Brisante Windrad-Pläne in Wien: Projekt beim Bisamberg geplant

Die Windräder-Debatte erfasst nun auch die Bundeshaupstadt: Wie viele in Stammersdorf gebaut werden sollen und warum Kritiker alarmiert sind.
Windkraft Symbolbild.

Egal ob in Niederösterreich, Oberösterreich oder Kärnten – neue Windräder werden fast immer kontroversiell und hochemotional diskutiert. Eine Ausnahme bildete bisher die Stadt Wien, wo zwar neun Windkraftanlagen existieren (siehe Infobox), es aber scheinbar keinen weiteren Bedarf gibt. Doch das ändert sich nun schlagartig: Dem KURIER liegen nämlich Pläne eines neuen Windparks an den Ausläufern des Bisambergs in Floridsdorf vor. Und dagegen regt sich bereits erster Widerstand, denn das Vorhaben tangiert gleich mehrere Schutzgebiete.

Stammersdorfer Kellergasse und Weinberge

Idylle am Bisamberg: Die Rebzeilen, Wiesen und Felder dienen Vögeln als Refugium.

Vorangetrieben wird das Projekt von der heimischen „WEB Windenergie AG“, die weltweit 291 Windkraft- und 58 Photovoltaik-Anlagen betreibt. Mit Ex-Politikerin Brigitte Ederer sitzt ein rotes Schwergewicht im Aufsichtsrat des Konzerns. Nun soll das Windkraft-Portfolio um vier neue Anlagen wachsen – und zwar östlich des Bisambergs zwischen Rendezvousberg und Stammersdorfer Kellergasse. Projekttitel: „WP Floridsdorf“.

Einerseits scheint der Standort „ideal“, weil er den Wind der Wiener Pforte „erntet“ und den Strom gleich in die unweit verlaufenden Hochspannungsleitungen einspeist; zum anderen handelt es sich aber um eine hochsensible und gleich mehrfach geschützte Zone, die das Projekt in den Augen von Kritikern eigentlich unmöglich macht.

So grenzt das geplante Windpark-Areal unmittelbar an das Natura-2000-Gebiet Bisamberg, wo höchste Kriterien zum Erhalt gefährdeter wild lebender Pflanzen- und Tierarten gelten. Zudem ist das gesamte Areal Teil des Wiener Grüngürtels und daher Landschaftsschutzgebiet. Dem nicht genug, befinden sich dort die Naturdenkmäler der sogenannten „Alten Schanzen“: Die Verteidigungsanlagen aus dem 19. Jahrhundert sind heute ein wertvolles Refugium für Fauna und Flora.

Brisant ist, dass direkt neben „Schanze 12“ am Wolfersgrünweg (siehe Grafik unten) eines der Windräder gebaut werden soll: Laut Plänen würde das Naturdenkmal auf mehr als 4.300 m2 Grundfläche von den Rotoren überdeckt; fast 500 m2 groß ist wiederum das versiegelnde Fundament der Windkraftanlage.

Leopold Andrä, Obmann von „Pro Wild“ (Interessensgemeinschaft für Wildtier- und Naturschutz), sieht daher den Standort extrem kritisch – vor allem aufgrund der bekannten Auswirkungen auf die Vogelwelt: „Wir sind nicht prinzipiell gegen Windräder, aber wir fragen uns: Sollte man in Anbetracht der hohen Biodiversität nicht vorher Nachschau halten, damit man nicht etwas Erhaltenswertes zerstört?“, so Andrä, der auch Bezirksjägermeister ist.

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 Die gefährdete Feldlerche hat in Stammersdorf ein Habitat.

Gefährdete Feldvögel

Er verweist auf eine anno 2023 von „Pro Wild“ beauftragte Studie, die genau in jenem Gebiet rund 100 Vogelarten festgestellt habe. Darunter seien „Arten, die in weiten Teilen Österreichs unter Druck geraten sind“ – etwa „bodenbrütende Feldvögel“ wie Feldlerche, Goldammer oder Wachtel, so die Studie; auch ein Ziesel-Vorkommen ist dokumentiert. Daher verlangt Andrä, dass sich der Betreiber besser um die Einbindung der „örtlichen und Erholung suchenden Bevölkerung“ kümmern möge, statt intensiv mit Grundeigentümern über Flächenoptionen zu verhandeln.

Eine „WEB“-Sprecherin betont, dass „Einbindung und Abholung der Bevölkerung“ generell ein Anliegen sei, aber das Projekt noch „in einer sehr frühen Phase“ stecke. „Ob sich der Standort tatsächlich für ein konkretes Projekt eignet, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend beurteilen. Entsprechend gibt es auch noch keinen Zeitplan.“ Auch Angaben über Größe und Leistung der Windräder gibt es nicht – auch zu den Umwelt- und Landschaftsschutz-Bedenken fällt kein Satz.

Stadt Wien will prüfen

Wie reagiert das Rathaus auf die Pläne? „Für das angeführte Windkraftprojekt der WEB liegen uns keine Informationen und kein Bewilligungsantrag vor. Naturschutzrechtlich gilt: Windkraftprojekte, von denen Schutzgebiete und geschützte Arten betroffen sind, sind jedenfalls anhand der Vorgaben des Wiener Naturschutzgesetzes zu prüfen“, heißt es von der MA 22 (Umweltschutz). Pikant ist, dass selbst die städtische Wien Energie keine neuen Windkraftanlagen mehr im Stadtgebiet vorangetrieben hat, sondern zuletzt lieber den Ökostrom-Pionier „Im Wind“ gekauft hat.

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