© Wilhelm Theuretsbacher

Schicksale
12/28/2013

Wiens vergessene Polizistinnen

Fast fünfzig Jahre lang wurde die Existenz der „Holaubek-Mädels“ verschwiegen

von Wilhelm Theuretsbacher

Jetzt habt Ihr uns total abgehakt.“ Dieser Vorwurf einer Runde älterer Damen in einem Kaffeehaus in der City traf den Wiener Polizeioberst Johann Golob unvorbereitet. Nach dazu, wo die Damen recht haben. Sie sind die „vergessenen“ Polizistinnen Wiens. Sie wurden von der Polizeiführung jahrzehntelang totgeschwiegen, versteckt und ignoriert.

Vermutlich war die Zeit noch nicht reif dafür, als im Oktober 1965 der legendäre Polizeipräsident Josef „Joschi“ Holaubek den ersten Polizeikurs für Frauen ausschrieb. 700 Bewerberinnen haben sich gemeldet, 63 wurden aufgenommen. Nur wenige haben durchgehalten.

Darunter war die heute 69-jährige Kontrollinspektorin Maria Kainzmayer. Sie erinnert sich an den Drill in der Polizeischule: „Wir durften nur eine für uns reservierte Stiege benutzen und mit den Burschen nichts reden. Im Speisesaal gab es einen eigenen Tisch für uns Frauen.“

Polizeiwachmänner

Nach zwei Jahren erhielten sie ihre Dienstzeugnisse. Fortan waren sie „Provisorische Polizeiwachmänner“. Denn Frauen wurden in der archaischen Männergesellschaft nicht akzeptiert. Holaubek hat es auch nicht mehr gewagt, einen weiteren Kurs auszuschreiben.

Dienst wurde nur tagsüber und ohne Waffe versehen. Man weiß nicht warum. Vielleicht wegen des Rückstoßes? Die 66-jährige Kriminalpolizistin Maria Tauschler erzählt: „Wir fuhren Streife und machten Observationen. Aber bestimmte Lokale durften wir nicht betreten, weil da drinnen angeblich die Messer locker saßen.“

Erst Jahre später bekamen sie Walter-PPK-Pistolen, erzählt die 71-jährige Kriminaloberinspektorin Isolde Duch. Sie brachte bald ihren ersten Mörder zur Strecke und landete später bei der Staatspolizei. Da stand sie dann mit bodenlangem Kleid am Opernball – im Ball-Täschchen eine vergleichsweise schwere SIG-Pistole.

Die 68-jährige Barbara Taus erinnert sich an ihren ersten Festgenommenen. Es war beim Kursalon Hübner. „Er war sehr zahm.“ Zu kurzzeitiger Berühmtheit kam Taus, als sie nach der Heirat ihren Dienst quittierte. „Polizistin weggeheiratet“, titelte damals eine Tageszeitung.

Die Damen lernten aber auch interessante Leute kennen. Etwa den jugoslawischen Staatschef Josip Broz Tito. Oder Leonid Breschnew, russischer Staatschef und „vierfacher Held der Sowjetunion“. Die Polizistinnen wurden bei Staatsbesuchen gerne zum diskreten Personenschutz eingeteilt. Es waren aber auch nette Besucher dabei wie die Schauspielerin und Fürstin von Monaco, Grace Kelly.

Anfang der 90er-Jahre wurden mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit die angeblich ersten Polizistinnen bei der Polizei aufgenommen. Die „Holaubek-Mädels“ wunderten sich. Denn bei ihnen stand schon die Pensionierung an. Den Vorwurf des „Abhakens“ der ersten Polizistinnen des Landes wollte Oberst Golob so aber nicht akzeptieren. Spontan gab es eine Einladung ins Polizeipräsidium. Und da saßen die angegrauten Gründungsmitglieder mit ihren alten Fotos beim Kaffee und erzählten den jungen Kolleginnen, wie es früher war.

Neue Zeiten

Und die staunten. Die Zeiten haben sich geändert. Bezirksinspektor Marion Gurtner in der Polizeiinspektion Storchengasse kam im Jahr 2004 zur Polizei. Von 30 Auszubildenden waren gut ein Drittel Frauen. „Das war überhaupt nichts Besonderes. Wir wurden alle gleich behandelt – auch beim Sport und bei der Schießausbildung.“ Beim Praktikum in der Polizeiinspektion Sechshauser Straße fühlte sie sich wohl: „Die älteren Kollegen haben mir sehr viel beigebracht.“ Heute ist sie Dienstführende. Dass sie eine Frau ist, bekommt sie nur manchmal bei Amtshandlungen zu spüren, wenn Zeitgenossen nur mit männlichen Kollegen reden wollen. Die bekommen dann stets zu hören: „Die Amtshandlung führt die Frau Kollegin.“