Wien im Song-Contest-Fieber? Was die Anrainer wirklich darüber denken
Von Maximilian Gruber
„Wo außer in Wien sollte der Song Contest sonst sein?“, sagt Tino – die meisten wollen beim Lokalaugenschein nur ihren Vornamen in der Zeitung lesen. „Nach Innsbruck fährt ja kein Oasch, bei den ganzen Bergen.“ Hier in der Stadthalle sei es viel besser, grinst der 62-Jährige.
Der Anrainer spaziert durch den Märzpark vor der Stadthalle im 15. Bezirk. An einem kaltgrauen Tag Mitte Februar ist es hier menschenleer, nur ein paar Hundebesitzer drehen ihre tägliche Gassi-Runde.
Dass der Park in drei Monaten gedrängt voll sein wird, Tausende Menschen in der Wiese sitzen, tanzen und singen werden, davon merkt man hier noch kaum etwas.
Einziges Vorzeichen ist ein großes ESC-Banner in Lila und Blau, das seit zehn Tagen auf dem Vordach der Halle F prangt. „United by Music“, steht darauf. Doch wie „united“ sind die Menschen um die Stadthalle, wenn es um die Vorfreude auf das Spektakel geht?
Viele Gäste sorgen für neue Jobs
„Es wird das Highlight meiner 37 Jahre in der Gastronomie“, erzählt Barkeeperin Renata im Pub „By Charles“ strahlend. Direkt am Märzpark gelegen, laufe das Geschäft bei Konzerten immer gut. Vom Song Contest werde das Pub besonders profitieren, ahnt die 53-Jährige.
Die Vorbereitungen sind daher schon geplant, im Mai brauche es einen ordentlichen Nachschub an Getränken. „Es wird hier sehr voll sein.“ Als stressige Arbeit sieht sie das aber nicht, eher freut sie sich.
Im Lokal „Mikes“ nebenan hat Rodrigo (33) gerade seinen ersten Arbeitstag. Im Vorstellungsgespräch wurde dem Spanier mitgeteilt, die Stelle werde wegen des Song Contests gesucht. Er bekam den Job.
Jetzt balanciert er etwas unsicher sechs Getränke auf einem Tablett. Als er zurückkommt, fragt ihn seine Kollegin: „Und, hast umgekippt?“ Er schüttelt den Kopf.
Und was denken die Anrainer? „Na sicher freue ich mich, wenn hier etwas los ist“, meint Tino im Märzpark. Seit 40 Jahren sei der Song Contest jährliches Pflichtprogramm. Heuer werde er auch den nationalen Vorentscheid schauen – dieser findet nach zehn Jahren wieder statt.
Die Stadthalle zeigt sich mit einem Banner im ESC-Look. Nicht alle Anrainer teilen die Vorfreude.
Kommenden Freitag treten zwölf Acts gegeneinander an. Ob der 62-Jährige für seinen Favoriten anrufen wird? „Na sicher!“
Kritik an teuren Karten und Freiwilligen-System
Auch Nena spürt schon Vorfreude. „Es ist wunderbar, auch für die Wirtschaft“, schwärmt die 70-jährige Anrainerin. Ihre Töchter waren schon vor elf Jahren in der Stadthalle, als der Song Contest zum zweiten Mal nach 1967 in Wien stattfand.
„Der Park war so schön gemacht“, erinnert sich Nena. Sie selbst wird auch dieses Jahr nicht in der Halle sein, die Karten seien ihr dafür zu teuer.
Das ist nur Geldmacherei und Ausbeutung. Die Volunteers bekommen keinen Cent, für mich grenzt das an moderner Sklaverei.
zu ESC-Volunteers
Darüber beklagt sich auch Tino. Er habe deshalb sogar überlegt, als Volunteer freiwillig auszuhelfen, denn bis 28. Jänner wurden für das Großevent 800 Freiwillige gesucht. So hätte er live dabei sein können, ohne die Tickets zahlen zu müssen.
Genau dieses System kritisiert ein vorbeigehender Passant, Roland. „Das ist nur Geldmacherei und Ausbeutung. Die Volunteers bekommen keinen Cent, für mich grenzt das an moderner Sklaverei“, schimpft der 58-Jährige aufgebracht.
Einerseits ist es cool für Wien, aber ich spüre die Vibrationen im Boden bis zu mir.
über die Lautstärke
Suche nach neuer Gassiroute für Maxi
Maxi wird über den ESC ebenso nicht glücklich sein, befürchtet Frauchen Joy (80). Der kleine Vierbeiner möge keine Menschenmassen, im Mai werde sie daher eine andere Gassiroute nehmen müssen.
So auch die 19-jährige Alexis mit ihrer Hündin. Die Anrainerin wohne direkt hinter der Stadthalle, weshalb sie noch zwiegespalten über ihre Vorfreude sei. „Einerseits ist es cool für Wien, aber ich spüre die Vibrationen im Boden bis zu mir.“
„Nur ein Nebengeräusch“ ist Musik für Franz (58). Mit seinem Vormittagsbier sitzt er an einem Kebabstand vor der U-Bahnstation Burggasse. Auch seine Antwort ist typisch wienerisch: „Der Song Contest ist mir scheißegal“.
Ganz „united“ sind die Menschen um die Stadthalle also nicht. Vielleicht lässt sich der ein oder andere aber noch von der Vorfreude mitreißen. Der Countdown läuft jedenfalls – sogar auf einer eigenen Uhr am Rathausplatz.
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