Vertreter aus der Stadtverwaltung und von Agenturen für Mietangelegenheiten erkunden das Sonnwendviertel. Ihr Ziel: Den geförderten Wohnbau in Oslo für alle Einkommensschichten attraktiver machen.

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Chronik | Wien | WohnKURIER
05/05/2019

Norweger auf den Spuren des Wiener Wohnbaus

Um in Oslo mehr geförderten Wohnbau zu etablieren, hat sich eine norwegische Delegation in Wien umgesehen.

Michaela Glanzer zeigt mit dem Finger auf eine gelbe Brücke über ihr. Das Besondere: 27 Norweger stehen um sie und blicken ihrem Finger gespannt nach – zudem verbindet die Brücke, nicht wie üblich zwei Straßen, sondern zwei Wohngebäude miteinander.

Glanzer, die als Stadtteilmanagerin in der Gebietsbetreuung Stadterneuerung – einer Serviceeinrichtung der Stadt Wien – tätig ist, hat heute eine besondere Aufgabe: Sie soll einer norwegischen Delegation das Sonnwendviertel in Favoriten präsentieren. Die 27 Teilnehmer sind dafür von Oslo angereist. Mit dem Ziel, sich über das Wiener Modell zu informieren. Die Delegation hörte am Vortag dazu einen Vortrag bei Wohnservice Wien. Anschließend wurde der Kontakt zu Frau Glanzer für die Führung hergestellt.

Soziale Nachhaltigkeit

Mikal Raaheim – inoffizieller„Anführer“ der Delegation – war bereits im September bei einer Tagung zum geförderten Wohnbau in Wien. „Ich wollte diese Erfahrungen mit meinen Kollegen aus anderen Branchen teilen“, erzählt er. Einige der Teilnehmer arbeiten für ihre Bezirke in Oslo, andere kommen von Agenturen, die sich um Mietangelegenheiten kümmern. „Der geförderte Wohnbau betrifft jeden von uns, wenn auch aus unterschiedlichen Perspektiven“, erklärt Raaheim.

Momentan haben sie aber alle dieselbe Perspektive: Jene auf die gelbe Brücke . „Das große Ziel unserer Stadtteilmanagement-Arbeit ist, die Bewohner zu vernetzen und das Miteinander zu stärken, auch über die Grenzen des Sonnwendviertels hinaus, also auch mit den angrenzenden Stadtvierteln“, erklärt Glanzer. Brücken helfen dabei innerhalb einer Anlage.

Und nicht nur diese: Die Brücke ist Teil eines großen Wohnhausareals. Auf weitläufigen Grünflächen mit Spielplätzen können Kinder spielen, während sich Erwachsene auf Bänken unterhalten. Zäune gibt es keine, denn diese würden nur Grenzen zwischen Menschen schaffen, sagt Glanzer.

Besondere Architektur

Eine Einheit ist der Innenhof dennoch nicht. Die Delegation steht inmitten ganz unterschiedlicher Gebäude, die alle zur selben Wohnhausanlage gehören: Das eine Haus ist beige, das andere dunkelrot, und das dritte hat graue Balkon-Elemente. „Das Projekt nennt sich Living Room Vienna. Es wurde von drei Architekten gestaltet, die nach architektonischen, finanziellen, ökologischen und sozialen Aspekten ausgewählt wurden“, erklärt Glanzer der Delegation. 90 Prozent der sich darin befindenden Wohnungen sind gefördert. Zudem sind die meisten davon Mietwohnungen . „Ein Grund, weshalb wir uns so für Wien interessieren, ist, dass hier genau die gegenteiligen Fakten vorliegen: In Oslo stehen etwa 70 Prozent der Wohnungen im Eigentum und nur 30 Prozent zur Miete“, sagt Raaheim. Zudem steigen die Wohnkosten in Oslo enorm. „Wir sind in näherer Zukunft mit großen Herausforderungen betreffend Kosten konfrontiert. Die Ideen von Wien sollen uns helfen eine Lösung zu finden“, sagt Raaheim. Glanzer führt die Delegation aus dem Innenhof hinaus und weiter durch das Sonnwendviertel, dass an das Areal des Hauptbahnhofs angrenzt. Zu ihrer Linken zeigt sie dann auf ein oranges Gebäude, in dem Smart-Wohnungen sind. Das sind kompakte Wohnungen, die zu besonders günstigen Konditionen vermietet werden. Ein paar Meter weiter blicken die Norweger dann auf eine Baustelle. „Hier entstehen frei finanzierte Wohnungen mit einem höheren Preisniveau als der geförderte Wohnbau und demnach für jene gedacht sind, die besser verdienen“, sagt Glanzer.

Miteinander leben

Verbunden werden die Bauten für die unterschiedlichen Zielgruppen durch einen großen Park und ein Schulzentrum mit Kindergarten in der Mitte der Anlage.„Hier können Kinder aus dem Sonnwendviertel bis zum Ende der Schulpflicht unterrichtet werden. Auch gibt es hier Betreuung für die ganz kleinen Bewohner“, sagt Glanzer.Raaheim zeigt sich von dem Gesamtkonzept beeindruckt: „Ich finde es toll, wie Wien in den Wohnbauten den sozialen Mix schafft. Es wird hier sehr gut kommuniziert, dass die Vielfältigkeit der Menschen – auch in Bezug auf die Einkommensschicht – einen Mehrwert bringt. In Oslo ist das im Bereich Wohnen kaum der Fall.“ Denn in dem kleinen Teil an geförderten Wohnbau würden hauptsächlich nur Menschen, die der niedrigsten Einkommensschicht angehören, wohnen. „Wir möchten den geförderten Wohnbau auch in Oslo für alle Schichten etablieren. Wir können zwar nicht entscheiden, aber den Politikern zumindest Ideen liefern.“ Vielleicht sieht man dann ja in Oslo gelbe Brücken zwischen den Häusern.

Initiativen für ein gutes Zusammenleben

  • Kommunikation fördern

Die norwegische Delegation besuchte auch den Caritas-Standort in der alten Brotfabrik in Favoriten. Dort informierten  sich die Norweger über Initiativen, die das gemeinschaftliche Wohnen und Nachbarschaften fördern.
So gibt es in der ehemaligen Brotfabrik eine Gemeinschaftsküche der Caritas, in der Anrainer zusammen kochen können. Angetan waren die Norweger auch von der mobilen Küche. Das ist eine kleine fahrbare Kücheninsel, die in Wohnanlagen aufgestellt wird. Sie bietet die Möglichkeit, gemeinsam kleine Snacks und Salate zuzubereiten. Eine weitere Initiative der Caritas sind die sogenannten Grätzeleltern. Sie unterstützen ehrenamtlich Menschen beim Aufbau eines selbstständigen Lebens und  helfen ihnen, sich in einem neuen Wohnumfeld zu orientieren. Um Kommunikationsbarrieren zu verhindern, sprechen die Helfer insgesamt 30 verschiedene Sprachen.

  • Ältere mobilisieren

Auch die Initiative Gesunde Nachbarschaft soll das Gemeinschaftsleben fördern. Es werden immer wieder gemeinsame Freizeitaktivitäten ausgeschrieben, um vor allem ältere Bewohner der Nachbarschaften zu mobilisieren.
Details zu den Initiativen gibt es unter www.caritas-wien.at

 

Sauberes Pflaster: Kaum Graffiti, wenig Müll

Leere Wände

Vorbei an unzähligen Häuserfassaden im Sonnwendviertel fiel den Norwegern eines ganz besonders auf: Wie kommt es, dass so wenige Graffiti an den Wänden der Wohnbauten zu sehen sind? In Oslo sei das ein sehr großes Problem, schildert eine Teilnehmerin.
„Grund für die Sauberkeit der Wände ist, dass es in Wien extra Flächen gibt, auf die Sprayer ihre Graffiti sprühen dürfen“, erklärt Michaela Glanzer der Delegation. Solche Flächen gibt es zum Beispiel entlang des  Donaukanals. Frei von illegalen Schmierereien sei Wien freilich trotzdem nicht, räumt Glanzer ei

Fleißige MA 48

Was die 27 Norweger auf ihrem Wien-Besuch noch erstaunte: Die generelle Sauberkeit der Wege und Straßen, auf denen sie während ihres dreitägigen Aufenthalts unterwegs waren. „Hierfür ist die fleißige Arbeit der Magistratsabteilung 48 für Abfallwirtschaft und Straßenreinigung verantwortlich“, erklärt Glanzer.