Chronik | Wien
02.02.2018

Wo und wie Wien wächst

Wien wächst langsamer als in der jüngeren Vergangenheit, der Anteil der gebürtigen Österreicher sinkt. Noch heuer wird aber die 1,9-Millionen-Marke erreicht.

Wien wächst weiter - aber immer langsamer als in den vergangenen Jahren. Mit Stand 1. Jänner 2018 leben laut vorläufigem Stand der MA23 (Statistik) um 22.063 Menschen mehr in der Stadt als Anfang 2017. 2016 war es noch ein Plus von 27.356 und 2015 aufgrund des Höchststandes bei den Flüchtlingsbewegungen sogar von 42.889. Insgesamt beträgt der Bevölkerungsstand damit zirka 1,89 Millionen.

Die 1,9 Millionen Einwohner sollten noch in diesem Jahr erreicht werden. Wann die Zwei-Millionen-Marke geknackt wird, wird sich zeigen. Schätzungen zufolge zwischen 2024 und 2028. 71,4 Prozent der Einwohner sind aktuell Österreicher, dahinter folgen mit 4,1 Prozent Serben, mit 2,5 Prozent Türken und mit 2,3 Prozent Deutsche. Syrer machen etwa ein Prozent aus.

Babyboom hält an

Die Zunahme von 22.063 Einwohnern setzt sich aus einer positiven Wanderungsbilanz (+18.099) und einem Geburtenüberschuss (+3.964) zusammen. Wie die Erhebungen der MA23 zeigen, hält der Babyboom der vergangenen Jahre an. Das Nachkriegsrekordjahr 2016 wird aber nicht erreicht. Zurzeit matcht sich 2017 mit dem zweitstärksten Geburtenjahr 1967. Räumlich konzentriert sich das Wachstum vor allem auf die Stadtränder - im Speziellen auf den Osten und den Süden.

Das immer langsamer werdende Bevölkerungswachstum hat mit einer Abnahme der Zuzüge aus dem Ausland zu tun. Die habe laut MA23-Chef Klemens Himpele vermutlich zwei Hauptgründe: Zum einen steige in den Haupteinwanderungsländern in Mittel- und Osteuropa stetig der Wohlstand. Und zum anderen sei die Zahl der auswanderungswilligen hauptsächlich jungen Menschen begrenzt. Und in der jüngeren Vergangenheit seien eben schon viele ausgewandert.

Der Saldo aus dem Zuzug und Abzug aus den Bundesländern nach Wien stagniert dagegen auf niedrigem Niveau, wie die Statistiken der vergangenen Jahre belegen. So waren etwa 2016 von dem Plus an 22.277 Zuwanderern 21.139 aus dem Ausland. Aus den Bundesländern hingegen zogen 1138 Menschen mehr nach Wien als umgekehrt. Vergleichbar ist die Aufteilung im Vorjahr bei dem Plus an 18.099 Zugezogenen. Die finale Auswertung durch die Statistik Austria steht allerdings noch aus.

Wien verzeichnet mit fast jedem Bundesland eine positive Wanderungsbilanz. Nur aus Niederösterreich (– 4732) und dem Burgenland (– 34) zogen weniger Menschen zu, als aus der Stadt dorthin übersiedelten.

Bauoffensive geht weiter

An der 2017 im Zuge der Wohnbauoffensive intensivierten Bautätigkeit der Stadt Wien ändert das langsamere Bevölkerungswachstum bis auf Weiteres einmal nichts. Sei diese doch „ohnehin vorausschauend“ konzipiert, wie man im Büro von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SPÖ) betont. Ob man die Intensität beibehalten müsse, werde sich erst „in ein bis drei Jahren“ herauskristallisieren. Aktuell werden jährlich rund 13.000 Wohnungen neu gebaut, davon 9000 im geförderten Bereich.

Aber die MA23 erhob noch weit mehr: Etwa, dass der Anteil der Wiener mit österreichischen Geburtsort 2017 leicht zurückging und aktuell bei 62,5 Prozent liegt. Der Rest teilt sich auf 13,4 Prozent mit Geburtsort innerhalb der EU (inklusive Schweiz) und 24,1 Prozent aus Drittstaaten auf.

Die Wanderungsbilanz liegt dagegen deutlich unter den fünf Jahren zuvor. Bei den Zuwanderern kommt der Hauptanteil aus Europa sowie im Zuge der Flüchtlingsbewegung aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Allerdings ist bei den wichtigsten Flucht-Herkunftsländern ein Rückgang zu verzeichnen. So wurden etwa 4259 der 2017 nach Wien übersiedelten Personen in Syrien geboren (2016 waren es noch 6180) und 2112 in Afghanistan (gegenüber 2162). Auf Platz drei dieses Rankings stehen 1837 in Österreich geborene Neu-Wiener (gegenüber 2540 im Jahr zuvor) und an vierter Stelle 1376 in Deutschland geborene (2016 waren es mit 1193 ein bisschen weniger). Dahinter folgen Rumänien, Serbien, Bulgarien und Polen. Die Zuwanderung im Irak geborener Menschen hat sich mit 620 sogar halbiert.

Diese Zahlen bedeuten übrigens nicht, dass die jeweilige Anzahl von Personen neu nach Österreich kam. Etwa die Hälfte befand sich zum Zeitpunkt der Übersiedlung nach Wien bereits im Land. Laut Himpele wurde auch eine Abwanderung von Menschen aus Flucht-Herkunftsländern registriert - allerdings in sehr geringem Ausmaß. 2016 verließen 236 Syrer und 487 Afghanen Österreich. Für 2017 liegen die Zahlen noch nicht vor. Die große Unbekannte sei, wie viele Menschen im Fall einer politischen Stabilisierung in den jeweiligen Regionen dorthin zurückkehren würden.

Stadt der Vielfalt

Welcher Religion die Menschen angehören wird laut MA23 nicht erhoben. Zumal die Statistik auch nicht sonderlich aussagekräftig sei - da es anders als bei der katholischen Kirche im Islam oder im Judentum nicht die Möglichkeit zum Austritt gebe, müsse man die Selbstbetrachtung jedes einzelnen erheben.

Wien gehört jedenfalls zu den diversesten Städten der EU - nur in Brüssel und London leben mehr Menschen mit ausländischem Geburtsland.

Am stärksten gewachsen sind 2017 übrigens die Bezirke Liesing, Floridsdorf und Favoriten. Das habe in erster Linie mit Baufertigstellungen zu tun, erklärt man bei der MA23. Längerfristig ist aber die Donaustadt uneinholbar auf Platz eins im Wachstumsranking.

Ein positives Signal gibt es aus der Inneren Stadt zu vermelden: das Geschäfts- und Kulturzentrum wuchs im vergangenen Jahr um 41 Bewohner. Am Alsergrund sind infolge aufgelassener Flüchtlingsquartiere 124 Personen weggezogen. Die Übersiedlungsbewegungen spielten sich zu einem Großteil übrigens innerhalb Wiens ab. Insbesondere Neubaugebiete am Stadtrand werden primär von innen bezogen.

Und das beste zum Schluss: Wien gehört der Einschätzung ihrer Bewohner nach zu den lebenswertesten Städten der Welt: So leben 96 Prozent der Wiener gern in der Stadt. Die absolute Nummer eins in diesem "Rennen" belegt allerdings die norwegische Hauptstadt Oslo mit 99 Prozent.