Chronik | Wien
15.05.2017

Familienersatz: Das Jugendamt und seine Kinder

Sie ist eines der heikelsten Themen unserer Gesellschaft: Die Kindesabnahme. Der Staat sieht sich immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert. Jana Baumgartner und Dunja Gharwal arbeiten für das Wiener Jugendamt und geben Einblicke in einen Alltag, den man sich kaum vorstellen kann.

Die Namen der toten Kinder kennt ganz Österreich. Luca-Elias, 17 Monate alt, misshandelt und missbraucht vom Stiefvater. Amanda, 15 Monate alt, durch Schläge auf den Kopf so schwer verletzt, dass das Baby im Krankenhaus starb. Melvin, zwei Jahre alt, tödlich in der Badewanne verbrüht vom Stiefvater. Cain, drei Jahre alt, totgeschlagen vom Lebensgefährten der Mutter.

In all diesen Fällen kannte das Jugendamt die Familien. Doch während die einen den Behörden vorwerfen, sie würden oft zu lange warten und dadurch das Schicksal solcher Kinder besiegeln, prangern die anderen Willkür und zu schnelles Auseinanderreißen von Familien an. Im Jahr 2014 erschien das berüchtigte „Schwarzbuch der Jugendwohlfahrt“. Die Autoren rechnen mit den Beamten ab und zeigen anhand von 67 Fällen katastrophale Kindesabnahmen und ihre Folgen auf. Von Seelenmord und Menschenrechtsverletzungen ist da die Rede. Die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits ließ die Kritik nur bedingt gelten, räumte aber ein, dass schlichtweg mehr Personal benötigt wird. Sie führte Wien allerdings als positives Beispiel an.

Das Wiener Jugendamt und wie es arbeitet

„Wir können nicht in die Zukunft schauen“, sagt Dunja Gharwal, die seit 1998 als Sozialarbeiterin tätig ist. Ihre jüngere Kollegin Jana Baumgartner nickt. „Wir können nicht vorhersagen, was passieren wird. Wir dürfen nicht alle Kinder abnehmen, wo sich etwas abzeichnen könnte.“ Die beiden Frauen arbeiten für das Wiener Jugendamt. Gharwal in der Zentrale im dritten Bezirk und Baumgartner in der Simmeringer Regionalstelle. Sie wissen um die immer wieder kehrenden Vorwürfe. „Über die verhinderten Unglücke spricht man auch selten“, sagt Gharwal.

Gharwal und Baumgartner haben Dinge gesehen, die wir uns nicht einmal vorstellen wollen. Manchmal müssen sie innerhalb von Sekunden entscheiden, was besser für ein Kind ist: bei der Familie zu bleiben oder rasch in Obsorge genommen zu werden. „Vor allem, wenn wir die Familie noch nicht kennen, ist das eine der schwierigsten Situationen“, sagt Baumgartner. Aber auch eine der seltensten. Denn solche Akutsituationen seien nicht die Norm.

Kein Trauma mehr

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Kindesabnahmen. Jene, die spontan entschieden werden müssen, und die geplanten, die detailliert vorbereitet werden. Erste sind eine große Herausforderung für die Sozialarbeiter. In sehr kurzer Zeit müssen sie sich ein Gesamtbild der Situation verschaffen. Doch die Vorstellung, die manche noch im Kopf hätten, dass ein Kind zuhause den Eltern aus den Armen gerissen wird, die sei falsch. Oberstes Prinzip sei es, das Kind so wenig wie möglich zusätzlich zu traumatisieren.

Wird die Polizei beispielsweise von Nachbarn gerufen, weil nebenan laut gestritten oder Kinderweinen zu hören sei, so entscheide diese zunächst vor Ort. Eines der meist genützten Instrumente der De-eskalierung ist dann die Wegweisung eines Elternteils inklusive Betretungsverbot. Das Kind kann so zuhause bleiben. „Sind Kinder involviert unterrichtet die Polizei generell immer das Jugendamt, wir sehen uns die Situation dann genauer an“, sagt Baumgartner. „Aber für eine Kindesabnahme braucht es weit mehr als Streit zwischen den Eltern.“ Sollte jedoch in einer Akutsituation, wenn beispielsweise beide Eltern geistig weggetreten sind oder gar nicht ansprechbar, eine Wegweisung nicht infrage kommen, bringt die Polizei das Kind in eines der Krisenzentren, die rund um die Uhr geöffnet haben. Dann übernimmt das Jugendamt den Fall.

Am häufigsten jedoch bereiten Gharwal und Baumgartner die Kindesabnahmen akribisch vor. Wie viele sie schon durchführen mussten oder begleitend dabei waren, das wissen sie nicht mehr. Österreichweit leben rund 11.000 Kinder derzeit nicht in ihren Familien, sondern wurden vom Jugendamt fremduntergebracht. „Nichts wird dem Zufall überlassen, wenn wir eine Abnahme planen“, sagt Baumgartner. Das Krisenzentrum bereitet sich schon im Vorfeld auf den individuellen Alltag des Kindes vor: Fahrtendienste, Therapien, Medikamente, sonstige Bedürfnisse.

Eskalationen kann man nicht vorhersehen

Wenn die Wiener Sozialarbeiterinnen Kinder aus ihren Familien holen, dann machen sie das immer zu zweit. Davor gibt es zahlreiche Fallbesprechungen. Ist es ein besonders heikler Fall, dann wird die Polizei als Assistenz mitgenommen. Sind mehrere Kinder involviert, steht für jedes eine eigene Kollegin zur Verfügung. Geschwisterkinder werden - wenn möglich - nicht getrennt untergebracht.

Oberste Priorität hat das Kind, auch in der wohl furchtbarsten Situation, die es für ein Kind geben kann. „Wir versuchen für die Abnahmen jene Orte zu meiden, die die Kinder regelmäßig besuchen“, sagt Baumgartner. Im Idealfall finden sie in den Regionalstellen des Jugendamtes statt. Manchmal in einem Park, auf einem Spielplatz, im Spital. Wenn es nicht anders geht in der Schule oder im Kindergarten. Kooperationsbereite Eltern erscheinen zu einem ausgemachten Termin mit dem Kind beim Jugendamt. „Das funktioniert aber nicht immer“, sagt Gharwal. Man könne es drehen und wenden wie man will, eine Kindesabnahme sei nicht Schönes und immer eine Belastung für das Kind, egal wie vorsichtig man diese gestaltet.

Eskalationen kann man nie vorhersehen. Stimmen die Eltern einer Kindesabnahme nicht zu, muss das Jugendamt innerhalb von acht Tagen einen entsprechenden Antrag bei Gericht einreichen und diese bewilligen lassen. Dazu muss die betreuende Sozialarbeiterin als eine Art Gutachterin fungieren und detailliert festhalten, wie die Situation in der Familie aussieht. „Da braucht es eine sehr professionelle und gute Formulierung. Da ist nichts mit Intuition, das wird im Volksmund ja gerne gesagt, dass wir so agieren würden“, sagt Gharwal. „Da ist wirklich sehr differenziert beschrieben, wie wir gearbeitet haben, warum wir welche Schritte gesetzt haben. Warum welche Maßnahmen nicht funktioniert haben und warum wir letztlich zu dieser Entscheidung gekommen sind“, ergänzt Baumgartner.

Schimmel, Kot und eingewachsene Nägel

Vernachlässigung, psychische und körperliche Gewalt und sexueller Missbrauch. Das sind die Gründe für Kindesabnahmen. „Vernachlässigung ist in Wien mit Abstand der häufigste Grund“, sagt Baumgartner. Sie spiele sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen ab und sei besonders herausfordernd, da man die Spuren erst spät erkennt. Anders als bei körperlicher Gewalt.

Baumgartner und Gharwal reden nicht besonders gerne darüber, was sie über die Jahre in den Wohnzimmern vorgefunden haben. „Die hygienischen Bedingungen sind oft katastrophal, das kann man sich gar nicht vorstellen“, sagt Baumgartner. Kinder, die nicht in die Schule gehen. Babies ohne jegliche Körperpflege. Eingewachsene Fingernägel. Drogen. Unterlassene Arztbesuche. Kleinkinder, die stundenlang nichts zu essen oder trinken bekommen haben. Massive Gesundheitsgefährdungen also. Messi-Wohnungen mit klebrigen Fußböden. Essensreste, Müllberge, Hunde- und Katzenkot überall in der Wohnung verstreut, Kakerlaken, Schimmel, beißender Gestank. Kinderzimmer, wo nicht ein einziges Spielzeug zu finden ist. Eltern, die noch nie mit ihrem Kind gespielt haben.

Soziale Diagnostik nennt sich das Instrument der Sozialarbeiterinnen, um die familiäre Lage und deren Verlauf zu bewerten. Wie sieht der Sicherheitsring des Kindes aus? Gibt es Geschwister und wie ist deren Verfassung? Wie funktioniert die soziale Integration im sonstigen Umfeld des Kindes? „Wir reden mit der Schulde oder dem Kindergarten, dort finden wir oft eine hohe Kompetenz, wenn es um Veränderungen im Verhalten der Kinder geht“, sagt Gharwal. Die Sozialarbeiterinnen erstellen Netzwerkkarten, Biographische Balken, sehen sich die Familienmitglieder an und deren unterschiedliche Wirklichkeiten. „Dadurch sehen wir, ob die Geschichten zusammenpassen“, sagt Baumgartner. Gibt es körperliche Auffälligkeiten, werden Mediziner hinzugezogen. Auch Kinderschutzzentren in Spitälern sind Informationsquellen für Baumgartner und Gharwal. Alles wird fotografisch festgehalten. „Dokumentation ist generell ein großer Teil unserer Arbeit“, sagt Baumgartner.

Kinder lügen nicht

„Bei Babys oder Kleinkindern ist es so, dass gewisse Körperhaltungen und Mimik und Gestik auf Vernachlässigung schließen lassen. Wir sehen es auch daran, wie sich ein Baby verhält, wenn die Mutter es im Arm hat oder wenn es beim Stillen keinen Augenkontakt zur Mama gibt.“ All diese Dinge zusammen, würden ein Gesamtbild ergeben, aufgrund dessen entschieden wird, wie es mit der Familie weitergeht. Bei älteren Kindern, die sich schon selbst artikulieren können, müsste man besonders genau hinhorchen. „Die Realität des Kindes ist ernst zu nehmen in dem Moment. Eltern sagen uns oft, dass ihre Kinder lügen. Doch das stimmt so nicht. Kinder können in einem gewissen Alter noch gar nicht konzeptionell lügen“, so Baumgartner weiter.

Der letzte Schritt

Die Kindesabnahme ist der letzte Schritt einer Reihe von unterschiedlichen Maßnahmen, die der Familie helfen sollen, die vorhandenen Probleme zu bewältigen. „Manche Mütter kommen von selbst auf uns zu und bitten um Unterstützung. Bei diesen Familien funktioniert es dann mit unterschiedlichen Beratungen, Delogierungsvermeidungen, Coachings oder Therapien sehr gut und die Lage stabilisiert sich wieder“, sagt Baumgartner.

Dann gebe es jene Fälle, wo die Bereitschaft weniger hoch ist, zu kooperieren, aber die Maßnahmen dennoch greifen würden. Und dann gebe es eben jene, wo nur noch die Kindesabnahme bleibt. „Trotzdem geht es auch hier darum, der Familie Zeit zu verschaffen, die Probleme in den Griff zu bekommen. Das Ziel ist immer noch die Rückführung des Kindes, das machen wir sehr oft. In der Zwischenzeit lebt das Kind im Krisenzentrum, in einer Wohngemeinschaft oder, wenn es jünger als drei Jahre ist, bei Krisenpflegeeltern“, sagt Baumgartner.

Nicht mehr zurück

Es kann aber auch sein, dass „Volle Erziehung“ durch den Staat notwendig ist. In diesen Fällen kehren die Kinder nicht mehr in ihre Herkunftsfamilien zurück. „Wenn ein Kind bei Dauerpflegeeltern untergebracht wird, so besteht auch da anfangs noch Chance einer Rückführung. Lebt es aber schon Jahre in der neuen Familie, dann starten wir keinen Versuch mehr“, sagt Gharwal. Kontakte zu den leiblichen Eltern gebe es zwar dennoch, alleine schon deshalb weil es der Gesetzgeber ein Stück weit vorgibt. „Das Ausblenden der Herkunft tut Kindern nicht unbedingt gut. Aber das muss man sich individuell ansehen“, so Gharwal weiter. Sie wolle aber die Trauer der Eltern, das eigene Kind woanders aufwachsen zu sehen, auf keinen Fall schmälern. „Das ist ein sehr sensibler Bereich.“

Es seien oft die kleinen Erfolge, über die man sich als Sozialarbeiterin in diesem Bereich sehr freut. „Wenn Schulbesuche gelingen. Wenn Kinder für sich die Verantwortung übernehmen wollen, das ist irrsinnig schön“, sagt Baumgartner.

Kindesabnahmen sind ein heikles Thema. In der Gesellschaft und deren Wahrnehmung. Für das Jugendamt, für die betroffenen Familien. Sie scheinen das Resultat von Versagen zu sein. Und dann denkt man wieder an den kleinen Luca-Elias, Cain und Baby Amanda. Und man fragt sich, ob diese Kinder noch leben würden, hätte das Jugendamt früher eingeschritten. Aber über die verhinderten Unglücke, über die spreche nun mal kaum jemand.