Chronik | Wien
21.05.2015

Wie Magier Tony Rei die Ziesel übersiedeln will

Um die Stammerdorfer Zieselpopulation umzulenken, ziehen Bauträger und Naturwacht an einem Strang.

„Building Bridges“ ist in Wien zurzeit in aller Munde. Nicht nur, wenn es um den Song Contest geht, sondern auch im Hinblick auf die geschätzten 200 Ziesel, die seit Jahren dem Bau von rund 950 Wohnungen nördlich des Stammersdorfer Heeresspitals im Weg stehen.

Um die strengst geschützten Nager dazu zu bringen, auf die Ausgleichsflächen jenseits des Marchfeldkanals zu übersiedeln, wollen Bauträger und Naturwacht ihnen jetzt eine Grünbrücke zur Verfügung stellen.

Schulterschluss

Das ist nicht zuletzt bemerkenswert, weil die nunmehrigen Partner einander bis dato vor Gericht gegenüberstanden.

Wie berichtet, hatten die Bauträger „Kabelwerk“ und „Donaucity“ Naturwacht-Obmann Tony Rei, Tierschutzverein-Präsidentin Madeleine Petrovic, FPÖ-Umweltsprecher Udo Guggenbichler und andere wegen Besitzstörung und Sachbeschädigung geklagt, weil diese das wild wuchernde Gras auf der Projektfläche unerlaubt auf Ziesel-freundliche Höhe gestutzt hatten.

Das ist Schnee von gestern. „Die Rechtsstreitigkeiten ruhen“, sagt Kabelwerk-Geschäftsführer Peter Fleissner. Denn nun habe man „ein gemeinsames Ziel – den Schutz der Tiere und die langfristige Erhaltung ihres Lebensraumes“.

Walk over

Darum einigten sich die Parteien auf einen Vorschlag, den Magier Tony Rei kurzfristig aus dem Hut gezaubert hatte: Eine „Walk-over“-Brücke über den Marchfeldkanal.

Vor dem Schulterschluss wollten die Bauträger die Tiere noch über eine bestehende asphaltierte Radbrücke absiedeln. Doch nun ist ein einladenderer „Migrationskorridor“ geplant – ein begrünter drei Meter breiter Steg, durch den zwei Röhren führen. So könnten die Ziesel sowohl ober- als auch unterirdisch das Ufer wechseln. Und zwar ausschließlich Ziesel. Hunde oder gar Spaziergänger würden durch Zäune daran gehindert.

„Das Problem ist ja, dass man die Ziesel nicht einfangen und auf die andere Seite tragen darf. Das ist strengstens verboten“, erklärt Rei. Zudem könnten die Nager nicht schwimmen – was den 40 Meter breiten Marchfeldkanal zu einer unüberwindbaren Hürde mache. Wanderungen könne man ihnen aber zumuten, kommen sie in freier Wildbahn doch auch vor.

Durch sukzessives Nicht-Mähen ihrer heimatlichen Wiesen auf der Projektfläche will man die Ziesel nun in Richtung der neuen Grünbrücke manövrieren.

"Ein gewisser Wander-Druck"

Der Zeitpunkt sei günstig gewählt, meinen Bauträger und Naturschützer unisono. Bis Juli seien die Tiere noch mit der Nachwuchspflege beschäftigt, dann würden sie „einen gewissen Wander-Druck“ verspüren.

Ilse Hoffmann, jene Biologin der Uni Wien, die die „sanfte Umlenkung“ der Ziesel wissenschaftlich begleitet, will die Erfolgsaussichten der Aktion allerdings nicht kommentieren.

Wie berichtet, wird die Umweltschutzabteilung der Stadt (MA 22) dem Bau des Wohnprojekts erst zustimmen, wenn die Ziesel mehrheitlich abgesiedelt sind. Fleissner rechnet noch heuer mit der Baubewilligung und 2016 mit dem Baubeginn.