Chronik | Wien 11.12.2011

Von Sibirien zum Schwarzenbergplatz

© Bild: Jürg Christandl

Einwanderer: Seit vier Jahren lebt die Russin Nina Penner in Wien. Von klein auf mit der deutschen Sprache vertraut, ist sie von ihrer neuen Heimat restlos begeistert.

Während das mächtige Denkmal der Roten Armee am Schwarzenbergplatz weithin sichtbar ist, fällt das Kellerlokal in der nahen Wohllebengasse von außen kaum auf. Hier befindet sich das Kulturzentrum „Gzhel“, das russische Volkskultur in Österreich bekannter machen – und auch vermarkten will. Unzählige in Handarbeit bunt bemalte Holzschatullen, Schachfiguren, Möbelstücke, Porzellan und natürlich Matrjoschkas sind hier ausgestellt. Auf der kleinen Bühne finden regelmäßig Konzerte, Liederabende und Theater-Aufführungen statt.

Manchmal steht auch Geschäftsführerin Nina Penner selbst auf der Bühne. Schließlich war sie in ihrer früheren Heimat Solistin in einem staatlichen Chor. „Kultur trägt dazu bei, dass sich Menschen unterschiedlicher Nationalitäten näher kennenlernen“, sagt Penner in einwandfreiem Deutsch. Geboren wurde sie in Nowosibirsk als Kind wolgadeutscher Eltern.

"Als ich klein war, hab ich schon die Sisi-Filme gesehen und dabei geheult“, erinnert sie sich.
In Österreich zu leben, hat sie sich früher trotzdem nicht vorstellen können. Schließlich folgte sie dann doch ihrem Mann in den Westen. Der Porzellan-Produzent hatte bereits in der Wendezeit Anfang der 90er-Jahre Russland verlassen. Seit mittlerweile vier Jahren leben beide nun in Wien. Wenn Nina Penner über ihre neue Heimat spricht, gerät sie rasch ins Schwärmen. „Ich bin verliebt in dieses Land. Es ist nicht nur die Musik, sondern auch die Architektur in Wien. So etwas gibt es nirgendwo anders.“

Warmherzig

Dank ihrer Sprachkenntnisse sei es ihr nicht schwer gefallen, sich in Österreich rasch zurechtzufinden. „Die Österreicher sind auch sehr warmherzige Menschen.“ Mit Fremdenfeindlichkeit wurde sie nie konfrontiert. „Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich so ein fröhlicher Mensch bin, vielleicht leben wir auch ein bisschen in einem Vakuum.“

Das mag auch damit zusammenhängen, dass neben der Arbeit nur wenig Freizeit übrig bleibt. Apropos Arbeit: An Österreich gefällt Penner auch, dass man hier nur selten Frauen sieht, die schwere manuelle Arbeit verrichten müssen. „Das ist gut, schließlich ist eine Frau doch eine Frau.“ Überhaupt geht sie mit manchen ihrer Landsleute kritisch ins Gericht: „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir hier Gäste sind und müssen uns an die Gepflogenheiten anpassen. Leider gibt es auch solche, die sich nicht daran halten.“

 

Hälfte der russischen Migranten lebt in Wien

Insgesamt leben laut Statistik Austria derzeit mehr als 27.000 Menschen mit russischem Migrationshintergrund in Österreich. Beinahe die Hälfte davon lebt in Wien, heißt es bei der Medien-Servicestelle Neue Österreicher/innen.
Die Zahl der russischen Staatsbürger hierzulande hat sich in den vergangenen zehn Jahren versechsfacht – von 3675 auf 22.810 Personen. Damit stellen sie insgesamt nun die elftgrößte ethnische Gemeinschaft in Österreich.
Dieser enorme Zuwachs hat vor allem mit dem Tschetschenien-Krieg zu tun: Allein im Vorjahr stammten mit 2322 Anträgen die meisten Asylwerber aus der Russischen Föderation, hierbei insbesondere aus Tschetschenien. Im vergangenen Jahrzehnt wurde die Hälfte aller bewilligten Asylanträge (14.955) von russischen Staatsangehörigen gestellt. Mittlerweile ist die Anerkennungsquote aber rückläufig.
Auswanderungswellen  Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg und in den 1970er-Jahren verließen zahlreiche Bürger die Sowjetunion und fanden eine neue Heimat in Österreich. Die letzte und bisher umfassendste Auswanderungswelle erfolgte nach dem Zusammenbruch der UdSSR zu Beginn der 90er-Jahre.

( Kurier ) Erstellt am 11.12.2011