Was stört, ist der Standort: Bürgerdiskussion um Windkraft

Acht Windräder sollen in den kommenden Jahren in einem Wald bei Traismauer gebaut werden. Die Anrainer wollen sich ihr Erholungsgebiet aber nicht wegnehmen lassen.
Volles Haus bei "Vor Ort am Wort" in Wagram ob der Traisen.

Acht Windräder sollen es werden, knapp 290 Meter hohe Riesen, platziert am Seelackenberg. Der ist das Naherholungsgebiet für die Menschen in Traismauer und beherbergt außerdem wertvolle Feuchtgebiete und seltene Vogelarten wie den Rotmilan. Das bringt viel Diskussionsbedarf mit sich, wie sich bei der ORF-NÖ-Diskussion "Vor Ort am Wort" in Traismauer gezeigt hat.

Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung sind die Straßen zugeparkt, der Saal im Gasthaus bis auf den letzten Platz besetzt. Flyer der Projektgegner liegen auf den Tischen und werden verteilt, die Spannung ist greifbar. Diskussionsleiter Werner Fetz ruft die Menschen im Saal dazu auf, respektvoll zu diskutieren - und trotz starker Meinungen halten sich auch alle daran.

Über Pro und Contra Windkraft wird auch nicht wirklich debattiert, kaum jemand im Saal ist gegen diese Form der Energiegewinnung. Aber, so der Tenor hier: Bitte nicht an diesem Standort. Der Wald ist den Menschen wirklich wichtig, er ist ihr Naherholungsraum.

Martina Jelinek, Projektleiterin der WEB Traismauer, verteidigt naturgemäß den Standort, der 150.000 Megawattstunden pro Jahr bringen könnte, was eine gewaltige Menge für diese Fläche sei.

Martina Jelinek, Projektleiterin der WEB Traismauer

Martina Jelinek, Projektleiterin der WEB Traismauer: "Diese Windkraftanlagen könnten 150.000 Megawattstunden pro Jahr bringen."

"Warum findet man keinen anderen Standort?", fragt ein Traismaurer aus dem Publikum. Nur der Dunkelsteinerwald sei als zusammenhängendes Waldgebiet größer als der Seelackenberg. Warum nicht, fragt ein anderer Zuschauer: Windkraft im Wald schütze doch letztlich auch den Wald.

Eine Frau meldet sich zu Wort und fragt, wie es eigentlich um den Artenschutz bestellt sei. "Alle Greifvögel hier sind geschützt, auch die Amphibien in den Feuchtgebieten - Artenschutz ist ja auch Menschenschutz", sagt sie. Gleich assistiert ihr ein ehemaliger Umweltberater, der eine Biotop-Kartierung in Traismauer veranlasst hat, wie er sagt. Viele Tiere in dem Wald seien auf der roten Liste bedrohter Arten, man müsse das Projekt schon aus ökologischen Gründen ablehnen.

Die Optik? "Kein Versagensgrund"

Dazu versucht Umweltanwalt Thomas Hansmann eine kurze rechtliche Einordnung: Der Standort müsse immer geprüft werden. Im Zuge dessen werde auch erhoben, ob die ökologische Funktionstüchtigkeit beeinträchtigt sei. Wen die Optik von Windrädern störe, der habe weniger gute Karten, denn "die Beeinträchtigung des Landschaftsbildes ist kein Versagensgrund mehr, das hat sich rechtlich geändert."

Arnold Kainz, Projektentwickler der WEB Windenergie Österreich, betont an dieser Stelle, dass man Windkraft-Projekte über das ganze Land verteile, überdies "ist Windkraft in NÖ nur in ausgewiesenen Zonen möglich". 71 Zonen gibt es im Bundesland, nur dort dürfen Windräder errichtet werden. Die Entscheidung treffen letztlich die Gemeinden, die die Flächen umwidmen müssen. Im Fall von Traismauer ist wegen der Größe des geplanten Projektes außerdem eine Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) nötig.

Florian Maringer, Geschäftsführer IG Windkraft

Florian Maringer, Geschäftsführer IG Windkraft: "Die Energie muss irgendwo herkommen."

"Von ein paar Idioten abhängig"

"Irgendwo muss die Energie herkommen", bricht Florian Maringer, Geschäftsführer der IG Windkraft, eine Lanze für die Windräder. In den letzten 100 Jahren sei die Wasserkraft in Österreich ausgebaut worden, jetzt baue man die Energiegewinnung aus Wind und Sonne aus.

Ein junger Mann outet sich als Befürworter des Projektes: Ein Windrad produziere Strom für 15.000 Menschen, sagt er, "und es braucht so viel Platz wie der Traismaurer Kreisverkehr. Wenn wir unsere Energie nicht selbst produzieren, dann sind wir weltweit von ein paar Idioten abhängig, wie wir gerade sehen". So deftig gibt es eControl Vorstand Alfons Haber nicht. Aber, sagt er, mit dem Abrücken von fossilen Energien steige der Strombedarf, das sei schlicht Faktum.

Das ist, als wolle man Hühner vor dem Schlachthof retten, indem man Schweinefleisch isst.

von Alexander Aicher

Obmann der Initiative "3 Gemeinden - 1 Ziel"

Alexander Aicher, Obmann der Initiative "3 Gemeinden - 1 Ziel", vertritt die Gegner in den betroffenen Gemeinden Traismauer, Herzogenburg (beide Bezirk St. Pölten Land) und Sitzenberg-Reidling (Bezirk Tulln). "Wir sind nicht gegen Windkraft, aber gegen diesen denkbar ungünstigsten Standort. Das ist, als wolle man Hühner vor dem Schlachthof retten, indem man Schweinefleisch isst." 67 Prozent der Bevölkerung hätten sich bereits 2016 gegen das Projekt ausgesprochen, man fühle sich von der Politik "beschwindelt".

Alexander Aicher, Obmann der Initiative "3 Gemeinden - 1 Ziel"

Alexander Aicher, Obmann der Initiative "3 Gemeinden - 1 Ziel": "Das ist der ungünstigste Standort."

Wird Volksbefragung bindend sein?

Traismauers Bürgermeister Herbert Pfeffer (SPÖ) kann das in seinem Statement nicht wirklich entkräften. Als er den Wald, in dem die Windkraftanlage ab frühestens 2030 rund 57 Megawatt Strom pro Jahr produzieren soll, einen "Nutzwald" nennt, gibt es großes Gejohle im Saal.

Als er eine zweite Volksbefragung in den Raum stellt, wird das nicht besser. Ob die bindend sein werde?, fragt ein Zuschauer. Das müsse erst der Gemeinderat entscheiden, sagt Pfeffer. "Na typisch!" und "Eh klar!"-Rufe schallen durch den Raum, die Leute klopfen auf die Tische. Aber da ist die Diskussion bereits am Ende. Gesittet war sie trotzdem.

Kommentare