Stockbett im Grand Ferdinand: Als Backpacker im Wiener Fünfsternhotel
Schon vor dem Check-in merkt man, dass man sich an einer luxuriösen Adresse befindet.
Gesucht: Ein Bett für eine Nacht im April in Wien. Die gängigen Buchungsplattformen werden durchforstet. Am Ende schlägt man auf Airbnb zu. 59 Euro für eine Nacht, nicht in einer Privatunterkunft, sondern in einem Hotel am Ring. Unschlagbar der Preis für diese Kategorie – der Grund: Man bucht ein Bett in einem Schlafsaal, teilt sich Dusche und Toilette mit anderen Reisenden.
Tag der Reise: Ankunft mit dem Rucksack. Das Fünf-Sterne-Boutiquehotel Grand Ferdinand, Schubertring 10–12, in das man eincheckt, hat 186 Zimmer. Es ist ein anderes Haus als die, in denen Backpacker auf wochenlanger Europarundreise üblicherweise nächtigen. Man greift auch ein wenig tiefer in die Tasche.
Vergleicht man die Preise mit Hostels und Jugendherbergen, die Mitte April ein Bett in Mehrbettzimmern in Wien anbieten, bezahlt man im günstigsten Fall 23 Euro – allerdings weiter weg vom Zentrum. Auf Airbnb findet man als günstigste Option ein Bett im Hostel für 44 Euro – freilich auch nicht an der Prunkstraße der Stadt gelegen.
Alle sind willkommen
Mit dem Rucksack bei der Rezeption wird man freundlich empfangen. Die Annehmlichkeiten, die das Hotel bietet, werden auch dem Gast im Schlafsaal nicht vorenthalten: Die „Grand Etage“ im achten Stock mit Blick über Wien ist für Snacks, Kaffee, Drinks oder zum Arbeiten am Laptop zugänglich, Frühstück kann für 38 Euro dazugebucht werden, ein Tisch in den hauseigenen Restaurants Limón, Meissl & Schadn (bekannt für sein Schnitzel) oder Gulasch & Söhne ebenfalls sofort reserviert werden.
Das Zimmer ist im ersten Stock: „Guten Aufenthalt“, wünscht die Rezeptionistin. Die Rucksacktouristin ist so viel Fürsorge kaum gewohnt, in anderen Unterkünften, in denen man sich das Zimmer mit Fremden teilt, gibt es oft niemanden mehr an der Rezeption. Die Frage liegt nahe: Warum hat ein vermeintliches Luxushotel einen Schlafsaal?
Wir wollten es jedem ermöglichen, einmal in einem Hotel am Ring zu schlafen.
Hoteleigentümer
Florian Weitzer, der Hoteleigentümer, sagt: „Wir wollten es jedem ermöglichen, einmal in einem Hotel am Ring zu schlafen.“ Für ihn als Grazer sei es etwas Besonderes gewesen hier in Wien ein Ringstraßenhotel entwickeln zu können.
Deshalb hatte er den Wunsch, ein Zimmer einzurichten, das jedem ermögliche, dort zu schlafen. Kein anderes Hotel am Ring bietet einen Schlafsaal an, das Grand Ferdinand einen mit vier Stockbetten, gehalten in Mahagoni mit goldenen Leitern zu den oberen Plätzen. „Das Design ist an den Orientexpress angelehnt“, erläutert Weitzer.
Zu 80 Prozent ausgelastet
Die Bettnummer erhält man an der Rezeption. In diesem Fall: Nummer vier, dazu gibt es auch einen verschließbaren Schrank inklusive Tresor. Schnell zeigt sich, dass das mitgebrachte schnelltrocknende Handtuch im Rucksack bleibt. Im Schrank findet man Handtücher und Hausschlapfen. Bei der Ankunft ist der Schlafsaal leer.
Die Gäste: 2025 haben laut Statistik 829.234 Personen in Fünfsternehotels geschlafen. Personen aus den USA schliefen am häufigsten in diesen Hotels. 18,3Prozent aller Nächtigungen gehen auf sie zurück. Den zweitstärksten Marktanteil machen Reisende aus Deutschland aus (18 Prozent).
Die Preise: 194,3 Euro haben die Hotelgäste im Vorjahr im Schnitt für eine Nacht bezahlt. 2023 waren es noch 176,3 Euro.
Die Betten: 9.158 Betten gibt es in den Wiener Fünf-Sterne-Betrieben. Das macht 8,4 Prozent aller Betten im Beherbergungssektor aus. Allerdings werden dort 22,5 Prozent des Umsatzes gemacht. Zum Vergleich: Die Wiener Hostels und Jugendherbergen stellen etwa 3.200 Betten.
„Die Auslastung liegt unter dem Durchschnitt von 75 bis 80 Prozent bei den anderen Zimmern“, sagt Hoteldirektorin Sonja Bohrer-Weilguny. Eine Nacht in einem der anderen Zimmer ist an diesem Tag ab 229 Euro erhältlich. Auf der Website des Grand Ferdinand wird der Schlafsaal nicht als buchbare Option angezeigt.
„Wir haben hier eine andere Zielgruppe und mussten daher auch andere Wege des Vertriebs finden, weshalb wir damit auf Airbnb sind“, so Weitzer. Die Zielgruppe seien vor allem Jüngere, allerdings würden auch viele Geschäftsleute kommen – einige seien schon Stammgäste, so Bohrer-Weilguny.
Jackpot oder Niete?
Eine Nacht im Schlafsaal wird zur Lotterie, den Jackpot hat man, wenn man alleine ist, verloren wohl dann, wenn man sich mitten in einem Junggesellenabschied wiederfindet. „Auch das gibt es bei uns“, erklärt die Hotelleiterin.
Nach einer schlaflosen Nacht hat man im Grand Ferdinand zumindest die Möglichkeit, Frust am Laufband oder beim Gewichtheben abzubauen – den Fitnessraum kann man mitbenützen. Entspannen kann man auch im beheizten Outdoor-Pool auf der Dachterrasse. „Die Personen, die sich fürs Übernachten im Schlafsaal entscheiden, wissen, worauf sie sich einlassen“, sagt Bohrer-Weilguny.
Zum Beispiel darauf, dass man bei Vollbelegung auf die Benützung von Dusche und WC warten muss. Für acht Personen gibt es jeweils zwei. Zumindest dort hat man Privatsphäre. Wer schon einmal in einem Hostel oder einer Jugendherberge genächtigt hat, weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Hier reiht sich oft Klo an Klo, Dusche an Dusche, so wie im Schwimmbad.
Florian Weitzer, dem vier weitere Hotels gehören, sagt: „Wir denken Tradition neu. So ein Konzept wie der Schlafsaal passt zu uns, es macht uns lebhafter, weil unterschiedliche Gruppen zu uns Zugang finden.“ So wie die Rucksacktouristin, die an diesem Tag einen Jackpot geknackt hat.
Kommentare