Chronik | Wien
27.05.2017

Was eine Burkini-Trägerin zum Shitstorm zu sagen hat

Immer pünktlich zu Sommerbeginn erhält Menerva Hammad Drohbriefe.

Die Aufregung war groß nach dem KURIER-Bericht über das Burkini-Verbot im Wiener Neuwaldegger Bad und den gratis Eintritt für Burkini-Trägerinnen im Badeschiff am Donaukanal.

Das Badschiff erntete – wie berichtet – einen regelrechten Shitstorm auf Facebook. Weil sich das Bad mit potenziellen Burkini-tragenden Kundinnen solidarisierte, erklärten andere potenzielle Badegäste, das Freibad nun zu meiden. "Die menschenfeindlichen Reaktionen auf die Solidaritätsaktion im Badeschiff sind erschreckend", sagt Canan Yasar, Bundesvorsitzende der Muslimischen Jugend Österreich. "Das zeigt, wie dringend wir als Gesellschaft mehr Vielfalt, gegenseitige Akzeptanz und Aufklärung benötigen."

Schon im Vorjahr war das Badeschiff zum gleichen Thema in den Medien. FPÖ-Chef Heinz Christian Strache hatte damals ein Burkini-Verbot gefordert. Daher hatten sich Aktivistinnen entschlossen, eine Solidaritätsaktion mit dem Motto "Schwimmen, wie es mir gefällt" zu organisieren.

Anfeindungen

Menerva Hammad (28) kennt sich mit dem Thema aus. Seit sie vor vier Jahren für das Magazin Biber im Burkini baden war (ein Badegast beschwerte sich über ihre Badebekleidung, doch der Bademeister setzte sich für Hammad ein, Anm.) werde sie angefeindet. "Bis heute werde ich von vielen Menschen mit Droh- und Hassbriefen, meistens mit Sommeranfang, attackiert, weil sie meinen, ich hätte diesen Trend in Österreich gesetzt", erzählt Hammad. Damals, vor vier Jahren, hätte kaum jemand in Österreich gewusst, was ein Burkini überhaupt ist.

Zur Erklärung: Ein Burkini, die Badbekleidung für muslimische Frauen, besteht aus einem synthetischen Stoff, ähnlich einem Bikini oder Neoprenanzug. Und genau deshalb lässt Hammad auch das Argument, ein Burkini sei unhygienisch, nicht gelten: "Das ist viel hygienischer als die Burschen, die eine Unterhose unter der Badehose tragen." Auch das Argument nach mangelnder Integration ist für Hammad keines. "Ich kann die Sprache, ich arbeite hier. Aber dieses bisschen Tradition und Identität – das gehört mir."

Zu Kritik wie jener der deutsch-türkischen Rechtsanwältin und Publizistin Seyran Ateş an verhüllten Frauen sagt sie: "Es geht nicht darum, was ich entscheide, sondern dass ich entscheide." Hammad habe selbst lange Zeit Bikinis getragen zu haben – und zwar "liebend gern". Irgendwann aber habe sie sich mit ihrer Religion aus einem feministischen Aspekt beschäftigt. "Ich trage das Kopftuch, weil dann meine Persönlichkeit in den Vordergrund steht und ich selber entscheiden möchte, wer was von mir sehen soll." Sie fühle sich damit einfach wohl, genauso wie mit dem Burkini. Und: Hammad möchte sich nicht aus dem öffentlichen Raumverdrängen lassen. "Mitmachen ist wichtig. Ich habe eine Tochter und ich will ihr nicht erklären müssen, dass ich nicht schwimmen kann, weil wir Muslime sind."

Warum der Burkini trotzdem noch immer für so viel Empörung sorgt? "Es ist das, was dahinter steckt: der Islam", sagt Menerva Hammad. Muslimische Frauen seien nicht mehr "nur" die Putzfrauen. "Wir haben uns Augenhöhe verschafft. In Sachen Bildung und in Sachen Arbeit."