Gekommen, um zu bleiben: Warum immer mehr Ungarn nach Österreich ziehen
András Erdős vor dem Restaurant Beethoven.
In dem urigen Lokal in der Hetzendorfer Straße 75 in Wien-Meidling ist kurz vor dem Mittagsgeschäft viel zu tun. Mehrere Männer gehen an der Bar Warenbestellungen durch. Was sie besprechen, verstehen aber nicht alle Gäste, denn sie unterhalten sich auf Ungarisch. Das Beethoven ist vor wenigen Wochen als Restaurant mit ungarischen Spezialitäten wiedereröffnet worden, nachdem Chef András Erdős aufgefallen war, dass es in Wien nur sehr wenige ungarische Lokale gibt: „Das hat mich überrascht, es sind viele Ungarn hier, und die Österreicher mögen unser Essen ja auch sehr gern.“
An Gästen aus der Heimat sollte es nicht mangeln: Laut Statistik Austria leben derzeit mehr als 110.000 Ungarn in Österreich. Die Zahl hat sich binnen zehn Jahren annähernd verdoppelt. Zusätzlich pendeln noch mehr als 20.000 Ungarn regelmäßig zum Arbeiten nach Österreich.
Wie Gastronom András Erdős scheinen sie sich hier wohlzufühlen. Er betrieb auch schon ein Lokal in London und arbeitete in den USA. Im Vergleich sei es in Österreich am besten: „Man fühlt sich hier als Ungar aber besonders willkommen.“ Das zeigte auch eine Studie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aus 2025. Drei Viertel der Migranten aus Ungarn waren nach dem Umzug nach Österreich zufriedener. Studienautor David Sümeghy erklärt dem KURIER, dass 89,5 Prozent der Befragten nicht planen, bald nach Ungarn zurückzukehren.
Das dürfte auch an der gemeinsamen Historie der beiden Länder liegen. Von 1867 bis 1918 waren Österreich und Ungarn gleichberechtigte Länder einer Realunion in der Habsburgermonarchie. Franz Joseph I. war Kaiser von Österreich und König von Ungarn und soll stets darauf Wert gelegt haben, die beiden Monarchien gleichzubehandeln. Außerdem pflegte er enge Beziehungen zum ungarischen Adel – ebenso wie seine Frau Kaiserin Elisabeth. Obwohl diese Bande schon mehr als 100 Jahre gelöst ist, geben laut der ÖAW-Studie immer noch die meisten migrierten Ungarn an, dass sie sich in Österreich sehr willkommen und kaum diskriminiert fühlen.
Nahe der Heimat
Und es gibt noch einen Grund, warum Ungarn gerne in Österreich sind. „Ich fahre fast jedes Wochenende zu meiner Familie nach Hause. Es ist natürlich großartig, dass das so schnell geht“, sagt Erdős. Damit ist er nicht alleine. Sehr viele Ungarn sind sogenannte transnationale Migranten. Sie haben sowohl in Österreich als auch in ihrer alten Heimat Wohnsitze und pendeln hin und her.
Das setzt sich auch in der Freizeit fort. Vor allem in grenznahen Regionen, wie zum Beispiel Eisenstadt, sieht man jedes Wochenende viele Ungarn, die dort in Möbelhäusern und anderen Geschäften einkaufen. Vor einigen Jahren war es fast ausschließlich umgekehrt und Österreicher fuhren zum Shoppen ins billigere Nachbarland. Mittlerweile sind die Preise in der Gastronomie aber ähnlich hoch, und die Ungarn schätzen die höhere Warenqualität, die in manchen Bereichen in Österreich vorliegt.
Apropos Qualität: Die Spezialität im Beethoven ist Veal Paprikash – ein Kalbsrahmgulasch und somit ein Klassiker in den Küchen beider Nationen. Dieses kulinarische Beispiel veranschaulicht, wie sehr Österreich und Ungarn auch ohne k. u. k. Monarchie noch verbunden sind.
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