wirtschaft, Arbeit und Statistik der Stadt Wien (MA 23). Davor war Himpele in der Bildungsforschung, bei der Statistik Austria und bei der deutschen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft tätig.

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