Else Federn: Ein Leben für das Wiener Settlement

Else Federn wurde durch den Besuch des ersten Londoner Settlement für Frauen inspiriert, ähnliche Fürsorgezentrum auch nach Wien zu bringen.
Junge Frau mit dunklen, mittellangen Haaren und hellem, hochgeschlossenem Kleid blickt ernst nach vorn.

Keine Almosen, sondern Hilfe zur Selbsthilfe. Das war eine der zentralen Ideen, die hinter der Settlement-Bewegung stand, die sich ab 1880 von London aus international ausbreitete. Konkret handelte es sich dabei um Nachbarschaftszentren, die gezielt in Armenvierteln aufgebaut wurden.

Die Begegnung zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten sollte dabei nicht nur akute Not lindern, sondern auch eine langfristige gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Im Jahr 1899 war die junge Wienerin Else Federn für einige Zeit im ersten Londoner Settlement für Frauen zu Besuch – und kehrte voller Inspiration nach Wien zurück, um das Konzept auch in ihrer Heimatstadt umzusetzen. Kurz darauf, im Februar 1901, gehörte sie zu den 14 Frauen und zwei Männern, die in Ottakring den Verein Wiener Settlement gründeten.

Schließlich sollten, so schrieb sie in den „Dokumenten für Frauen“ vom März 1901 „an all den feineren Freuden, die das Leben spendet, und an all den Schätzen unserer Cultur nicht nur die Vermögenden und glänzend Erzogenen Antheil haben.“ Schon das Elternhaus, in das Else am 5. März 1874 hineingeboren wurde, war sozialreformerisch geprägt und im Bildungsbereich engagiert. So eröffnete bereits ihre Mutter Ernestine mit der „Kunstschule für Frauen und Mädchen“ eine Bildungseinrichtung. Ihr Vater, Josef Salomon Federn, war ein prominenter Arzt. Diesen bürgerlichen Hintergrund verstand Else Federn als Auftrag.

Umfassendes Angebot

Sie wurde als Arbeitsleiterin des neu gegründeten und überparteilichen Vereins eingesetzt, sein erster Präsident war Karl Renner, der erste Bundespräsident der Zweiten Republik. Das Angebot des Wiener Sozialprojektes war umfassend: Kinderbetreuung, Ausspeisung, Ferienkolonien, Mütterberatung, Elternbildung und Berufsberatung, aber auch Kinder- und Jugendfürsorge, Schwangeren-, Alkoholiker- sowie Obdachlosenbetreuung und Tuberkulosehilfe. Denn, so hielt Federn fest: „Vorbeugen ist besser als nachträgliche Mildtätigkeit.“

Besonders in der Zwischenkriegszeit wurde das Ottakringer Settlement, das in der Lienfelderdergasse seinen Sitz hatte, zu einem wichtigen Fürsorgezentrum.

1938 wurde der Verein von den Nationalsozialisten enteignet und aufgelöst. Else Federn musste als Jüdin nach England flüchten. Von dort aus bemühte sie sich noch um Einreisebewilligungen für Wiener Freunde.

Nach Kriegsende war es ihr nicht mehr möglich, nach Wien zurückzukehren und ihre Arbeit im wiedereröffneten Wiener Settlement erneut aufzunehmen. Sie starb am 28. Januar 1946 im University Settlement Bristol im Alter von 71 Jahren.

Der Wiener Settlement Verein bestand noch bis ins Jahr 2003, als seine letzte Einrichtung – ein Kindergarten – geschlossen wurde. Im Jahr 2012 wurde eine Parkanlage in Ottakring nach ihr benannt – ein spätes Zeichen der Anerkennung für eine Frau, die Solidarität nicht nur predigte, sondern auch lebte.

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