Max Reinhardt Seminar: Das Versinken in der Bequemlichkeitshölle

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Arme Erbengeneration: Anja Jemc setzte als Diplominszenierung „Villa Dolorosa“ von Rebekka Kricheldorf um.

In der Fernsehserie „Der ganz normale Wahnsinn“ möchte der Münchner Journalist Maximilian Glanz eine Abhandlung schreiben: „Woran es liegt, dass der Einzelne sich nicht wohl fühlt, obwohl es uns allen so gut geht“. Das war vor fast einem halben Jahrhundert. Der Befund gilt weiterhin: In ihrem Stück „Villa Dolorosa“ erzählt Rebekka Kricheldorf von einer Erbengeneration, die alle Möglichkeiten hätte, aber keine Notwendigkeit sieht, etwas aus dem eigenen Leben zu machen, und darunter leidet.

In der Komfortzone

Anja Jemc, geboren in Linz, wählte dieses zunächst tragikomische, im Endeffekt doch recht ernüchternde Stück für ihre Diplominszenierung am Max Reinhardt Seminar aus. Im Vorjahr hatte sie am Landestheater Niederösterreich eine Überschreibung („Lottes Werther“ nach Goethe) realisiert, und auch „Villa Dolorosa“ basiert auf einer Vorlage: Drei Schwestern, benannt nach jenen von Anton Tschechow, hängen mit ihrem Bruder Andrej antriebslos in der Villa ab, die ihnen die Eltern hinterlassen haben. Gelegenheiten, die Komfortzone zu verlassen, lassen sie verstreichen. Nächstes Jahr aber ...

Der Regisseurin gelingen zusammen mit Bühnenbildner Leon Taege, Student der Akademie der bildenden Künste, klare Bilder und absurde Konstellationen. Denn der relative Stillstand spielt sich in einer stilisierten Wohnzimmerlandschaft mit vielen Pölstern ab.

Tragisches Füllmaterial

Von Geburtstag zu Geburtstag – die naive Irina der Marlena Reinwald wünscht sich echte Party, scheitert aber – sackt die mit Easy-Listening-Musik beschallte Bequemlichkeitshölle immer mehr in die Tiefe ab. Es gibt zwar luzide Gedanken zum Wert der Arbeit und rund um das Wort „Füllmaterial“. Die abgehobenen Geschwister aber versinken als vom Aussterben bedrohte Bildungsbürger geradezu in Selbstmitleid. Zumal ihnen von außen (Elena Pfeiler und ganz besonders Gabriel Oceano Schlager) der Spiegel vorgehalten wird.

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