Chronik | Wien
08.05.2017

"U-Bahn-Stars": Musiker üben scharfe Kritik

Dass Musiker gratis spielen sollen, sei eine "Demütigung".

Seit Dienstag und noch bis 28. Mai können sich Musiker bewerben – um einen der Posten als künftige "Wiener U-Bahn-Stars". So nennt die Stadt ihre neue Aktion, Straßenmusikern das Muszieren in den U-Bahn-Stationen zu erlauben.

Die Stadt will dadurch das Sicherheitsgefühl in der U-Bahn erhöhen. "Vor allem am Abend, wenn in den Stationen nichts mehr los ist, sorgt die Musik für ein angenehmes Gefühl", sagte Öffi-Stadträtin Ulli Sima ( SPÖ) bei der Präsentation der Aktion. Doch die stößt nun auf heftige Kritik.

Denn die Musiker müssen zwar ein mehrstufiges Auswahlverfahren absolvieren, um in den U-Bahn-Stationen auftreten zu dürfen, spielen aber gratis und sind auch nicht versichert. Wie im Castingformular zu lesen ist, sollen sie sich außerdem selbst um benötigten Strom kümmern – sogar beim persönlichen Vorspielen bei den Wiener Linien – und müssen im Falle einer Bewerbung 10 Euro Bearbeitungsgebühr bezahlen.

Gratis-Kultur

Der Grüne Gemeinderat Martin Margulies hat bereits einen Offenen Brief mit dem Titel "Kultur ist nicht umsonst" an die Wiener Linien geschickt. Margulies findet den Ansatz der Aktion "toll", aber: "Es ist nicht in Ordnung, von Künstlern zu erwarten, dass sie mehrmals pro Woche für je 1,5 Stunden live auftreten und ihnen dafür nichts zu bezahlen."

Auch bei den Musikern selbst stößt die Aktion auf breites Unverständnis. "Das wird als Chance verkauft", sagt David Stellner, der lange Straßenmusik gemacht hat und Down Under The Bridge organisierte, ein Konzert von Singer-Songwritern und Bands am Donaukanal. Aber die Aktion sei "eine Lüge. Du stellst dich da hin als Musiker und erbringst eine Leistung für die Stadt Wien, nämlich die U-Bahn-Stationen sicherer zu machen, und wirst dafür nicht entlohnt. Das ist wie wenn man einem Beamten sagt, er soll mehr hackeln, aber kriegt dafür nix gezahlt". David Stellner wird sich jedenfalls nicht bewerben: "Ich stell mich nicht hin und mach’ für die Wiener Linien den Dodel. Niemand, der auf sich und seine Musik etwas hält, wird das machen." Stellner kann mittlerweile von der Musik leben.

"Demütigung"

Auch Musiker Ernst Molden hält die Aktion für "sehr unglücklich". "Entweder man öffnet die U-Bahn für Musiker, dann müssen alle spielen dürfen, oder die Gemeinde Wien engagiert Musiker, aber dann muss sie sie bezahlen." Molden stößt sich auch am Auswahlverfahren: "Da entscheidet dann der Magistrat was leiwande Musik ist und was nicht?", fragt er. "In Wahrheit ist das eine Demütigung der Musiker."

Das findet auch Friedl Preisl, ein Kenner der Szene, der etwa auch das KlezMore Festival organisiert. "Die Kunst zu missbrauchen für die Sicherheitsbedenken der Stadt, ist unmöglich", sagt Preisl.

Seit Samstag ist eine Petition mit dem Titel "Musik ist nicht wertlos – Quo Vadis, Musikstadt Wien?" online. Man wehre sich dagegen, Rechte an die Wiener Linien abtreten zu müssen. Knapp 800 Personen haben bis Sonntag unterzeichnet.

Die Wiener Linien betonen, die Aktion gemeinsam mit "Buskers Wien – Verein zur Förderung von Straßenkunst" abzuwickeln. "Das Konzept von Straßenmusik ist, dass man für ein Hutgeld spielt", sagt eine Sprecherin. Niemand müsste Rechte an seiner Musik abtreten, es ginge lediglich um Fotorechte für die Vermarktung der Aktion. Das Auswahlverfahren sei "fair und transparent", bis jetzt hätten sich "mehr als 100" Musiker beworben.