© Kurier/Gerhard Deutsch

Chronik Wien
09/30/2020

Warum ein Grafiker Modelle von Wiener Geschäftsportalen eingräbt

Gerhard Pucher verkauft detailgetreu nachgebaute Fronten von alten Nahversorgern und Lokalen. Über ein Geschäftsmodell.

von Stefanie Rachbauer

Das Geschäft neben dem Chelsea hat seine besten Tage bereits hinter sich. Ein Fenster vom Werkzeugbau Sauberer ist eingeschlagen, das Glas vieler anderer blind.

Einen Gürtelbogen weiter sind überhaupt die rostigen Rollläden heruntergelassen. „Ausfahrt freihalten“ ist auf einem vergilbten Schild zu lesen.

All das entspricht natürlich nicht der Realität. Die Bögen, in denen sich einst der Werkzeugbau Sauberer befand, wurden inzwischen zugemauert.

Doch an einem anderen Ort existiert das beschriebene Lokal- und Geschäftsensemble vom Gürtelbogen 29-33 im 8. Bezirk genau so weiter: in der Kegelgasse im 3. Bezirk – in einem winzigen Atelier.

Es gehört Gerhard Pucher und ist voll mit Fassaden von alten Wiener Geschäften und Lokalen. Zu sehen sind etwa jene von der Maßschneiderei Peter Schett, vom Uhrmacher Gross und vom Pferdefleischer Rudolf Schlapota.

Sie stehen auf dem Boden und hängen an den Wänden – in Form von bis zu einem Meter hohen und rund 70 Kilo schweren 3-D-Modellen.

Die „Ästhetik des Verfalls“

Das Grundgerüst baut Pucher aus Holz und Hartschaumplatten. Darauf werden Schmuckelemente wie Stuck oder Gitter montiert. Diese gießt der gelernte Grafiker mithilfe von Silikonformen oder schneidet sie mit dem Laser zu.

Das alleine zeichnet seine Objekte aber nicht aus. Besonders macht sie das, was danach kommt: Die „Ästhetik des Verfalls“, wie Pucher es nennt, hat es ihm angetan. Er lässt seine Fassaden nämlich altern.

Daher kommt es regelmäßig vor, dass er eine Fassade erst streicht und die Farbe dann abschleift – bis sie so verwittert aussieht, wie im Original. Oder, dass er den Putz so lange mit der Sprühflasche bearbeitet, bis sich „Regenwasserflecken“ gebildet haben.

Rollläden verpasst Pucher mit Stahlwolle die richtige Patina. Und wenn es sein muss, dann gräbt er die Modelle auch über Monate in die Erde ein – bis sie gut abgelegen sind.

Historie zum Ausdrucken

Doch wozu dieser Aufwand – vor allem, wenn alte Fassaden doch auch auf Fotos dokumentiert werden können? Die "Unterschiedlichkeit der Materialien“ komme eben nur bei den Modellen richtig heraus, sagt Pucher.

Bei dieser Fixierung auf Werkstoffe überrascht es nicht, dass Pucher seine Vorlagen kaum nach der Geschichte eines Geschäfts, sondern abhängig von der handwerklichen Herausforderung wählt. Ein Portal reizt ihn dann, wenn er nicht auf Anhieb weiß, wie er dessen Eigenheiten kopieren könnte.

Eine Lösung findet Pucher aber immer. Wenn es sein muss, fertigt er auch ein Otto-Wagner-Geländer mit dem 3-D-Drucker an.

Gerhard Pucher
Pucher hat für diesen Herbst eine Schau geplant, wegen Corona wurde sie abgesagt. Der Grafiker lädt alternativ in sein Atelier. Mehr Infos hier.

Verein Stadtschrift
Der Verein rettet Vintage-Schriftzüge von Geschäften und stellt sie aus. Mehr Infos hier.

Geschäfte mit Geschichte
Zwei Fotografen dokumentieren alte Geschäftsportale. Mehr Infos hier.

Das Ziel hinter all dieser Arbeit: die Identitäten von Grätzeln festzuhalten. Früher, sagt Pucher, habe jedes Viertel seine typischen Nahversorger gehabt: „Jetzt gibt es überall Billa und Bipa, die sind nicht mehr spezifisch für ein Grätzel. Die Identität über Nahversorger ist einer Uniformität aus billigem Plexiglas und Kunststoff gewichen.“

Modernen Portale wirkten aber nie so gut wie die alten.

Aufwendige Recherche

Wie aufwendig es ist, Geschäftsfronten zu bauen, offenbart sich an den Details, die Pucher zum Abschluss hinzufügt: an den Mini-Leuchtschriften und handbemalten Blechtafeln.

Manche von Puchers Vorlagen existieren auch heute noch, andere sind längst verschwunden – etwa der Gemischtwarenhandel Zauner.

Pucher kennt ihn nur von einem Schwarz-Weiß-Foto – die Farben der Werbetafeln auf der Fassade musste er daher aufwendig recherchieren.

Auftragsarbeiten

Mit den Modellen verdient Pucher übrigens einen Teil seines Lebensunterhalts. Firmen geben etwa zu Jubiläen Modelle in Auftrag, aber auch Privatpersonen kaufen bei ihm ein. 2.400 bis 5 .000 Euro kostet ein Objekt.

Das ist zwar nicht billig, aber immerhin steckt Handarbeit dahinter – wie nicht zuletzt das Chelsea und der Werkzeugbau Sauberer zeigen. Er habe jeden einzelnen Ziegel händisch aus der Farbe gekratzt, sagt Pucher: „Das war mörderisch.“

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