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Chronik Wien WOHNKURIER
10/06/2019

Porträt: 100 Jahre, 4 Männer und 26 Reisen

Helene Kofr wurde am 2. Mai 1920 mitten ins rote Wien geboren. Ein Rückblick auf ein langes Leben.

von Julia Schrenk

1920 tritt in Österreich der Vertrag von St. Germain in Kraft, Süd-Kärnten votiert in der Volksabstimmung für den Verbleib bei Österreich, die NSDAP wird gegründet, das Bundesverfassungsgesetz tritt in Kraft. Und am 2. Mai wird Helene Kofr geboren.

Seit Mai dieses Jahres lebt sie im Haus Schönbrunn, einem Pflegeheim der Wiener Caritas in der Schönbrunner Straße in Hietzing. Es ist ein schönes Pflegeheim, in alten Gemäuern, mit einem Park vor der Haustüre.

Helene Kofr lässt den Rollator stehen und setzt sich an den Tisch. Das tägliche Achterl Rotwein trinkt sie nicht mehr, seit ihr der Arzt davon abgeraten hat. Seitdem gibt es nur noch den „rot eingefärbten Saft“ im Pflegeheim – einen Fruchtsaft. Frau Kofr lebt gerne im Pflegeheim. Das war allerdings nicht immer so. „Als ich da hergekommen bin, hab’ ich mir schon schwergetan“ erzählt sie. „Dort wohnen ja so richtig alte Leute“, sagt sie.

Dazu muss man wissen: Helene Kofr wird in ein paar Monaten 100 Jahre alt. 1920 wurde sie mitten ins Rote Wien geboren. Ins Pflegeheim zog sie nur, weil Bekannte ihr geraten hatten, nicht mehr allein in ihrer Wohnung in Wien-Floridsdorf zu leben. „Weil wenn ich in der Wohnung umflieg, dann lieg ich dort, ganz allein und niemand findet mich.“

Helene Kofr wird am 2. Mai 1920 in Wien geboren. Mit ihrer Familie lebt sie zunächst in der Engerthstraße in der Leopoldstadt. Später zieht sie in die Nähe der Reichsbrücke, noch später nach Floridsdorf.

Historisches Leben

Sie hat den Brand des Justizpalastes als Kind erlebt, den Austrofaschismus als Jugendliche und den Zweiten Weltkrieg als junge Frau. Ohne ihren Mann versteht sich, denn der war eingerückt.

Helene Kofr lebte schon in dieser Stadt, als die Donau noch regelmäßig überschwappte, weil es längst noch keine Donauinsel gab (die wurde erst in den Jahren 1972 bis 1987 gebaut).

Sie erlebte den Bau der UNO-City in den Jahren 1973 bis 1979 und erinnert sich auch an den Einsturz der Reichsbrücke am 1. August 1976.

Allerdings nicht – wie man annehmen könnte – weil sie ganz in der Nähe gewohnt hat. Als die Reichsbrücke einstürzte, war Frau Kofr auf Urlaub in Italien – mit ihrem zweiten Mann. An den Morgen danach, den 2. August 1976, erinnert sie sich noch gut. „Mein Mann hat sich eingebildet, die Zeitung holen zu müssen. Ich hab’ noch gesagt: ‚Geh, warum denn, ist eh nix Spannendes drin‘“.

Und dann das.

 

„Da war die Aufregung groß“, erzählt Frau Kofr. „Danach war es immer so ein Ding mit dem Hinüber- und Herüberfahren“, erinnert sie sich. Helene Kofr lebte in einem Wien ohne U-Bahn (als die im Jahr 1987 eröffnet wurde, war sie 67 Jahre alt), dafür mit Verbindungs- und Straßenbahn. „Wir sind alles mit der Straßenbahn gefahren“, sagt sie. In die Oper, in die Arbeit, ins Theater. Ein Auto hatte sie nicht.

Dass heute viele in der Stadt mit Fahrrädern und E-Scootern unterwegs sind, kann sie nicht nachvollziehen. „Die kommen in den Fahrtwind hinein und dann denken’s nicht mehr“, sagt Helene Kofr. „Das lehne ich ab.“ Obwohl Kofr im zweiten Bezirk aufwuchs, war ihr der Prater nie der liebste Ort in der Stadt. Die Hauptallee, erzählt sie, sei für sie stets „nicht interessant“ gewesen. Lieber sei sie ins Theater gegangen. Oder in die Oper. „Die Oper, das ist für mich der schönste Ort in Wien“, sagt Helene Kofr. Zeit ihres Lebens hatte sie ein Abonnement. Nur jetzt hat sie keines mehr. „Wissen S’, eh in meinem Alter ist das schon ein biss’l mühsam.“

Italien, Afrika, Amerika

Helene Kofr führte 20 Jahre lang eine Trafik in Strebersdorf. Die hätte sie eigentlich gemeinsam mit ihrem Mann führen soll, doch der starb. Wie ihre drei anderen Ehemänner auch. „Vier Männer hab’ ich begraben“, erzählt sie. Aber an das gewöhnst du dich auch.“

Helene Kofr hat in ihrem Leben 26 Schiffsreisen und einige Flugreisen unternommen. Wo sie überall war? Norwegen, Italien, Amerika, Afrika. „Fragen S’ lieber, wo ich nicht war“, sagt Frau Kofr. Ins Kaffeehaus sei sie nie gern gegangen („Was tu ich dort?“) und wenn sie in ihrem Leben „fünfmal im Schloss Schönbrunn war, dann war das oft“, sagt sie. „Wenn man darüber nachdenkt, ist es unfassbar, dass man zu all dem kommen kann“, sagt Helene Kofr.

Da hat sie recht.

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