Steckt vielleicht in uns allen ein "(k)alter weißer Mann"?

Premiere von "Kalter weißer Mann"
Premiere von "Kalter weißer Mann" im Wiener CasaNova: Wenn der Kampf für Gleichberechtigung zum Kraftakt wird – sich am Ende aber doch für alle lohnt.

Eine Trauergemeinde hat sich versammelt. Der Patriarch eines mittelständischen Traditionsbetriebs ist mit 94 Jahren "ganz plötzlich und überraschend" aus dem Leben geschieden. Sein designierter Nachfolger Hubert Zacherl richtet für das Unternehmen die Trauerfeier aus, doch es gibt ein Problem: Der Text auf der Kranzschleife sorgt für heftige Irritation, denn da seht „In tiefer Trauer. Deine Mitarbeiter“. 

Ja, aber was ist denn mit den Mitarbeiterinnen? Schnell hat Zacherl, der neue „alte weiße Mann“ an der Spitze (wenn es denn der Aufsichtsrat absegnet, aber das sind alles seine Kumpel, reine Formalität) , nicht nur seine Marketing-Leiterin, den Social-Media-Chef und seine Sekretärin gegen sich, sondern auch die woke-feministische Praktikantin. Nicht einmal der verzweifelte Pfarrer kann mit seiner Predigt die Wogen glätten, die Beerdigung droht zum streitbaren Fiasko zu werden.

"Frauen sind doch eh immer mitgemeint"

Die Komödie aus der Feder von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob zeichnet sich durch einen Mix aus Unterhaltung und Gesellschaftskritik aus, die zwar nie mahnend den Zeigefinger erhebt, aber dennoch zum Nachdenken anregen will. Und das gelingt nebst all dem Schmäh auch. Schnell wird aus einem salopp-jovialen "Die Frauen sind doch eh immer mitgemeint" des neuen Chefs (Reinhard Nowak) eine Grundsatzdiskussion über Gleichberechtigung und Diskriminierung. Selbst Fälle von sexueller Belästigung innerhalb der Firma kommen im Lauf der Geschichte ans Licht - und dass Frauen in dem niederösterreichischen Traditionsunternehmen stets in der zweiten und dritten Reihe zu bleiben hatten, nie ganz vorne mitmischen durften. Spannend, handelt es sich doch um eine Firma, die vor allem für eine weibliche Zielgruppe produziert.

Und dennoch kann man den neuen Chef (der alte war übrigens um keinen Deut besser, Gott hab ihn selig) nicht vollends als chauvinistischen Idioten abschreiben. Reinhard Novak gibt der Figur genau das richtige Maß an menschlicher Fehlerhaftigkeit: Er ist der typische österreichische Chef, der in seinen "Das war schon immer so"-Mustern festgefahren ist, sich dem schleichende Wachrütteln aber doch nicht ganz erwehren kann.

"Kalter weißer Mann": Gendergerecht sein ist doch einfach - oder?

Dafür sorgt seine durchsetzungsfähige Konkurrentin aus der Marketing-Abteilung (mitreißend: Adriana Zartl, die hier last minute für die erkrankte Verena Scheitz eingesprungen ist), die mit aller Kraft versucht, dem Unternehmen doch noch irgendwie einen modernen Anstrich zu verpassen. Unterstützt wird sie dabei vom jungen Kollegen aus dem Social Media (Alexander Hoffelner als überzeugender Vorzeige-Millenial) sowie der idealistischen Praktikantin (nimmt die GenZ gekonnt auf die Schaukel: Michelle Catherine Härle). Sogar die naive Sekretärin stellt sich am Ende gegen die Vorurteile des Chefs auf die Hinterbeine (hat die Lacher verdient auf ihrer Seite: Claudia Rohnefeld). 

Auch dem nachsichtigen Pfarrer scheint bei all dem Streitchaos der Geduldspfaden zu reißen (Hubert Wolf bleibt herrlich stoisch). Am Ende müssen sich schließlich alle, auch das Publikum, kritisch selbst hinterfragen. Und ja, auch die Frauen. Denn wir leben in keiner perfekt gendergerechten Gesellschaft - und es liegt an jedem und jeder einzelnen, bei sich selbst die ersten Schritte in Richtung Veränderung vorzunehmen.

Regisseur Marcus Strahl gelingt es mit seinem kleinen, aber hervorragenden Ensemble, die aktuellen Diskussion zu politisch korrektem Gendern und Frauenrechten nachvollziehbar und menschennah in eine unterhaltsame Komödie zu packen. Natürlich ist man da nicht vor ein paar überzogenen Klischees und altmodischen Witzen gefeit - aber die kann man in einer Debatte über gesellschaftlich „verordneten“ sozialen Umgang durchaus nachsehen. 

Denn am Ende bleibt das Gefühl der Sehnsucht nach einem aufmerksamen und respektvollen Umgang miteinander. Das ist leider nicht immer einfach, schließlich steckt irgendwie in uns allen noch ein "alter weißer Mann". Aber der kann zum Glück lernfähig sein. 

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