Aggressive Öffi-Nutzer in Wien: Wenn die Angst mitfährt

In Deutschland starb ein Zugbegleiter nach der Attacke eines Fahrgastes. Wie die Wiener Linien ihre Mitarbeiter nach Übergriffen betreuen.
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Der 36-jährige Serkan C. war deutscher Zugbegleiter und kontrollierte Anfang Februar wie gewohnt die Tickets der Fahrgäste. Ein Schwarzfahrer rastete aus und prügelte auf C. ein. 

Der Familienvater starb noch am folgenden Tag. Kurz darauf bedrohte in der Steiermark ein Schwarzfahrer zwei Zugbegleiter und verletzte eine Bahnmitarbeiterin schwer.

Wiener Linien: Übergriffe durch Fahrgäste

Auch bei den Wiener Linien kennt man die Aggressivität mancher Fahrgäste – das reicht von der Beschimpfung bis zum physischen Übergriff. Im Jahr 2024 (aktuellste Zahl) gab es insgesamt 122 Übergriffe auf Mitarbeiter. In diesem Jahr waren 873 Millionen Fahrgäste in den Wiener Öffis unterwegs. „Das sind 0,00001 Prozent Übergriffe pro Fahrgast“, heißt es von den Wiener Linien.

Die Gründe für Angriffe sind unterschiedlich: Häufig sind die Fahrgäste betrunken oder stehen unter Drogeneinfluss, haben keine Tickets oder reagieren verärgert, wenn sie etwa auf die Hausordnung hingewiesen werden. „Bei manchen beginnt das schon, wenn die Straßenbahn davonfährt. Das bekommt dann der nächste Fahrer ab“, erzählt Georg Traub. Der ehemalige Buslenker arbeitet heute im Kriseninterventionsteam der Wiener Linien, kurz Sozius genannt. Dort sind 33 Mitarbeiter im Einsatz, zusätzlich gibt es sieben Arbeitspsychologinnen und -psychologen

„Es gibt Vorfälle, bei denen muss ein Sozius informiert werden. Das sind zum Beispiel tätliche Angriffe, Verkehrsunfälle mit Personenschaden, Stürze auf die Gleise oder Zusammenstöße mit anderen Verkehrsteilnehmern“, sagt Andrea Schmalzer, klinische Arbeits- und Gesundheitspsychologin und Leiterin des Sozius-Teams.

Wiener Linien, Krisenintervention, Sozius

Andrea Schmalzer arbeitet als Arbeits- und Gesundheitspsychologin, Georg Traub 
ist Teil des Sozius-Teams.

Recht auf Entlastungstage

Ob ein Mitarbeiter die Unterstützung annimmt, sei jedem selbst überlassen. „Aber wir schulen die Leute, die mit Betroffenen zu tun haben, schon dahin gehend, dass sie merken, wenn es vielleicht doch nicht so gut läuft. Wenn irgendwer plötzlich nichts mehr redet oder zittert“, beschreibt Schmalzer typische Verhaltensweisen. Es gibt bei den Wiener Linien auch die Möglichkeit, Entlastungstage zu beanspruchen. „Wenn jemand nicht gleich nach einem Vorfall wieder arbeitsfähig ist, dann kann man Entlastungstage nehmen. Das ist kein Urlaub, sondern spezielle freie Tage im Rahmen der Betreuung“, schildert Traub.

Es gibt auch die Möglichkeit, die Route, an der der Vorfall passiert ist, zumindest kurzzeitig zu meiden bzw. an andere Kolleginnen und Kollegen abzugeben. „Langfristig ist aber schon das Ziel, dass alle Mitarbeiter alle Routen auch machen können“, so Schmalzer. Insgesamt betreut das Sozius-Team pro Jahr rund 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter auch Kontrollore sowie Service- und Sicherheitsdienstmitarbeiter. „Wenn die Symptome nach einer Krise auch durch die Betreuung der Sozius nicht abnehmen, dann unterstützen wir als Psychologen. Das passiert bei schwereren Vorfällen und auch bei Leuten, die unabhängig von der Erfahrung einen großen Rucksack zu tragen haben“, erklärt die Team-Leiterin.

Deeskalationsschulungen

Daneben bieten die Wiener Linien Präventionsschulungen in Schulen und Kindergärten an, was „richtiges“ Verhalten in Öffis betrifft. Regelmäßig geschult werden auch alle Fahrer, Kontrollore sowie Mitarbeiter des Sicherheits- und Servicediensts. „Auch Wiederholungen von Deeskalationsschulungen sind vorgesehen, Kontrollore nehmen etwa alle zwei Jahre an Wiederholungseinheiten teil“, heißt es von den Wiener Linien.

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