Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

„In einem Tag ist unser Wein ausgetrunken“

In Wien werden pro Jahr vier Millionen Flaschen Wein produziert – würde jede Wienerin und jeder Wiener zwei Flaschen hintereinander trinken, wäre der Wiener Wein an einem einzigen Tag weg.
46-209369862

Jedes Jahr ist anders. Davon kann jeder Winzer ein Wienerlied singen. Und natürlich gilt das auch für die Weinwelthauptstadt Wien, die diesen Titel trägt, weil keine andere Metropole ein derart großes Weinanbaugebiet innerhalb der Stadtgrenzen hat wie Wien. Auf 600 Hektar wird der Rebensaft gekeltert. Hauptsächlich ist es der berühmte Wiener Gemischte Satz, der auf 45 Prozent der Fläche zu finden ist.

Und der hat es heuer – im Gegensatz zum Vorjahr – doch etwas schwerer. Wie jeder Wein. Denn während das Jahr 2025 geprägt war von einem kalten Winter, viel Wasser im Frühjahr, einem auch regnerischen Sommer und kühlen Nächten im Herbst, ist das Jahr 2026 ganz anders gelaufen, wie Josef Wimmer-Schmidt vom Weingut Cobenzl (Stadt Wien) analysiert. 

Zwar sind die extrem kalten Nächte mit zwölf Grad Minus dem Weinbauern dienlich, weil Schädlinge absterben, aber das Wasser ist das Problem. Also das fehlende Wasser.

Stress bei den Rebstöcken

„Im Frühjahr war der Mangel so stark, dass die Rebstöcke aus Stress früh ausgetrieben haben“, gibt Wimmer-Schmidt einen Einblick in die Wiener Weinstöcke. Deshalb werde die Lese heuer wohl zehn bis 14 Tage früher stattfinden – also schon ab Mitte August. Was wieder eine Herausforderung darstellen wird – wegen der Hitze, die den Trauben bei der Lese nicht gerade zuträglich ist, wie der Kellermeister weiß. Wie der Klimawandel überhaupt – wobei Österreich nicht so stark betroffen ist, wie etwa große Weinbauregionen wie Andalusien in Spanien oder in Napa Valley in den USA, wo mit der „Fire Season“ wegen der großen Hitze und vielen Waldbrände sogar eine fünfte Jahreszeit eingeführt wurde, wie Winzer Fritz Wieninger schildert.

Wein Wien

Wien-Wein: Edlmoser, Wieninger,  Podsednik, Huber, Christ und Wimmer-Schmidt.

Wein im Wandel der Zeit

Aber die Arbeit im Weingarten hat sich auch in Wien aufgrund der massiven Veränderungen in den vergangenen Jahren, erläutert Thomas Huber vom Fuhrgassl-Huber: „Früher haben wir die Blätter entfernt und die Trauben freigelegt, damit sie mehr Sonne bekommen.“ Jetzt würde man gerade so viele Blätter wegnehmen, dass eine Durchlüftung erfolgt. 

Darüber hinaus sorgt eine Begrünung zwischen den Weinstöcken dafür, dass die Bodentemperatur nicht über 50 Grad klettert. Auch beim Nachsetzen spielen die neuen Bedingungen eine Rolle: Gesetzt werden Sorten, die mehr Säure liefern und später reifen. „Beim Grünen Veltliner werden Nordlagen noch interessant werden“, ist Wieninger überzeugt.

In Zukunft soll auch KI im Weingarten eine größere Rolle spielen. „Sie hilft uns in unserem bäuerlichen Beruf“, ist Wieninger überzeugt. So geben Drohnen anhand der Aufnahmen von oben Aufschluss über den Zustand der Reben und herrschenden Trockenstress. Es gibt Programme, die den Weingartenboden analysieren und Vorschläge erstellen, den Boden für die jeweilige Traube fitter zu machen. Und KI-gestützte Wetterprognosen helfen auch beim Pflanzenschutz, weiß Wieninger.

So wichtig ist Wein

Aber zurück in die Gegenwart. Es wird weniger Wein getrunken, das steht fest. Statt 28 sind es österreichweit „nur“ mehr 25 Liter pro Kopf und Jahr. Sorgen machen sich die Winzer dennoch keine. „Die Jungen trinken viel Wein“, weiß Wieninger, gerade der frische, leichte Gemischte Satz sei auch in dieser Generation gefragt.

Trotz Rückgang im Konsum bleibt der Weinbau ein Wirtschaftsfaktor, wie die im Vorjahr präsentierte „Economia“-Studie zur Freude der Gruppe „WienWein“ zeigt. Allein in Wien sichert die Weinwirtschaft mehr als 11.700 Arbeitsplätze. Umgerechnet auf die Rebfläche sind das in Wien 1.842 Arbeitsplätze je 100 Hektar. Im Vergleich zu den anderen Bundesländern der Spitzenwert – in der Steiermark werden 170 Arbeitsplätze je 100 Hektar gesichert, in NÖ 112, im Burgenland laut dieser Studie gar nur 47. Wobei das natürlich dem verdichteten städtischen Umfeld in Wien geschuldet ist.

Ein Tourismusfaktor

Auch das ist fix: Der Wein spielt einer Rolle im Tourismus. Studien zufolge geben Weinreisende um 18 Prozent mehr pro Tag aus als der Durchschnittstourist. Und diesen qualitätsbewussten Gast wollen die Wiener Winzer noch stärker ansprechen. „Wir wollen nicht die Busreisen zum Grinzinger Heuriger wiederbeleben, sondern zielen auf den hochwertigen Individualtouristen ab“, versichert Wieninger.

Dafür wird eine digitale Plattform, „Vienna Wine Adventure“, entwickelt. Dort sollen künftig geführte E-Bike-Touren durch die Wiener Weinberge oder Wanderungen durch die Top-Lagen mit Blick auf Wien angeboten werden, ebenso Wein-Masterclasses mit Fokus auf Geschichte und Sensorik. Aber es soll auch ein Buchungssystem für den klassischen Heurigen oder ein romantisches Picknick im Weingarten beinhalten. Diese System wird spätestens im kommenden Jahr ausgerollt, versichern die Winzer.

Kommentare