Chronik | Wien
15.05.2017

Wenn der Staat die Kinder abnimmt

Es ist einer der massivsten Eingriffe, den Vater Staat vornehmen darf. Wenn er entscheidet, den Eltern das Kind wegzunehmen und die Familie zu zerreißen. Julia Zeiler musste das zweimal erleben. Heute sagt sie, es war das Beste für ihre Tochter und ihren Sohn.

Fragt man Julia Zeiler nach dem Tag, an dem für sie alles aus dem Ruder gelaufen ist, dann nennt sie den 26. August 2012. Jener Tag, an dem ihr Mann gestorben ist, der auch der Vater ihrer beiden Kinder Leonie und Fabian war. Er sei ihr unter ihren Fingern weggeglitten, der Alkoholiker. Aber er habe nie Drogen genommen. Ganz im Gegenteil, er habe von dem harten Zeug gar nichts gehalten. „Es war ein Herzinfarkt, ich war alleine mit ihm zuhause.“ Julia Zeiler* nennt es ein Glück, dass ihre Tochter Leonie gerade bei der Oma war, als es passierte. Und sie nennt es ein Glück, dass das ein Monate alte Baby Fabian an diesem Tag noch mit Entzugserscheinungen im Krankenhaus lag. „So haben die Kleinen den Tod ihres Vaters nicht mitbekommen.“ Die Kleinen werden etwas später aber auch ihre Mutter verlieren, denn Julia Zeiler werden die Kinder per Beschluss abgenommen.

718 Kinder holte das Wiener Jugendamt im Jahr 2015 aus ihrer Familie. Das zeigt der aktuellste Bericht. Damit waren es mehr als in den Jahren zuvor. Hauptsächlich weil diese Kinder vernachlässigt wurden oder psychische und körperliche Gewalt erfahren haben. Österreichweit waren es 4.515 Kinder, die aufgrund einer gerichtlichen Verfügung bei Pflegeeltern oder in sozialpädagogischen Einrichtungen untergebracht werden. Dürfen oder können Kinder nicht mehr in ihrer Herkunftsfamilie leben, nennt das Gesetz die Übertragung der Verantwortung „Volle Erziehung.“ Solch ein Schritt wird gesetzt, wenn alle Unterstützung nicht ausreichend war und eine ernsthafte Gefahr besteht.

Wenn Julia Zeiler über ihren verstorbenen Mann spricht, betont sie immer wieder, dass wirklich einiges nicht gepasst hätte. Er sei nicht der beste Papa gewesen, aber sie musste in dieser Beziehung mit ihm funktionieren. „Bis zu einem gewissen Grad führte ich ein geregeltes Leben.“

Ein geregeltes Leben. Mit Drogen. „Ich kann sagen, dass ich 15 Jahre lang ein Junkie war“, erzählt sie heute. Sie sitzt im Café Walter beim Reumannplatz in Favoriten. Nicht weit wohnt sie. In der Per-Albin-Hansson-Siedlung. Die Spuren der jahrelangen Sucht sind nicht zu übersehen. Die Haut ist fahl, die Zähne schlecht, das Haar dünn. Julia Zeiler würde wohl jeder älter schätzen als 34. Sie wirkt nervös, zittrig. Manchmal spricht sie so schnell, dass die Wörter sich überschlagen, dann folgen wieder längere Pausen. Ist eine Zigarette ausgedämpft, holt sie gleich wieder die nächste aus der Packung. Zu Beginn entschuldigt sie sich für Ihr Auftreten, für Ihr Verhalten. „Ich habe in der Therapie 30 Kilo zugenommen“, sagt Julia Zeiler mit rauchiger Stimme, aber dennoch klingt sie irgendwie wie ein Mädchen. Das liegt auch daran, dass sie zwischen den Sätzen immer wieder kurz kichert. Zum Beispiel als sie erzählt, dass sie seit Kurzem ein Fitness Center besucht.

20 Jahre lang Tabletten

Sechs Monate ist es nun her, dass sie die Entzugsklinik in Ybbs verlassen hat. Sie sei immer noch so unruhig, Gespräche würden sie manchmal überfordern. Aber sie bemüht sich sehr, das merkt man. „Ich bin schnell nervös. Ich habe fast 20 Jahre lang Benzos genommen, die haben mich immer beruhigt.“ Die Tabletten hätten sofort gewirkt. „Wie ein Antidepressivum, das binnen fünf Minuten einfährt. Es machte unbeschwert, alles war viel leichter.“

Benzodiazepine wirken angstlösend, krampflösend, beruhigend. Sie fördern den Schlaf und entspannen die Muskeln. Was aber verloren geht, sind Empathie und Feingefühl. „Die Benzos, von denen bin ich sehr lange nicht weggekommen“, sagt sie. Als Jugendliche hätte es recht harmlos mit Marihuana begonnen. „Mit 20 bin ich total auf Koks reingekippt, da hab ich ausgesehen wie der Tod, spindeldürr.“ Zu dieser Zeit nahm sie auch schon regelmäßig Morphium und Benzodiazepine. Es folgt der erste Entzug. Leonie kommt auf die Welt. „Ich bin vor den Ärzten offen damit umgegangen, dass ich im Substitutionsprogramm bin. Habe aber verschwiegen, dass ich so viele Benzos dazu nehme und zeitweise an der Nadel gehangen bin.“ Leonie kommt mit Entzugserscheinungen auf die Welt. Genauso wie einige Jahre später ihr jüngerer Bruder Fabian. Der erste Entzug hatte nicht geklappt.

Leonie darf mit nach Hause

Nach Leonies Geburt wird die junge Mutter von einer Sozialarbeiterin beobachtet. „Die waren streng, haben geschaut, ob ich beeinträchtig bin. Aber ich durfte mit Leonie nach Hause.“ Zu dieser Zeit hätte es keine schwerwiegenden Probleme gegeben. Aber doch einige „klärungsbedürftige Situationen“ über die Jahre hinweg, denen das Jugendamt sofort nachgegangen sei. So hieß es aus dem Kindergarten, Leonie trage schmutziges Gewand. „Es gab immer wieder kleinere Vorfälle, nichts Tragisches, alles konnte geklärt werden“, sagt Julia Zeiler.

2012 ist das Jahr, in dem Fabian geboren wurde. 2012 ist auch das Jahr, in dem sein Vater stirbt. Leonie musste auf Geheiß des Jugendamtes zu dieser Zeit eine Psychologin der Boje, ein Ambulatorium für Kinder in Krisensituationen, besuchen. „Das haben wir auch brav gemacht.“ Julia Zeiler selbst besuchte auch regelmäßig eine Therapeutin sowie eine Ärztin, die sie unterstützte und untersuchte. „Ich musste regelmäßig beim Suchthilfeverein Dialog Harntests machen. Weil ich das alles immer wie gefordert erledigt habe, war es für das Jugendamt okay.“

Doch als Julia Zeiler ihr Mann unter den Fingern wegstirbt, verliert sie ihr Regulativ. Als das Baby Fabian sich von den Entzugserscheinungen erholt hat und zu seiner Mutter und Schwester nach Hause darf, wird Julia Zeiler alles zu viel. „Ich hab zwar eine super Familie, die mir hilft, aber ich war total überfordert.“ Das Jugendamt unterstützt Julia Zeiler zusätzlich mit dem Caritas-Programm Familienhilfe plus. Eine Familienhelferin kommt direkt, betreut und unterstützt in der gewohnten Umgebung. „Ich bin damals aber in eine Depression verfallen, konnte den Alltag nicht mehr bewältigen, habe die Miete nicht mehr bezahlt.“

Leonie darf nicht mehr nach Hause

Leonie, zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt, hätte einige Probleme gehabt, auf die Julia Zeiler heute allerdings nicht näher eingehen möchte. „Meine Tochter wurde im Wilhelminenspital stationär aufgenommen. Ich habe sie jeden Tag besucht.“

Dass man ihr Leonie tatsächlich wegnehmen könnte, daran hat Julia Zeiler nie geglaubt. Sie hätte zwar von Kindesabnahmen gehört, aber diesen Gedanken nie realistisch zugelassen. Bis zu dem Tag, als sie einen Anruf aus dem Krankenhaus bekommt. Im Rahmen einer Helferkonferenz sei entschieden worden, dass das Mädchen nicht mehr nach Hause darf. Sie soll in einer Wohngemeinschaft leben. „Die Helfer, die Ärzte, die Psychologen und auch das Jugendamt, sie alle haben gesagt, dass ich mich nicht um zwei Kinder kümmern kann.“ Sehr behutsam seien sie nicht mit ihr umgegangen. „Zuerst habe ich es nicht fassen können. Ich dachte, da muss ja irgendwas dran zu ändern sein.“ War es aber nicht.

Dunja Gharwal ist seit 1998 als Sozialarbeiterin tätig. Seit 2010 arbeitet sie am Jugendamt in Wien. Wie viele Kindesabnahmen sie schon gemacht hat oder begleitend dabei war, weiß sie gar nicht mehr. Sie betont aber, dass dies stets der letzte Schritt ihrer Arbeit sei. „Gerade bei Familien, die wir gut kennen. Wo viel Kontakt von unserer Seite und viel Unterstützung stattgefunden hat, muss man rasch reagieren, wenn das alles nicht greift“, sagt Gharwal besorgt, aber bestimmt. Das Jugendamt sei aufgefordert, immer das gelindeste Mittel zu wählen. Wenn nun aber – wie im Fall von Julia Zeiler - nichts geholfen habe, dann müsse man schnell intervenieren. Zu groß sei die Gefahr für die Kinder.

Eine letzte Chance

„Ich werde den Moment nie vergessen, als ich dort im Spital zu meiner Tochter diesen Satz gesagt habe: Leonie, du darfst nicht mehr nach Hause kommen.“ Das Mädchen weint, schreit. „Es war so traurig. Ich habe immer wieder zu allen gesagt, dass ich das schaffen kann und sie bitte bei mir bleiben soll.“ Doch an der Entscheidung gibt es nichts mehr zu rütteln. Nach einem kurzen Aufenthalt im Krisenzentrum, ist nun eine WG mit acht Kindern und zwei Betreuern Leonies neues Zuhause. Das Baby Fabian darf aber bis auf weiteres bei der Mutter bleiben. Eine Situation, die für das Mädchen unerträglich ist. „Leonie hat nicht verstanden, warum sie wegmuss und Fabian nicht.“

Statt besser, wird alles schlimmer. Die ungeöffneten Rechnungen häufen sich, die Benzos werden wieder mehr. Julia Zeiler bekommt eine letzte Chance vom Jugendamt, um zu zeigen, dass sie sich um Fabian ausreichend kümmern kann. Sie muss mit dem Baby ins Mutter-Kind-Haus Luise ziehen. Dort wird sie von Sozialarbeitern beobachtet, die dem Amt ständig berichten. „Ich stand dort unter enormen Druck.“ Und so tut Julia Zeiler das, was sie immer getan hat, wenn ihr alles zu viel wird. „Ich habe es mit den Tabletten massiv übertrieben. Das war ganz schlimm. Ich bin dort einfach eingeschlafen, während die Kinder gespielt haben. Ich weiß gar nicht, wann ich eingeschlafen bin, wo eine Gefahrensituation gewesen wäre. Wenn ich mich zurückerinnere, hochgradig verantwortungslos.“ Es dauert nicht lange, bis das Jugendamt, die Polizei und die Rettung vor der Türe des Haus Luise stehen. „Das war die zweite Kindesabnahme. Polizei und Rettung waren für mich gedacht, weil sie vermuteten, ich würde randalieren oder dergleichen, wenn sie mir das Baby wegnehmen.“

Alle drei sind weg. Julia Zeiler ist nun ganz alleine und sitzt vor den Scherben ihres Lebens. Ihre Kinder darf sie ohne Aufsicht nicht mehr sehen. „Mein Bruder und meine Mutter haben sich wahnsinnig engagiert. Haben mit mir die Kinder geholt, bei uns übernachtet, damit ich Leonie und Fabian ab und zu sehen kann.“

„Ich musste etwas ändern“

Das Gefühl der völligen Ohnmacht über ihren Körper, ihren Geist, ihre Kinder, ihr Leben. „Ich musste etwas ändern.“ Julia Zeiler meldet sich im Jahr 2016 in der Klinik Ybbs für einen weiteren Entzug an. Eine dreimonatige durchgehende Intensivbehandlung. Ein kontrollierter Entzug, der bis heute erfolgreich scheint.

Leonie und Fabian wohnen nun beide in der gleichen Wohngemeinschaft. „Seither geht es beiden besser, weil sie das zusammen durchstehen können.“ Julia Zeiler darf die beiden mittlerweile für zwei Nächtigungen im Monat ohne Aufsicht abholen. Die anderen bleiben vorerst weiter nur in Begleitung erlaubt. Leonie und Fabian fahren mit den anderen Kindern der WG auf Urlaub, machen viele Ausflüge. Leonie reitet im Rahmen einer Therapie. „Meinen Kindern geht es gut, denke ich“, sagt Julia Zeiler und holt eine zweite Packung Zigaretten hervor. „Ich will die beiden so schnell wie möglich wieder bei mir haben.“

Was Julia Zeiler auf keinen Fall möchte, ist ihre Kinder erneut durch die Hölle zu schicken. „Angst vor einem Rückfall habe ich nicht, das kann ich meinen Kindern und mir nicht noch einmal antun. Aber ich bin körperlich jetzt einfach noch nicht in der Verfassung, um die komplette Verantwortung für alles zu übernehmen.“

Heute, sagt Julia Zeiler, sei ihr klar, dass das Jugendamt richtig gehandelt hat. „Meine Betreuerin wollte, dass es den Kleinen gut geht. Ich hatte ja unendlich viele Chancen. Meine Kinder und ich haben jetzt einen derart qualitativen Kontakt, das war lange nicht der Fall.“

Ihre Zeit verbringt Julia Zeiler nun viel in der Therapie. Wenn es geht mit den Kindern und sonst mit ihrer Mutter und ihrem Bruder. Früher hatte sie einen sehr großen Freundeskreis, keiner davon ist übrig geblieben. „Das waren alles Drogenfreundschaften. Die habe ich aufgegeben.“

„Ich bin nie mit der Nadel herumgelaufen“

Sie kramt in ihrer Tasche und zeigt stolz die zwei Passfotos von Leonie und Fabian. Sie kichert. Leonie sei die Aufgeweckte, Extrovertierte. Oft ecke sie mit ihrer Art an, das Übergewicht mache dem Kind zu schaffen. Fabian hingegen sei der Zarte, der Ruhige, der Zuhörer.

Leonie besucht immer noch die Psychologin. „Fabian geht in keine Therapie, aber vielleicht wird das später nötig sein. Aktuell erhält er eine logopädische Behandlung“, erzählt Julia Zeiler während sie die Fotos ihrer Kinder anstarrt.

Sie will vor ihren Kindern offen mit ihrer Suchterfahrung umgehen. „Leonie weiß schon jetzt, dass die Drogen der Mama das ganze Leben zusammengehaut haben.“ Lange Zeit habe sie geglaubt, dass Drogen und Kinder sehr gut vereinbar seien. Immerhin hätte sie ja ein geregeltes Leben geführt. Da war ein Job, da waren Freunde und ein Mann. Mit den Kindern hätte sie mehr unternommen als manche nicht-drogensüchtigen Mütter, die sie kannte. „Und ich bin doch nie mit der Nadel vor meinen Kindern herumgelaufen. So wie andere ihr Achterl Wein am Abend trinken, hatte ich eben meine Benzos und mein Morphium.“

Das gute Leben in einer Box

Julia Zeiler hat zuhause im Wohnzimmerregal eine kleine Schachtel liegen. Selbstgebastelt. In der Therapie. In der Schachtel sind Fotos von Leonie und Fabian. Daneben liegt eine Erste-Hilfe-Schokolade. Für den Fall, dass die Gier nach einer Droge kommt. Auch ein kleines Buch liegt da. Am Ende jeden Tages soll Julia Zeiler drei Erlebnisse eintragen, die gut gelaufen sind. „Ein Fremder hat mir die Straßenbahntüre aufgehalten“, steht da beispielsweise. „Wenn ich die positiven Dinge aufschreibe, trainiere ich mein Gehirn, die negativen nicht so stark wahrzunehmen.“

„Machen Sie das immer noch täglich?“

„Ich vergesse manchmal. Aber die Schokolade liegt noch in der Schachtel.“

Beim Verabschieden will Julia Zeiler noch etwas sagen. Sie hadert damit, die richtigen Worte zu finden. Dann macht sie eine Pause und sagt den Satz in aller Ruhe. „Es war immer so, dass ich wirklich geglaubt habe, dass ich das Beste tue.“

*Die Namen der Mutter und der Kinder wurden auf ihren Wunsch geändert.