Chronik | Wien
12.08.2018

Verjüngungskur für Wiens alternde Brücken

Wien hat mehr Brücken als Venedig. Allein im kommenden Jahrzehnt müssen 50 Bauwerke erneuert werden.

Wien hat mehr Brücken als Venedig: Allein 826 werden von der Stadt verwaltet, dazu kommen weitere von Asfinag, ÖBB und Wiener Linien. Sie verbinden Flussufer, überqueren innerstädtische Engstellen oder tragen Straßen über unwegsames Gelände (und sind deshalb auf den ersten Blick gar nicht als Brücken erkennbar). Um sie „fit für die nächsten 100 Jahre“ zu machen, startete die Stadt vor Kurzem ein umfassendes Investitionsprogramm.

Viele Wiener Brücken wurden während des Zweiten Weltkriegs zerstört und mussten nach 1945 neu errichtet werden. Etwa zwei Drittel der 826 Bauwerke stammen aus den 60er-Jahren und sind daher in einem Alter, das Instandhaltungsmaßnahmen notwendig macht. Kleine, die von der Bevölkerung meist gar nicht wahrgenommen werden, und große, mehrere Jahre in Anspruch nehmende – wie der geplanten Neubau der Wiener Westausfahrt (der KURIER berichtete). Im Rahmen des Investitionsprogramms werden im kommenden Jahrzehnt 50 Brücken erneuert.

Der größte Feind eines Bauwerks ist Wasser. Beschleunigt durch Auftaumittel, wie etwa Salz, findet es auch durch die beste Isolierung einen Weg ins Innere, greift den Betonkern an und macht ihn spröde. Die „Lebenserwartung“ einer Brücke hänge daher von permanenter Instandhaltung ab, erklärt Hermann Papouschek, Chef der MA 29 (Brückenbau).

Aber selbst bei permanenter Kontrolle und Wartung, die von 40 Mitarbeitern durchgeführt wird, hat eine Brücke ein Ablaufdatum. So seien ältere, nach 1945 errichtete Bauwerke rund 50 Jahre „vernünftig nutzbar“ und nach neuestem Stand der Technik gebaute 80 bis 100 Jahre. Ist die Zeit verstrichen, heiße das aber nicht, dass die Brücke auseinanderfalle, beruhigt Papouschek. Dann werden ihr mittels Generalinstandsetzung noch ein paar Jahrzehnte geschenkt – „quasi noch ein letztes Mal Leben eingehaucht“. Erst danach könnte der Neubau wirtschaftlicher als die Instandsetzung werden.

Handlungsbedarf

In Wien gibt es nun einige Hotspots, die saniert werden müssen, weil der Zahn der Zeit (bzw. Wasser) an ihnen nagt. Die baufällig gewordene Westausfahrt eben, die Heiligenstädter Hangbrücke vom Kahlenberger Dorf nach Klosterneuburg, der Knoten Nussdorf, die Heiligenstädter Brücke oder die Freudenauer Hafenbrücke.

Das werde „in den nächsten 15 Jahren“ geschehen, sagt Papouschek – der beruhigt: „Diese Brücken zerbröseln nicht.“ Bei regelmäßigen Kontrollen habe man bloß Handlungsbedarf in absehbarer Zeit festgestellt.

Wobei die Mitarbeiter der MA 29 Weitblick benötigen. Denn sie müssen den Verfall der nächsten vier Jahre einberechnen, da der Vorlauf der Sanierung mit Erhebung des Status-quo, Machbarkeitsstudien und europaweiter Ausschreibung von Planung und Realisierung im Schnitt etwa 48 Monate dauert. Insofern sind die Kosten der Maßnahmen vorab auch schwer abschätzbar.

Ein konkretes Beispiel ist die Westausfahrt, für deren Neubau erst vor wenigen Tagen die Planungsphase begann. Brutto – also von der ersten Machbarkeitsstudie, welche Sanierungsmöglichkeiten es überhaupt gibt, bis zur Eröffnung – schätzt Papouschek die Kosten inklusive Mehrwertsteuer auf rund 30 Millionen Euro. Konkreter werde die Summe erst mit der Auftragsvergabe.

Und auch der Baubeginn lässt sich nur schwer prognostizieren. Da allein die Planung zwei Jahre dauert und die Stadt freiwillig eine (zeitlich schwer kalkulierbare) Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) durchführt, dürfte nicht vor 2022 mit der Errichtung begonnen werden.

Reichsbrücke gehoben

Parallel zu großen Generalsanierungen, die in dicht verbauten Gebieten – wie etwa vor zwei Jahren bei der Gürtelbrücke – im Vollbetrieb der Brücke durchzuführen sind, werden laufend unzählige kleinere Instandsetzungsarbeiten erledigt: Die Beschichtung von Stahlteilen, kleinräumige Betonsanierungen, Fahrbahnausbesserungen, die Erneuerung der Brückenübergänge, das Anstreichen der Geländer oder der Tausch der Brückenlager.

Wobei „kleinere Maßnahmen“ relativ ist. So hob die MA 29 vor zwei Jahren etwa die Reichsbrücke mit 33 hydraulischen Pressen um einen Zentimeter an, um erstmals seit der Eröffnung der Brücke 1980 acht 3,5 Tonnen schwere Lager zu tauschen.

Davon abgesehen entstehen in Wien auch neue Brücken – allein sechs in den vergangenen zehn Jahren. Für insgesamt 52 Millionen Euro (brutto) entstanden vier Brücken im Projektgebiet Hauptbahnhof, der Judith-Deutsch-Steg in der Leopoldstadt sowie die Mayreder-Brücke in der Donaustadt.