Müslüm Lauppert serviert in der "Enoteca Amici Miei" die besten Antipasti Wiens, sagt er.

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Chronik Wien
08/24/2019

Warum der Wiener Vorgartenmarkt immer lässiger wurde

Der Vorgartenmarkt in der Leopoldstadt ist der eigentliche Sieger der Markt-Frequenzzählung. Das hat mehrere Gründe.

von Bernhard Ichner

Anne Murray hat schon sehr konkrete Vorstellungen: Hip soll sie werden, ihre „Sandwich-Afterwork-Bar“ namens Solas, an Samstagen will die 32-jährige Irin ihren Gästen ein Hangover-Frühstück mit Pancakes servieren. Als Standort des Lokals hat sich Murray, die auch das Café Caketree am Max-Winter-Platz betreibt, den Vorgartenmarkt in der Leopoldstadt ausgesucht. „Weil der ist groß im Kommen.“

Und das schon seit ein paar Jahren, wenn man der Frequenzzählung auf den Wiener Märkten, die im Auftrag der Stadt im Mai durchgeführt wurde, Glauben schenken darf (siehe unten). Zwar weist diese den Brunnenmarkt in Ottakring vor Rochus- und Naschmarkt als beliebtesten Markt aus. Der Vorgartenmarkt machte seit der letzten Evaluierung aber den größten Sprung nach vorn. Beim Marktamt führt man das primär auf die Generalsanierung 2012 sowie auf die Ansiedlung origineller Start-ups und kreativer Gastronomen zurück.

Schneeballeffekt

Zu den ersten, die dem kleinen Markt zum Aufschwung verhalfen, gehört die Bio-Bäckerei „Gragger & Cie“, die hier 2015 eine ihrer vier Wiener Filialen eröffnete. Primär, „weil es im Bezirk punkto Nahversorgungsangebot Luft nach oben gab und weil das Einzugsgebiet mit Nordbahn- und Stuwerviertel überzeugte“, wie Geschäftsführerin Sabine Wallner verrät.

Das Vorbild machte Schule – denn nachdem Bio-Bäcker Helmut Gragger Gastronom Tobi Müller erzählt hatte, wie lässig es hier sei, eröffnete 2017 auch die „Mochi Ramen Bar“. Und die kurbelte die Frequenz ordentlich an. Vor dem Lokal stehen die großteils jungen Gäste auch unter der Woche schon zu Mittag Schlange, um einen Tisch zu ergattern.

Auch andere Unternehmer sprangen auf den Zug auf. So wie Markus Tomschitz, der am Mexikoplatz wohnt und in Perchtoldsdorf eine Enoteca betreibt. Schon seit Jahren wartete er auf die Gelegenheit, am Vorgartenmarkt eine Filiale zu eröffnen. Und die habe sich aufgetan, als sich mit Gragger und Mochi zwei Frequenzbringer niederließen, erzählt er. „Da kam Bewegung in die Sache.“ In der „Enoteca Amici Miei“ serviert Geschäftsführer Müslüm Lauppert seit nunmehr 2,5 Jahren „die besten Antipasti Wiens“ und eigens importierten Prosecco.

Ansonsten erwartet die Marktbesucher ein bunter Angebotsmix aus in- und ausländischer Feinkost, Obst und Gemüse, Eis (vom Eis-Greissler) und Billigtextilien. Samstags zieht zudem der Bauernmarkt Besucher an.

Zwei Zielgruppen

Das Publikum am Vorgartenmarkt ist bunt gemischt, hier „junge Bobos, die Geld eingesteckt haben“, wie ein Standler erzählt; dort Leute aus der Nachbarschaft, die das Nahversorgungsangebot zu schätzen wissen.

An beide Zielgruppen richtet sich Gerd Sievers, der in der „Palette“ Delikatessen aus halb Europa vertreibt und in der vis-à-vis gelegenen Imbissbude den Charme des Alt-Wiener Würstelstands konserviert hat. Neuen Gästen empfiehlt Imbissbuden-Wirtin Manuela Gersthofer zum Weitra-Bio-Bier gern eine "Knacki Fracki" - einen überdimensionierten Wiener Hot-Dog (nur echt mit der Original-Lahner-Wurst).

Wunschlos glücklich sind am Vorgartenmarkt jedoch nicht alle. Etwa, weil die Gäste von Mochi & Co. das Einkaufsangebot nicht nützen, wie Geflügel-Händler Christian Schneider meint. Zudem spiegle die Frequenzzählung der Stadt die Wirklichkeit nicht, meint der Grillhendl-Spezialist, der den Familienbetrieb in dritter Generation führt. So seien etwa Kinder, die den Markt auf dem Weg zur Schule queren, als Besucher gewertet worden.

Vor zusätzliche Probleme stelle auch die neue Marktordnung die Unternehmer, meint Schneider. "Die neuen Kernöffnungszeiten bringen uns null. Ganz im Gegenteil: Jetzt muss ich von 15 bis 18 Uhr offen haben und auch noch Personal bezahlen, obwohl ich in dieser Zeit kein Geschäft mache. Zusperren wäre in dieser Zeit wirtschaftlicher."

Luft nach oben sieht aber auch Mochi-Chef Müller. Seiner Ansicht fehlen dem Markt ein Gesamtkonzept und ein optischer Relaunch. Zurzeit sei er eine Betonwüste.

 

Das Markt-Ranking

Hinter Brunnen-, Rochus- und Naschmarkt lag der Meiselmarkt im Mai mit 35.105 Besuchern in einer Woche auf Platz vier. Dahinter rangieren Gersthofer Markt (27.020), Hannovermarkt (23.560) und Vorgartenmarkt (14.406). Letzterer legte im Vergleich zur letzten Zählung 50 Prozent zu.