"Venedig in Wien": Als man mit Gondeln durch den Prater fuhr
Ansicht eines venezianischen Kanals – aus dem Wien der Jahrhundertwende. Das Interesse der Wiener hielt nur kurz.
„Wien hat endlich ein großstädtisches Sommer-Etablissement“, schreibt die Presse am 23. Mai 1895 erleichtert. Der Vergnügungspark „Venedig in Wien“ hatte tags zuvor auf dem Gelände der heutigen Kaiserwiese im Prater eröffnet. Und die Welt war, wie es heißt „entzückt von dieser reizenden Schöpfung.“
Begonnen hatten die Planungen des Unternehmers Gabor Steiner für dieses ehrgeizige Projekt trotz anfänglichen Gegenwinds schon einige Jahre zuvor. Architekt Oskar Marmorek, der auch für den Rüdigerhof und den Hochstrahlbrunnen verantwortlich zeichnete, übernahm die Planung der rund 50.000 Quadratmeter großen Interpretation von Venedig.
Diese umfasste drei große, von nachgebauten Palazzi umgebenen Plätze, die durch künstlich angelegte – mit Wiener Hochquellwasser gefüllten – Wasserstraßen voneinander getrennt und von einem rund einen Kilometer langen Kanal umgeben waren. Über die Wasserstraßen führten, wie in der Lagunenstadt, hohe, schmale Brücken. Bei den Gebäuden handelte es sich um „keine bloßen Bretterwände mit bemalter Leinwand, sondern wirkliche betretbare Häuser mit Mauern und Stuckwänden“, wie die Presse begeistert schrieb.
„Fesch und flink“
Natürlich durfte auch das berühmteste venezianische Wahrzeichen nicht fehlen. Das schrieb die Wiener Montags-Post dazu: „Die reichgeschmückten Gondeln harren bereits ihrer Bestimmung und die angekommenen Gondolieri sind schon jetzt in großer Zahl auf dem Platze zu sehen.“ Dabei handelte es sich, wie die Presse betonte, um „waschechte Venezianer“, laut dem Neuen Wiener Tagblatt um „die feschesten und flinksten Burschen ihrer Gilde“. Kaffeehaus, Restaurant und Theater sorgten für das leibliche Wohl und Unterhaltung.
„Der Wiener, der stets gewohnt ist, an Veranstaltungen seine Sucht zum Nörgeln zu befriedigen, sieht sich Venedig in Wien gegenüber zum Schweigen und Staunen verurteilt“, kommentiert die Montags-Zeitung nach der Eröffnung selbstkritisch. Nach etwa fünf Jahren ließ die Begeisterung der Wiener Bevölkerung für die venezianische Attraktion im Prater dann aber doch wieder nach.
Die Kanäle wurden zugeschüttet, an die Stelle des venezianischen Vergnügungspark traten über die Jahre verschiedene neue Nutzungen. Erst 1916 wurden die Gebäude von „Venedig in Wien“ endgültig demoliert.
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