Wie die Rettung der ausgetrockneten Unteren Lobau gelingen könnte
Das massenhafte Fischsterben im Jänner hat die Lobau wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit befördert. Und damit ein altes Problem, das Stadtpolitik, Wissenschaft und NGOs bereits seit Jahrzehnten beschäftigt – das der schleichenden Austrocknung der Unteren Lobau.
Die Stadt Wien beteuerte zwar, dass Eisläufer mitverantwortlich für dieses Fischsterben seien, da sie die Tiere aufgeschreckt hätten, wodurch sie schließlich im schlammigen Wasser erstickt seien. Dennoch bleibt die Grundproblematik bestehen: Ohne Zuleitung von neuem Donauwasser verliert die Aulandschaft ihren Charakter – und damit auch an wertvoller Artenvielfalt.
Bisher lautete das schlagende Gegenargument der Stadt Wien, dass mit Einleitung von (schmutzigem) Donauwasser auch das für die Trinkwasserversorgung in Transdanubien unerlässliche Grundwasser verunreinigt würde. Nur rund 20 Kilometer flussabwärts – in der Petroneller Au bei Carnuntum (Bezirk Bruck an der Leitha) – ist derzeit aber ein ähnliches Projekt in Planung. Und dort soll das frische Donauwasser die Situation der Grundwasserbrunnen sogar verbessern.
EVN: „Trinkwasser sicher“
Im Nebenarmsystem von Petronell steht man nämlich vor ähnlichen Problemen wie in Wien: Durch die Donauregulierung und die stetig voranschreitende Sohleneintiefung des Stroms „verlandet“ die Au immer mehr. Weshalb EVN-Wasser, Via-Donau und der Nationalpark sich auf eine Revitalisierung der Au verständigt haben, indem die Nebenarme wieder angebunden werden sollen.
In Hinblick auf die Lobau ist nun relevant, dass die geplante Zuleitung sogar „einen positiven Effekt“ für das Grundwasser habe, wie EVN-Sprecher Stefan Zach erklärt: Der Grundwasserbegleitstrom verbessere sich, weshalb die Fördermenge im bestehenden Brunnenfeld Petronell erhöht werde.
Und wie sieht es mit der „Verunreinigung“ aus? Diese Gefahr ortet die EVN nicht, da man in Petronell „eine moderne Naturfilteranlage, bestehend aus Ultrafiltration, Umkehrosmose und Aktivkohlefiltration“ betreibe und somit „eine sichere Trinkwasserversorgung auch nach geänderten Verhältnissen im Grundwasserbegleitstrom sichergestellt werden“ könne, so Stefan Zach.
Hydrobiologe Thomas Hein von der Universität für Bodenkultur bezeichnet das Vorhaben der EVN in der Petroneller Au sogar als „Notwendigkeit“. Nur durch die Vernetzung der Nebenarme mit der Donau könne der Grundwasserkörper mit genügend Wasser versorgt werden, was wiederum positive Effekte auf die Trinkwassermenge habe. Die Niederschläge in der Region allein würden dafür nämlich nicht mehr ausreichen, sagt Hein.
Das Risiko, dass es durch die Zuleitung von Wasser zu Veränderungen in der Grundwasserqualität komme, bestehe dabei immer. „Darauf muss man sich vorbereiten, im Sinne einer Aufbereitung.“ Etwas, das in der Petroneller Au bereits geschehen sei.
Prüfung im Regierungsprogramm festgeschrieben
In Wien ist man nicht so weit: Im rot-pinken Regierungsprogramm steht lediglich, dass die „Dotierung der Unteren Lobau“ – also eine gezielte und limitierte Einspeisung von Wasser – geprüft werden soll. Derzeit werde bereits ein „Grundwasserströmungsmodell“ erstellt, das dazu dienen soll, herauszufinden, „inwiefern eine Dotation den Wasserhaushalt in der Unteren Lobau verändert“.
Für Hein ist allerdings bereits jetzt klar, dass eine Dotation – wie es sie in der Oberen Lobau seit 2024 gibt – notwendig ist: „Es ist Fakt, dass die Untere Lobau schon seit Jahrzehnten austrocknet, das ist durch Studien belegt.“ Auch im Grundwasser werden sinkende Pegel verzeichnet. Bei der kontrollierten Zuleitung von wenigen hundert Litern Wassern – wie es derzeit geprüft wird – sei auch „keine wesentliche Veränderung in der Grundwasserqualität zu erwarten“. Hein geht davon aus, dass diese Maßnahme bereits 2027 umgesetzt werden kann. Sollte sich die Dotierung weiter verzögern, sei die Entscheidung der Stadt über die Zukunft der Unteren Lobau damit gefallen. „Auch Nicht-Entscheiden ist eine Entscheidung“, sagt Hein. In dem Fall gegen den Fortbestand der Au.
Spätwinterliche Idylle in der Lobau vor einigen Jahren. Um sie zu erhalten, braucht es mehr Wasser.
Etwas anders ist die Lage bei einer möglichen dauerhaften Gewässervernetzung, wie sie in Petronell geplant ist. Für die Stadt Wien sei es durchaus sinnvoll, in diesem Fall auf die Ergebnisse der EVN zu warten, um vom Projekt zu lernen, so Hein. Denn werden Auen wieder in das dynamische Abflussgeschehen von Flüssen eingebunden, stehe wieder mehr Grundwasser zur Verfügung – das Risiko einer Verschmutzung steige aber ebenfalls. Umgesetzt werden soll das Projekt in der Petroneller Au in den kommenden Jahren. Derzeit würden die Einreichunterlagen für die behördlichen Verfahren vorbereitet, berichtet die EVN. Ergebnisse werden dann in drei bis fünf Jahren vorliegen, schätzt Hein. Danach könne man abwägen, ob die Gewässervernetzung auch für die Untere Lobau umgesetzt werden soll. Die „Vision“ müsse nämlich schon sein, den gesamten Wasserhaushalt für Trinkwasser und Ökologie zu sichern.
Wien: „Nicht vergleichbar“
Vonseiten der Stadt heißt es aber, dass die Rahmenbedingungen in der Petroneller Au und der Unteren Lobau „nicht vergleichbar sind“. Auf Forschungsergebnisse aus Petronell werde deshalb nicht gewartet. Vorerst wolle man – nach Abschluss der eigenen Studien Ende 2026 – entscheiden, ob eine Dotierung im Zuge eines „wasserwirtschaftlichen Versuchs“ stattfindet. Dieser soll dann ehestmöglich begonnen werden.
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