Chronik | Wien
08.10.2017

Treffpunkt Wien: Vom Volkstheater nach Vietnam

Michael Schottenberg schreibt nun Reisetagebücher. Wird das Fernweh zu groß, geht er ins "Umami 5".

Der asiatische Raum hat es dem ehemaligen Volkstheaterdirektor Michael Schottenberg einfach angetan. Schon in den frühen 80ern, als die meisten Wiener noch nicht einmal von Gerichten mit rohem Fisch gehört hatten, war er bereits Stammgast in Wiens erstem Sushi-Lokal. Auch heute würde er Maki-Rolle und Miso-Suppe jederzeit einem Schweinsbraten vorziehen.

Ein Lokal, das er dafür gern und häufig aufsucht, ist das "Umami 5" mit dunklen Holzschränken, weißen Ledersesseln und edler Steintapete in der Lerchenfelder Straße. Soeben stellt der 65-Jährige seine rote Vespa vor dem Lokal ab und begrüßt wenig später den Lokalchef herzlich. Geführt wird das Restaurant mit Fokus auf japanischer Küche nämlich von einem Vietnamesen, von Ngoc Huy Vo. Und damit passt es in zweifacher Weise zu Schottenbergs neuem Lebensabschnitt.

Denn nicht nur, dass der langjährige Theatermacher – der 2015 seinen Job als Volkstheaterdirektor an den Nagel hängte – in diesem Restaurant das erste Rendezvous mit der neuen Frau in seinem Leben hatte. Auch sein soeben erschienenes Buch "Von der Bühne in die Welt" hat einen Bezug zum Lokalchef. Schildert es doch Schottenbergs Reise durch Vietnam, Ngoc Huy Vos Heimat.

Es war Michael Schottenbergs erster Ausflug in dieses südostasiatische Land, seine erste lange Reise alleine. Und genau das reizte ihn. Natürlich auch die Landschaft, die Kultur, die entspannte Lebenseinstellung der Buddhisten – so ließ er die beeindruckende Ha-Long-Ba oder die schwimmenden Dörfer der Marmorberge ebenso begeistert auf sich wirken, wie er sich vom Gewusel des Nachtmarkts in Hanoi mitreißen ließ."

Neue Abenteuer

Aber dazu kam – und das faszinierte ihn mindestens genauso – dass er etwas tat, dass er noch nie getan hatte: Alleine unterwegs sein, sich mit Händen und Füßen verständigen, bei der rasanten Mopedfahrt Herzrasen und im Straßencafé Red Bull statt Wasser serviert bekommen, weil der Kellner kein Englisch konnte und er kein Vietnamesisch. Dazu war es meist mörderisch heiß und feucht, oft ging es nicht so, wie er es geplant hatte – aber es war ein richtiges Abenteuer. Und das fand Schottenberg herrlich.

Nach 40 Jahren am Theater – zehn davon als Direktor – stand er nun wieder am Anfang. "Nur so macht doch das Alter Sinn. Wenn man die Erfahrung mit in den Rucksack geben kann und sich weiterhin Neuem stellt", sagt Schottenberg, der mittlerweile mit seiner Spicy-Seafood-Suppe fast fertig ist. "Immer das zu tun, was man schon kann, das ist doch die Hölle. Etwas Neues zu tun, das ist das Paradies."

Etwas Neuem, dem hat sich auch Ngoc Huy Vo mit dem "Umami 5 " gestellt. Der 41-Jährige war ursprünglich mit dem Vorhaben nach Wien gekommen, an der Technischen Universität Architektur zu studieren. Aber wie so oft im Leben, kam es anders als geplant und aus einem Nebenjob als Kellner folgten diverse Gastroprojekte und 2014 sein erstes eigenes Lokal, in dem er Künstler ebenso wie Personen der Medien- und Wirtschaftsbranche zu seinen Stammkunden zählt.

Nun serviert Ngoc Huy Vo Schottenberg eine Sushi-Platte, mit Lachs und Thunfisch, der im Mund zerfällt, mit knusprigen Garnelen und knackigem Ingwer. Asienurlaub für den Gaumen.

Für die Zeit zwischen seinen Reisen hat Schottenberg im "Umami 5" ein probates Mittel gegen das Fernweh gefunden.

Seiner Reiselust, der möchte Schottenberg weiterhin nachkommen. Die Notizen für zwei weitere Reise-Tagebücher hat er bereits in der Tasche. Aber damit soll noch lange nicht Schluss ein.