Chronik | Wien
19.01.2018

Ute Bock ist gestorben

Die engagierte Sozialarbeiterin und Flüchtlingshelferin Ute Bock ist mit 75 Jahren gestorben.

(*Update: Verein Ute Bock ruft im Gedenken an seine Gründerin zu einem "Lichtermeer" auf*)

Hass, Abneigung und Fremdenfeindlichkeit – Dinge, mit denen Ute Bock täglich konfrontiert war. Aufgegeben hat sie nie. Nun ist sie gestorben und hinterlässt als Vermächtnis ihren bedingungslosen Einsatz für Schutzsuchende, der seinesgleichen sucht. Seit vielen Jahren finanzierte sie mit ihrem Gehalt und ihrer Pension Unterbringungsmöglichkeiten für Asylwerber, was sie für viele Gestrandete zur Schutzmadonna machte.

Das Leben der Ute Bock

Was Bock ganz besonders geprägt hat, war die Erziehung ihrer Eltern und ihre Geschwister. Sie war die Älteste und stets für alles verantwortlich. "Dass ich diesen schweren Job aushalte, ist sicher eine Folge meines strengen Elternhauses", hat sie ein einem Interview gesagt. Ständig hörte sie "Tu nicht raunzen, da muss man durch." Probleme seien ausschließlich mit sich selbst gelöst worden, geredet wurde kaum zuhause. "Da ich die älteste war, hab ich mich immer um alles kümmern müssen. Ich pass immer auf, ob nicht etwas passiert. Das hab ich nie wieder abgelegt", sagte sie weiter.

>>> "Eine ganz Große": Reaktionen auf den Tod von Ute Bock

Doch wie kam es zu ihrer Laufbahn? "Mein Vater wollte einen sicheren Posten für mich, so war die Zeit damals." Sie sollte sich "was Gescheites" suchen, mit Pensionsberechtigung. "Ich war damals noch ein braves Kind und hab mich bei der Gemeinde Wien also vorgestellt. Als Maturantin kam ich in die Erzieherei."

So begann Bock in einem Heim für schwer erziehbare Sonderschüler in Biedermannsdorf zu arbeiten. Der nächste Weg führte sie nach Wien-Favoriten, in die Zohmanngasse, bis heute ein symbolträchtiger Ort für Bock-Freunde wie -Gegner. Dort kümmerte sie sich in einem Gesellenheim um Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Seit Anfang der 90er Jahre betreut sie in der Zohmanngasse jugendliche Asylwerber. Auch ihre Pensionierung im Jahr 2003 beendete ihr Engagement nicht, mit eigenen Renteneinkünften und Spenden bezahlte sie Unterkünfte für obdachlose Flüchtlinge.

Goldenes Ehrenzeichen

2012 ist Bock von Bundespräsident Heinz Fischer mit dem Goldenen Verdienstzeichen der Republik Österreich ausgezeichnet worden. Fischer würdigte bei der Verleihung das Engagement der Flüchtlingshelferin. Die Auszeichnung sei eine symbolische Geste, "aber eine deutliche Geste, dass man ihre außergewöhnliche und unorthodoxe Arbeit schätzt und weiß, wie viel Idealismus, Kraft und innere Energie dazugehören". Bock zeigte sich damals bescheiden: "Ich bedanke mich herzlich für diesen Preis, obwohl ich immer noch glaube, dass ich ihn nicht verdiene".

Nach einem Schlaganfall, den Bock im Dezember 2013 erlitt, kämpfte ihr Verein erneut mit Finanzproblemen. Insgesamt verzeichnete man zehn Prozent weniger Spenden. Auch die angemieteten Wohnungen konnten nicht mehr vollständig bezahlt werden, teilweise mussten Asylwerber bereits aus- oder umziehen. Vereinsmitarbeiterin Melanie Carmann sagte damals: "Unsere Unterstützer wollen Frau Bock." 2014 beschloss die "gute Ute“, wieder zu arbeiten, damit die Spenden für ihren Verein wieder stärker fließen.

"Ich halt' das nicht aus"

Auch die Migrationskrise im Jahr 2015 machte Ute Bock zu schaffen. Die Flüchtlingshelferin prangerte eine Portion Scheinheiligkeit an: "Es ist nicht das wichtigste, dass die Leute da einen Kilo Brot hintragen", sondern die "Einstellung" der meisten Menschen, sagte Bock damals.

Jene, die die Flüchtlinge nun "durchwinken", hätten nie von Angesicht zu Angesicht mit den Menschen zu tun, kritisierte die 73-Jährige, die sich seit Jahren um Asylwerber und Flüchtlinge kümmert. Am Westbahnhof krabbelten Kinder am Boden herum, "so was Furchtbares". Sie habe Bewohner des Ute-Bock-Hauses dorthin geschickt, um zu helfen, "weil die das am besten wissen, wie das ist". Auch habe sie versucht, ein Notquartier aufzutreiben. "Ich halt' das nicht aus, mir ist richtig schlecht, wenn ich heim geh'", meinte Bock zur Situation am Bahnhof. Das Schlimmste sei aber nicht, wie schlecht es den Menschen dort gehe, sondern "das Schlimmste ist, das wir so eine fürchterliche Einstellung haben - wenn ich in der Straßenbahn höre, 'wären sie halt daheim geblieben', das ist unerträglich".

Kein Partner, keine Kinder, kein Urlaub

Eine Familie gründen oder in einer Partnerschaft leben – was für viele Menschen ein Lebenstraum ist, hat Ute Bock nie gehabt und sich auch nie gewünscht. Glücklich mache sie hingegen, wenn ihr etwas gelingt, wenn sie sieht, dass das, was sie macht, fruchtet. "Wenn die Flüchtlingskinder kommen, mit ihren schönen Zeugnissen", sagte Bock, "Das macht mich glücklich."

50 Jahre für andere

Über 50 Jahre kümmerte sich Ute Bock um andere Menschen – waren es anfangs Kinder und Jugendliche aus schwierigen Familien, so setzte sie sich seit ihrer Pensionierung vor allem für AsylwerberInnen ein. Tag und Nacht verbrachte Bock während ihrer Berufslaufbahn in den Heimen, selbst an Feiertagen wie Ostern und Weihnachten. Ein Privatleben, so Bock, hatte sie nie, genauso wenig nahm sie sich Zeit für sich selbst. Urlaub machte Bock nur zwei Mal in ihrem Leben – nach der Matura einige Tage bei ihren Großeltern in Deutschland und 1976 gemeinsam mit ihrer Schwester und deren Kindern in Grado in Italien. "Was tu ich denn dort? Ich kann mir das nicht vorstellen, dass ich mich da auf der Riviera in den Sand hau“, scherzte sie vor fünf Jahren.

Während ihre Schwester eine Familie gründete, blieb Bock kinderlos. "Gott sei Dank, das hab ich mir erspart", meinte sie lachend. In all dem Elend, das sie täglich sah, nahm sie immer alles mit dem nötigen Humor. "Wissen Sie, wann ich auf dem ersten Ball meines Lebens war? Am Flüchtlingsball. Und da war ich schon so ein altes Weib, dass die mich mit der Mutter vom Resetarits auf den Tisch gesetzt haben. Die zwei alten Omas", erzählte sie lachend.

Frage man Ute Bock, was sie sich für ihre Zukunft wünscht, dann antwortete sie: "Dass ich noch ein bisschen eine hab."

Lichtermeer zum Gedenken an Ute Bock

"Wir trauern um Ute Bock. Wir trauern um eine der Gerechten.", schreibt der Verein auf Facebook. Am 2. Februar wollen man ab 17 Uhr am Wiener Heldenplatz von der Vereinsgründerin Abschied nehmen.

"Bis zur letzten Sekunde drehte sich ihr ganzes Denken und Handeln um das Wohlergehen geflüchteter Menschen. Der Erfüllung ihres größten Wunsches, eines Tages überflüssig zu werden, sind wir gerade in Zeiten wie diesen ferner denn je", heißt es in der Veranstaltungseinladung auf Facebook.