"Gemma Tschaunern": Sommertheater mitten im Grätzel
Holzbänke reihen sich unter Sonnenschirmen und Bäumen auf einer grünen Wiese, wo man beieinander sitzt und sich mit Bier oder Weißem Spritzer zuprostet. Dazu gibt es unter anderem kalte Knacker für’s leibliche Wohl. Man könnte fast glauben, man ist hier beim Heurigen eingekehrt und nicht in einem Theater.
Genau dieses Ambiente macht den Charme der Tschauner Bühne aus. Bereits 1909 gegründet, ist sie das letzte regelmäßig bespielte Stegreiftheater Europas. Seit 1957 ist die Ottakringer Institution in der Maroltingergasse 43 beheimatet, 2018 wurde sie von der österreichischen UNESCO-Kommission zum immateriellen Kulturerbe ernannt.
Das Publikum der Tschauner Bühne sitzt im Freien, ein Heurigenbuffet sorgt für das leibliche Wohl.
Das Herzstück sind trotz aller Gemütlichkeit aber die Theaterproduktionen, mit Fokus auf Unterhaltung und typischem Wiener Schmäh. "Es ist ein Ort, wo der Wiener Wahnsinn noch immer stattfindet," lacht Theaterleiterin Heidi Böpple. Der Humor in den Stücken sei mitunter durchaus "deftig", dennoch versuche man, den Spagat zwischen Tradition und modernen Ansprüchen zu machen. "Es kann schon manchmal herber, morbide oder ein bissl böse werden, jedoch auf eine zeitgemäße Art und Weise. Ein Vorstadttheater für alle."
Auch die Mischung des Publikums mache den Besuch bei der Tschauner besonders. "Zu uns finden Touristen ebenso wie Drag Queens, Vorstadtpublikum, Musical-Fans oder 'klassische' Theaterbesucher. Da ist wirklich alles dabei, das ist das Schöne," beschreibt Markus Richter, künstlerischer Leiter, die Stimmung.
Markus Richter (Künstlerische Leiter) und Heidi Böpple (Operative Theaterleitung).
Theaterhandwerk wie anno dazumal
Hinzu komme natürlich das Stegreif-Spiel, also das Improvisationstheater, das in manchen Stücken Einzug hält. "Damit haben wir ein Alleinstellungsmerkmal. Wir entwickeln es aber weiter, etwa mit Musiktheater, Musical oder Revue, mal mehr, mal weniger. Wir zeigen damit altbewährte Klassiker, geben dem Stoff aber moderne Twists – also Stegreif 2.0", erklärt Richter. Wert lege man dabei stets auf das "handgemachte" Bühnenerlebnis, ohne Pyrotechnik, ohne Special Effects. "Es ist eine sehr traditionelle Art, Theater zu spielen, bei dem das Publikum ganz nah dran ist. Und das bei immerhin 340 Sitzplätzen."
Die Zuschauerinnen und Zuschauer müssen aber keine Angst haben, selbst zum Teil des Stücks zu werden. "Manchmal haben wir zum Beispiel Sing-Along-Stücke, also wo kollektives Mitsingen explizit erwünscht ist. Aber niemand wird bei uns auf die Bühne geholt, es ist kein Interaktions-Theater."
Die Tschauner zeigt "Stegreif 2.0", ein inhaltlich und künstlerisch neues Stegreifformat, das modernen Ansprüchen genügen will.
Niederschwellige Grätzelkultur
Was aber nicht zu kurz kommen darf, ist die Unterhaltung. Auch in diesem Sommer soll ein vielfältiges Programm aus Musiktheater, Kabarett, Konzerten sowie Kindertheatervorstellungen dafür Sorge tragen.
Startschuss für die Spielzeit war am 17. Juni, mit der Premiere von “Beatles an Bord”. Das Comedy Musical aus der Feder von Enrique Keil handelt von den drei Flugbegleiterinnen, die auf einem turbulenten Flug von Wien nach Paris versuchen, mit einem Unterhaltungsprogramm aus Beatles-Liedern von zahlreichen Pannen abzulenken und die Fluggäste bei Laune zu halten.
Fans des Stegreifspiels wiederum können sich ab 8. Juli auf die neue Revue “Indiana Tschones und das Königreich des Fetzenschädels“ freuen: Ein mysteriöses Loch, das plötzlich auf der Linken Wienzeile klafft, sorgt nicht nur für Aufsehen, sondern führt den Helden Indiana Tschones zu einer verschollenen Welt unterhalb der Bundeshauptstadt.
Übrigens kann auch Schlechtwetter das Theatererlebnis im 16. Bezirk nicht trüben, dafür sorgt ein mobiles Schiebedach.
Nicht zuletzt sei die Tschauner auch ein Angebot, um Kultur in Wien niederschwellig zu erleben, unterstreicht Markus Richter: "Für viele Menschen ist es gar nicht mehr so einfach, sich Kultur leisten zu können. Wenn man mit einer vierköpfigen Familie ins Musical gehen will, kann es schon passieren, dass man paar hundert Euro dafür liegen lässt. Grätzelkultur hingegen macht qualitativ hochwertiges Theater für alle erschwinglich erlebbar. Das ist wichtig für eine Stadt wie Wien – und gehört auch gefördert."
Kommentare