Chronik | Wien
04.05.2014

WEGA: Die Männer hinter den Sturmmasken

20.000 Einsätze pro Jahr. Häufig sind Waffen im Spiel. Teamgeist ist der Garant für Erfolge.

Vermummte Gesichter, geschützt durch schwere Helme und Respekt einflößende Ausrüstung – das haben die meisten Menschen vor Augen, wenn sie an die Polizei-Spezialeinheit WEGA denken. Doch hinter den Sturmmasken stecken Männer, die nahe an der Bevölkerung sein wollen, um ein "Gespür für Wien" zu bekommen.

"Durch den täglichen Streifendienst bleiben wir am Boden", erzählt WEGA-Inspektor Markus Zangerl im KURIER-Gespräch. "Wir sitzen nicht den ganzen Tag im dunklen Kämmerchen und warten auf einen Einsatz". Eine Spezialeinheit mit einem Streifendienst-System gilt in Europa als einzigartig. Typisch hingegen ist das harte Aufnahmeverfahren, dem sich die WEGA-Anwärter unterziehen müssen.

"Extrem hart"

Eine Woche lang werden Ausdauer, Kraft, die Psyche und Wertehaltungen, sowie das Können an den Waffen getestet. Wer diese Hürde genommen hat kann mit der sechsmonatigen Ausbildung beginnen. Bei einer Belastungswoche werden fünf Tage hindurch verschiedene Einsatzlagen nachgespielt.

"Man muss zu jeder Tages- und Nachtzeit bereit sein. Diese Woche war extrem hart", schildert WEGA-Inspektor Christoph Bozek-Leitgeb. Der zweifache Familienvater hat die Ausbildung aber geschafft, was für seine Frau nicht leicht ist. "Natürlich haben die Angehörigen Angst. Aber es war immer mein Traum, zur WEGA zu gehen und deshalb haben sich alle daran gewöhnt."

Für viele ist der Traum, ständig in Gefahr zu leben, nicht nachvollziehbar. Deshalb sieht man die WEGA-Beamten gerne als Einzelkämpfer. "Stimmt nicht", antworten Zangerl und Bozek-Leitgeb unisono: "Wir müssen extrem gut zusammenhalten. Vor allem in gefährlichen Situationen ist das unglaublich wichtig. Einsame Wölfe haben bei uns einen schweren Stand und gehen nach kurzer Zeit oft freiwillig."

Frauen willkommen

Es bewerben sich auch immer wieder Frauen für die Spezialeinheit, im Dienst ist aber noch keine. Das hat einen einfachen aber überlebensnotwendigen Grund, erklärt WEGA-Chef Ernst Albrecht: "Frauen sind natürlich auch bei der WEGA willkommen. Aber um sie reinen Gewissens in einen Einsatz schicken zu können, müssen auch sie den harten Aufnahmetest bestehen. Bei den bisherigen Bewerberinnen war das leider nicht der Fall."

Spezialisten, aber keine besseren Polizisten

Handelsakademie, Bundesheer, dann Polizei, 1995 zur WEGA gekommen, 2006 Kommandant der Einheit (jüngster Kommandant Österreichs). Oberst Ernst Albrecht, 49, lässt im KURIER-Interview hinter die Kulissen "seiner Truppe" blicken.

KURIER: Wie sieht der ideale WEGA-Beamte aus?

Ich lege Wert auf Integrität und Profitum. Wir sind Spezialisten, aber sicher keine besseren Polizisten. Verlangt wird ein Gspür für die Situation, keine Selbstherrlichkeit. Teamgeist muss als Grundverständnis gelten. Wir fahren genauso Streife wie die Bezirkskollegen auch. Und wir wollen nicht in eine paramilitärische Ecke gestellt werden.

Bei Einsätzen, bei denen jede Sekunde zählt und Waffen zum Tagesgeschäft gehören, ist die psychische Belastung hoch. Wie geht die Einheit damit um?

Bei Einsätzen greifen trainierte Automatismen, Konzentration, Risiko-Einschätzung. Aber auch Selbstbewusstsein und Belastbarkeit sind gefragt. Mit jungen Kollegen muss mehr gesprochen werden als mit alten Hasen. Da sind Vorgesetzte gefordert. Feldherrenhügel-Offiziere gibt es bei uns nicht. Auch untereinander muss kritisch diskutiert werden. Psychologen stehen jederzeit unterstützend zur Verfügung.

Im Juni 2013 erschossen WEGA-Beamte einen 52-Jährigen in Wien-Liesing. Es läuft ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung ...

Ich kann ein schwebendes Verfahren nicht kommentieren. Aber die Kollegen sind im Dienst.

Haben die vier Beamten die Situation verarbeitet?

Die Männer haben eine Zäsur in ihrem Leben erlebt. Kollegen und Familien helfen bei der Verarbeitung. Die Reaktionen des sozialen Um­feldes sind da sehr wichtig.

Welche Reaktionen?

Unverständnis, kein Einfühlungsvermögen, Stammtischsprüche, Vorverurteilungen geben dem Betroffenen das Gefühl sozial isoliert zu sein. Man fühlt sich allein.

Sind Ihre Männer Einzelgänger oder Familienmenschen?

Das soziale Umfeld ist uns wichtig. Eltern und Partner werden zu Veranstaltungen eingeladen. Freundschaften untereinander gibt’s auch, Einzelgänger sind selten.