Chronik | Wien
24.10.2017

Vier Häuser auf einem Grund: Anrainer fürchten um ihre Lebensqualität

Baufirmen würden auf den Grundstücken "ausnützen, was geht". Die Anrainer setzen sich nun zur Wehr.

"Hier geschieht alles, was nicht eindeutig verboten ist", ärgert sich Gottfried Krause. Hier – das ist die Nordrandsiedlung in Wien-Floridsdorf, direkt neben der U1-Station Leopoldau. Denn hier werden seit einigen Jahren Grundstücke aufgekauft, und Baufirmen errichten auf Flächen, auf denen früher ein Haus stand, nun bis zu vier Häuser. Krause ist Sprecher des Siedlerverbands, der sich zur Wehr setzt: Denn infolge der deutlich dichteren Bebauung fürchten die Bewohner auch einen deutlichen Verlust an Lebensqualität.

Gegründet wurde die Nordrandsiedlung mit ihren anfangs sehr einfachen Behausungen vor rund 80 Jahren. 324 Familien – durchwegs Arbeitslose und Ausgesteuerte – wurden hier angesiedelt. "Die Grundstücke waren mit 1200 Quadratmetern relativ groß. Die Idee war, dass sich die Bewohner selbst versorgen und etwas anbauen oder Tiere halten können", erzählt Krause, der selbst seit 35 Jahren in der Nordrandsiedlung lebt. "Auch heute ist die Gegend beileibe kein Villenviertel", sagt er. "Aber auch wir als nicht so Betuchte hoffen, dass unsere Lebensqualität nicht zerstört wird."

460 Unterschriften

Da die Grundstücke vergleichsweise groß sind, seien sie bei Baufirmen sehr gefragt: "Früher standen hier ein bis maximal zwei Häuser auf einem Grund. Nun errichten Baufirmen bis zu vier Häuser auf derselben Fläche." Dies entspreche zwar der Bauordnung: "Darin heißt es, dass die Größe eines Bauplatzes mindestens 500 betragen soll – nicht muss", erklärt Krause. "Das wird ausgereizt, so weit es geht. So entstehen Häuser mit Gärten, die so klein sind, dass maximal eine Staude hineinpasst. Und das verkaufen sie dann als ,Wohnen im Grünen‘", ärgert er sich.

Viele Bewohner der Nordrandsiedlung fürchten, dass mehr Häuser auch mehr Lärm sowie mehr Verkehr mit sich bringen. "Die schmalen Gassen sind dafür nicht ausgelegt", sagt Krause. Zudem seien die Neubauten höher als die ursprünglichen Häuser, das halte Sonnenlicht ab. Mehr als 460 Unterschriften hat der Siedlerverband schon gesammelt: "Wir fordern, dass neue Gebäude maximal zwei Stockwerke haben dürfen, und dass die Mindestgröße von 500 pro Bauplatz eingehalten wird." Man habe Gespräche mit den zuständigen Büros von Wohnbaustadtrat Michael Ludwig ( SPÖ) und Planungsstadträtin Maria Vassilakou (Grüne) geführt: "Aber bisher ist nichts geschehen", ärgert sich Krause.

Novelle in Planung

Man nehme die Sorgen ernst, versichert man auf KURIER-Nachfrage im Büro Vassilakou: "Es wurde eine Studie angefertigt, welche Möglichkeiten bestehen und wie man die Bebauungsbestimmungen ändern müsste, damit das Ausreizen nicht mehr in diesem Maß möglich ist", sagt ein Sprecher. In Kürze werde man diese Studie an die Floridsdorfer Bezirksvorstehung senden.

Aus dem Büro Ludwig heißt es, auf Expertenebene würden aktuell Vorschläge für eine Novelle der Bauordnung erarbeitet. "Wird diese Soll-Bestimmung der 500 in eine Muss-Bestimmung umformuliert, müssten Bauplätze künftig diese Mindestgröße aufweisen", erklärt ein Sprecher. "Geplant ist aber, dass die Novelle der Bauordnung nächstes Jahr kommen soll", erklärt ein Sprecher.

Auch dem Floridsdorfer SPÖ-Bezirksvorsteher Georg Papai ist die Problematik bekannt: "Ein Siedlungsgebiet soll ein Siedlungsgebiet bleiben", betont er. Auch Papai sagt, er sei zuversichtlich, in naher Zukunft eine Lösung zu finden: "Wir müssen einen Mittelweg finden. Wir müssen manchem einen Riegel vorschieben – aber keinen so starren, dass gar nichts mehr gebaut werden kann."