Angeklagter im Wienwert-Prozess: "Ja, vielleicht war es die Gier“
Der frühere Wienwert-Chef Stefan Gruze muss sich mit acht weiteren Angeklagten wegen Anlagebetrugs und Korruption verantworten. ÖVP-Politiker Karl Mahrer und seine Frau haben das Verfahren mit einer Diversion bereits erledigt.
KURIER: Ihnen und anderen Angeklagten wird vorgeworfen, Anleger um über 40 Millionen Euro betrogen zu haben. Es heißt ja, das Geld ist nie weg, nur hat es jemand anderes. Wer hat das Geld jetzt? Sie?
Stefan Gruze: Bei der Wienwertgruppe ist es sehr klar nachvollziehbar, wohin das Geld geflossen ist: In meiner Funktionsperiode ab 1. April 2016 in Immobilienprojekte und in die Refinanzierung bestehender Anleihen.
Gleichzeitig wurde auch zu verschwenderisch gewirtschaftet, und es wurden zu risikoreiche Geschäfte eingegangen, auch aus Selbstüberschätzung. Und ja, das ist mein Fehler, für den ich die Verantwortung übernehme.
Was sagen Sie heute den 1.800 Geschädigten?
Für den entstandenen Schaden möchte ich mich aufrichtig entschuldigen. Viele Menschen haben ihr Vertrauen in die Wienwertgruppe und auch in mich gesetzt und dabei einen beträchtlichen Teil ihrer Ersparnisse verloren. Ich habe nie damit gerechnet, dass Gläubiger zu Schaden kommen, und hatte schon gar keine Absicht, jemanden zu schädigen.
Sie legen Wert auf die Trennung zwischen Ihrer Zeit als Wienwert-Chef und der Ihrer Vorgänger.
Weil es zwei gänzlich unterschiedliche Storys sind. Sogar auch vom Sachverständigen und der WKStA wird gewürdigt, dass meine Funktionsperiode hinsichtlich der Kommunikationspolitik und Offenlegung der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage „unterschiedlicher kaum sein könnte“.
KURIER-Redakteur Josef Kleinrath und der frühere Wienwert-Chef Stefan Gruze.
Das gesteht mir sogar die Anklagebehörde zu. Umso überraschter bin ich, dass ich auch wegen Anlagebetrug angeklagt wurde. Aber ich möchte nicht mit meinen beiden Vorgängern in einen Topf geworfen werden.
Sind Ihre Vorgänger schuldig?
Das muss das Gericht entscheiden.
Sie kritisieren das Gutachten der Anklage heftig.
Die Anklage verweist auf knapp 320 Seiten 900 Mal auf das Gutachten. Es ist DAS zentrale Beweismittel. Wir haben es prüfen lassen. In entscheidenden Punkten, insbesondere zum Zeitpunkt der Zahlungsunfähigkeit, ist es schlichtweg falsch.
Wann wussten Sie, dass das Unternehmen finanziell schwerst angeschlagen ist?
Bei Übernahme war Wienwert organisatorisch, wirtschaftlich und strategisch angeschlagen. PwC Österreich prüfte die Fortführungsfähigkeit und kam zum Ergebnis, dass eine Fortführung möglich ist. Darauf habe ich vertraut.
Es hat auch ergeben, dass in der Vergangenheit Verluste massiv vertuscht wurden. Ich habe das Eigenkapital auf Basis dieser Überschuldungsprüfung, im Rahmen derer auch das Immobilienportfolio neu bewertet wurde, um 15 Millionen Euro abgewertet. Und ich habe bis zu diesem Zeitpunkt, also bis die tatsächliche wirtschaftliche Lage der Wienwertholding festgestanden hat, keine Anleiheemissionen genehmigt.
Es gibt auch den Vorwurf, Sie hätten sich bei der Wienwert bereichern wollen.
Ich hatte keinen Grund dazu. Der Sachverständige hat festgestellt, dass ich nur auf meinen österreichischen Konten im Jahr 2015 – vor Wienwert – 356.000 Euro Nettoerlöse erzielt hatte. Zusätzlich habe ich meine Initiatorenrechte an einem Investmentfonds um 500.000 verkauft, und ich hatte Einnahmen in London.
Zu Wienwert bin ich wegen der starken Marke gegangen. Es war verlockend, bei einer schlechten Ausgangslage mit dieser tollen Marke etwas Großes zu entwickeln. Der Syndikatsvertrag mit der Bundespensionskasse AG bestätigt das.
Jetzt sagen Sie, alle Anleger hätten in Ihrer Zeit über die Schieflage des Unternehmens und die Risiken Bescheid gewusst. Hätten Sie mit Ihrer Erfahrung es nicht besser wissen müssen und gar keine Anleihen mehr begeben dürfen?
Im Gegenteil. Nicht ich sage das, sondern selbst in der Anklageschrift steht, dass die Anleger in meiner Funktionsperiode über die desaströse wirtschaftliche Lage vollumfänglich informiert waren.
Wieso kauft dann jemand diese Anleihen?
Sicher hat die Marke viel ausgemacht. Aber das muss man am Ende des Tages die Investoren fragen. Vielleicht war es deren Gier?
Gutes Stichwort. Die Gier ist ein Hund, sagt man. Ist das Ihnen auch zum Verhängnis geworden?
Ja, diesen Fehler gestehe ich ein. In der Investmentbankenwelt macht man einen guten Deal und verlangt eine Bonifikation oder mehr Gehalt. Das habe ich bei Wienwert mit dem Syndikatsvertrag auch gemacht. Alles war vom Aufsichtsrat genehmigt. Als Miteigentümer habe ich übersehen, dass ich mit mir selbst verhandle. Ich bin zu verschwenderisch mit dem Vermögen der Gesellschaft umgegangen, auch, was mein Gehalt betrifft.
Wie viel haben Sie verdient?
Um die zwei Millionen Euro. Aber ich habe auch einen Schaden von 500.000 Euro wiedergutgemacht.
Kommen wir zu Ihren politischen Freunden. Mögen Sie Karl Mahrer und Ernst Nevrivy?
Ja.
Sie sind ein fescher Kerl, eloquent, wortgewandt und reich, erinnern an Karl Heinz Grasser und René Benko. Haben Sie Mahrer und Nevrivy gekauft oder einfach mit Ihrem Auftreten für sich eingenommen?
Wie man mich beschreibt, überlasse ich anderen. Ich habe mir definitiv keine politischen Freunde gekauft. Kontakte zu Entscheidungsträgern gehören zu den Aufgaben eines Vorstandes, in jeder Branche. Ja, ich bin proaktiv an politische Amtsträger herangetreten und habe gefragt, was ich für den Bezirk tun kann, damit die Lebensqualität besser wird – natürlich mit dem Interesse, eine professionelle Gesprächsbasis zu haben.
Die Freundschaft zu Nevrivy und Mahrer ist abgekühlt?
Leider ja, zwangsläufig. Ein fast zehnjähriges Strafverfahren ist für alle eine enorme Belastung. Man kann in Österreich in so einem Fall ja nicht einmal mehr miteinander reden.
Karl Mahrer und seine Frau müssen wegen eines Geschäfts mit Ihnen im Zuge einer Diversion hohe Bußgeldzahlungen leisten. Helfen Sie den beiden dabei?
Nein.
Hat Ihnen Ernst Nevrivy ein Geheimnis verraten, mit dem Sie das Haus in der Attemsgasse vor den Wiener Linien kaufen konnten?
Nein, das war kein Geheimnis.
Woher wussten Sie von dem Objekt?
Eine Maklerin hat es mir angeboten. Und ja, als ich Herrn Nevrivy nach dem geplanten Projekt gefragt habe, hat er mir den Aktenvermerk geschickt, der auch an andere Immobiliengesellschaften gegangen ist.
Sie haben das Haus um 850.000 Euro teurer an die Wiener Linien weiterverkauft – ein Schaden für die öffentliche Hand. Liegt die Verantwortung dafür bei Ihnen oder bei den Wiener Linien, die das Haus nicht früher gekauft haben?
Aus meiner Sicht habe den Schaden nicht ich verursacht, sondern die Verantwortung liegt bei den handelnden Personen der Wiener Linien.
Sollten dann diese auf der Anklagebank sitzen?
Nein, das möchte ich damit nicht sagen. Aber es wäre aus meiner Sicht die Aufgabe der Wiener Linien gewesen, sich rechtzeitig die Grundstücke zu sichern, die man zwingend für die Umsetzung des Projektes braucht.
Das Projekt wurde zwei Jahre zuvor öffentlich präsentiert. Es wartet niemand auf die Wiener Linien. Wer stattdessen mit Enteignung argumentiert, riskiert genau dieses Ergebnis. Es war bekannt, dass die Wiener Linien dort auch Wohnungen bauen wollten. Da gibt es kein öffentliches Interesse mehr für eine Enteignung.
Tut es Ihnen leid, dass so viele Wegbegleiter neben Ihnen auf der Anklagebank sitzen?
Ja, sehr viele sitzen zu Unrecht da. Ich sitze zu Recht da, für das, wofür ich Verantwortung übernommen habe. Mit der Sache nichts zu tun haben aus meiner Sicht insbesondere Klemens Hallmann, ein Rechtsanwalt und ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender, ein Geschäftsführer von PwC Österreich sowie Ernst Nevrivy.
Aber sollte ich mit Einladungen an einen Freund den Tatbestand der Anfütterung erfüllt haben, dann muss ich mir diesen Schuh anziehen. Das nehme ich auf mich. Die rechtliche Beurteilung ist Sache des Gerichts.
Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie nach so vielen Jahren der Ermittlungen?
Es ist eine massive Belastung, persönlich wie auch beruflich, und verursacht hohe Kosten. Die Unschuldsvermutung gilt in Österreich nicht.
Das Verfahren hat Ihnen beruflich geschadet?
Ja, erheblich. Ich kann keine Organfunktion bei Investmentbanken und Konzernen annehmen.
Was machen Sie jetzt beruflich?
Ich bin Head of Investments in der familieneigenen GFO GmbH, die ausschließlich eigenes Vermögen investiert und kein Investorenkapital aufnimmt. Für meine Kapitalmarktexpertise werde ich aber immer noch geschätzt. Trotz des Verfahrens. Oder möglicherweise gerade deshalb.
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