Wien wird zur Schwulen-Metropole

Touristiker wälzen bereits Pläne, wie sie kaufkräftige homosexuelle Gäste in die Stadt locken können.


Nach dem Song  Contest: Life Ball am 30. 5. und Regenbogenparade. Werber Tarbauer, Song-Contest-Fan.

Ihr Sieg war ein Statement. Conchita Wurst, die bärtige Sängerin mit der Engelsstimme, die den 59. Songcontest gewann, setzte damit ein Zeichen für Toleranz – und brachte unter anderem der schwulen und lesbischen Community viel Aufmerksamkeit. Um diese wird sich auch im kommenden Jahr vor und beim 60. Eurovision Song Contest viel drehen. Zumindest wenn es nach den Plänen des Wien Tourismus geht, der gezielt kaufkräftige homosexuelle Touristen in die Bundeshauptstadt locken will.

Die Voraussetzungen dafür sind gut: Denn der Song Contest war seit jeher in der Szene hoch im Kurs und Wien gilt unter homosexuellen Touristen als eine Top-Destination. "Die Kultur, das Internationale und das Mitfiebern machten den Song Contest schon immer zu einem Event in der Szene", sagt Jürgen Tarbauer, Geschäftsführer von Omnes, der größten österreichischen Agentur für Gay-Marketing. Der Event "verbindet alle Schwulen und Lesben Europas", erzählt er. Public-Viewing war bereits vor Conchita Wursts Siegeszug ein Pflichtprogramm, genauso wie auch die Künstlerin Wurst in der Szene einen Namen hatte.

Hohe Kaufkraft

Tourismuswerbung in der schwulen und lesbischen Community ist längst kein Randthema mehr. Seit 1998 spricht die städtische Wien-Tourismus-Agentur gezielt Gäste an, seit dem Vorjahr in 12 Nationen von Deutschland über die USA bis nach Indien. Die "Gay European Tourism Association" errechnete 2012, dass europäische homosexuelle Touristen jährlich 50 Milliarden Euro ausgeben. "Wir werden das Thema mitnehmen und bewerben. Die Werbung wird sich aber nicht ausschließlich darauf reduzieren", erklärt Walter Straßer vom Wien Tourismus. Der "Ruf Wiens als tolerante Stadt" komme den Aktivitäten entgegen, das Angebot an einschlägigen Lokalen und Hotels sei groß. Gäste können gleich binnen einer Woche zwei Events besuchen: Den Song Contest (23. Mai) und den Life Ball (30. Mai).

Wer in der Community punkten will, der müsse die Zielgruppe verstehen, erklärt Tarbauer: "Einen schwulen Mann spricht man nicht mit rosa Plüsch an." Man müsse authentisch und ehrlich sein. Gerade Wien könne mit seinem kulturellen Angebot punkten. Das deckt sich mit einer Umfrage unter 80.000 Usern des City Guides "GayCities.com". In der Kategorie "Kultur" reihten sie Wien auf den ersten Platz.

Verdeckt so viel Marketing nicht die alltägliche und rechtliche Diskriminierung von Homosexuellen? Ist Wien wirklich so weltoffen? "Richtig, die Diskriminierung gibt es", sagt Marco Schreuder, Grüner Bundesrat und Song-Contest-Fan. Jedoch habe sich das Thema "positiv entwickelt". Von Verhältnissen wie in Budapest, wo Polizisten einen Umzug schützen mussten, sei keine Rede. Schreuder: "Der Contest wäre ein schöner Anlass, die diskriminierenden Punkte im Gesetz zu beseitigen."

 Song Contest: wer kann das moderieren?

Die Frage nach dem Wollen stellt sich in diesem Fall nicht: Jeder ambitionierte Moderator würde diese Herausforderung "mit Handkuss" annehmen. Denn realistisch gesehen ergibt sich  die Möglichkeit, einen Song Contest im eigenen Land zu präsentieren, nur einmal im Leben eines österreichischen TV-Stars. Am 23. Mai 2015 soll das Finale des 60. Musikwettbewerbs in der Wiener Stadthalle alle bisherigen Song Contests in den Schatten stellen. Die herzeigbaren Frontfiguren dafür zu finden, wird aber für die ORF-Verantwortlichen sicherlich knifflig.
Bild: Moderatorin Alice Tumler Eine Frau zählt in Insiderkreisen schon jetzt zu den Favoritinnen, die vor oder hinter der  Bühne eine wichtige Rolle übernehmen  könnte. Nicht nur, weil sie gebildet ist und fünf Fremdsprachen fließend spricht, sondern vor allem, weil sie die Internationalität mitbringt, die eine Show dieser Größenordnung  einfordert. "Ich bin auf Moderationen dieser Art spezialisiert", betont Alice Tumler, die mit ihrer Tochter Tia (3) und ihrem Lebensgefährten, dem Osteopathen Francis, in Lyon (Frankreich) lebt, "natürlich würde es mich sehr interessieren, dabei zu sein!" Als Tochter eines österreichischen Vaters (mit slowenisch-italienischen Wurzeln) und einer französischen Mutter (aus Martinique) wurde Tumler 1979 in Innsbruck geboren. "Musikalisch bin ich nicht. Deshalb moderiere ich und singe nicht“, so die 34-Jährige, die es nach der Matura in die weite Welt verschlug. In England, Italien und in der Karibik hat das Sprachentalent bereits seine Zelte aufgeschlagen. Tief in ihrem Herzen ist sie aber immer Österreicherin geblieben. Nicht nur für Moderationsjobs reist sie deshalb oft in ihre alte Heimat: Ab 17. Oktober steht sie wieder mit Co-Moderator Andi Knoll bei den Live-Shows von "Die große Chance" vor der Kamera. "Der Andi und ich sind bereits ein eingespieltes Team. Wir verstehen uns sehr gut. Es wäre toll, wenn wir auch beim Song Contest zusammenarbeiten dürften." Aber auch mit anderen Kollegen könnte sie sich den Traumjob gut vorstellen: "Es kommt darauf an, wie der ORF die Moderation  anlegen möchte – ob ernsthaft, lustig oder klassisch. Ich wäre aber in jedem Fall gerne dabei!" Weitere mögliche Moderatoren: 
Song-Contest-Haudegen Andi Knoll Doppler-Effekt: Zwillinge Mirjam Weichselbraun & Melanie Binder Bräuchte einen Dolmetscher: Rätselking Armin Assinger Multikultureller Background: Miriam Hie  & Claudia Unterweger Die Gretchen-Frage: Singt oder moderiert Conchita? Spricht fließend Spanisch: Tanz-Queen Roxanne Rapp Wenig Deutsch, dafür viel Russisch: Anna Netrebko Rasender Reporter & weltgewandt: Ernst Hausleitner (ganz rechts)
 

Stadthalle

Kühlung bleibt die größte Herausforderung

58 Jahre hat die Wiener Stadthalle bereits auf dem Buckel. Nicht gerade der glamouröseste Austragungsort für den Song Contest, bemängeln Kritiker. „Angesichts ihrer technischen Voraussetzungen ist sie aber im Vergleich zu den anderen Angeboten immer noch die beste Variante“, ist Gerhard Kampits überzeugt. Der Veranstaltungsmanager  kennt die Anlage im 15. Bezirk ganz genau, hat er doch hier Großkonzerte von Tina Turner oder Pearl Jam abgewickelt. Neben der Ausstattung gebe es auch das nötige Know-how, um einen derartigen Mega-Event über die Bühne zu bringen.

„Ein weiterer Vorteil ist, dass die Stadthalle  über mehrere Nebenhallen verfügt. Auch die Anbindung an die Öffis ist ordentlich. Das Problem ist nur: Wir kennen die Anforderungen des Veranstalters nicht im Detail.“

Ein mögliches Problem sieht Kampits in der Klimatisierung: „Die bestehende Anlage ist schon sehr alt.“ Es sei fraglich, ob sie tatsächlich ausreichen wird. „Jeder, der schon bei einem Stadthallen-Konzert  war, weiß, dass die Klimatisierung nicht ausreicht.“ Immerhin könne man davon ausgehen, dass es Ende Mai noch nicht allzu heiß werde. Eine große technische Herausforderung sei laut Kampits die Einrichtung des Pressezentrums: „Hier geht es um 1500 Journalisten, die alle einen Internet-Zugang brauchen werden.“

Bezirk „umbauen“

Geht es nach der ÖVP soll der  Song Contest  auch Auswirkungen auf den Rest des Bezirks haben. Bezirksobmann Georg Hanschitz fordert  gleich  einen „Totalumbau“ des gesamten Bezirkes. Er  drängt  vor allem auf die Nutzung des Areals hinter dem Westbahnhof, wo ein „Central Business Park“ als wirtschaftliche Grundlage des Bezirks entstehen soll. 

Kosten

Rund eine halbe Million Euro für die Sicherheit

In Innsbruck und Graz kann man die Niederlage gegen Wien nur schwer verschmerzen. Der Haupt-Kritikpunkt: In dem von Wien am Donnerstag präsentierten Paket fehlen einige wichtige Leistungen (der KURIER berichtete).

Beispiel Sicherheit: Während Innsbruck dafür eine Million Euro veranschlagt hat, scheint dieser Posten im Wiener Papier erst gar nicht auf. „Laut Veranstaltungsgesetz ist dafür der Veranstalter, also der ORF, zuständig“, sagt dazu Stadtrat Christian Oxonitsch (SPÖ). Die Kosten für das Sicherheitskonzept würden sich im niedrigen fünfstelligen Bereich bewegen, hieß es am Freitag dazu beim ORF. „Die Sicherheitsmaßnahmen für die Halle wurden  von Profis kalkuliert und liegen im mittleren sechsstelligen Bereich.“

Gratis-Öffis

Ein weiterer Zankapfel ist die kostenlose Öffi-Benutzung für die rund 5000 akkreditierten Gäste. Die vergleichsweise kleinen Stadt Innsbruck und Graz hätten dafür 650.000 bzw. 150.000 Euro kalkuliert. In Wien glaubt man hingegen mit lediglich 70.000 Euro  das  Auslangen zu finden. „Der Vorwürfe, dass  das zu wenig ist, ist absurd“, betont Oxonitsch.  „Die Berechnung basiert auf der Zahl von 5000 akkreditierten Gästen.“  Dazu gehören u.a Delegationen, Pressevertreter und Volunteers. 

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Song Contest 2015 in der Wiener Stadthalle

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(kurier) Erstellt am
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