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Chronik | Wien
05/26/2019

Treffpunkt Wien mit Lotte Tobisch: Zwischen Oper und Ober

Lotte Tobisch sprach in ihrem Stamm-Café Mozart über Leidenschaft, Politik und ihr Lebensmotto.

Was habe sie von ihrer Wohnung aus nicht alles gesehen: Das Begräbnis vom Körner... (Theodor, ehemaliger Bundespräsident, 1957). Das von der Zita... (Von Bourbon-Parma, Österreichs letzte Kaiserin, 1989). Den Schranz-Einzug... (Triumphzug von Skilegende Karl Schranz, 1972).

Lotte Tobisch, Grand Dame, Schauspielerin, Autorin, Präsidentin des Künstlerheims Baden und frühere Organisatorin des Opernballs, wohnt seit 69 Jahren direkt am Opernring in Wien.

Und damit nur wenige Schritte von ihrem Stammkaffeehaus: das Café Mozart gegenüber der Albertina, das im Spielfilm „Der dritte Mann“ verewigt und 1993 von der Familie Querfeld übernommen wurde.

„Als wir alle noch munter und frisch waren, sind wir immer von der Oper hier herüber, um Kaffee zu trinken und ein bisschen über den Direktor zu schimpfen.“ Sie schmunzelt.

„So ist es nun einmal“

Eine große Runde sei das gewesen, mit allen möglichen Leuten. „Aber mittlerweile hat sich unser Stammtisch abgelebt“, sagt sie nüchtern.

Bekümmert wirkt sie nicht. „Ich befinde mich in meinem 94. Lebensjahr, so ist es nun einmal“, sagt sie, nimmt einen Schluck Johannisbeersaft mit Wasser, „ich kann es ja eh nicht ändern, also mach’ ich das Beste daraus.“

Überhaupt versteht sie nicht, warum das Alter einen so schlechten Ruf hat. „Wenn man nicht krank ist, hat es ja auch seine Vorteile. Ich sage zum Beispiel nur mehr, was ich denke. Das genieße ich sehr.“

Dann bestellt sie bei Ober David eine Portion frischen Spargel mit Schinken und Erdäpfel.

Sie hat sich auf dem Tisch ganz links im Eck eingefunden. Hier sitzt sie, wenn sie doch einmal wieder hierherkommt, am liebsten. Aber das letzte Mal ist, wenn sie ehrlich ist, auch schon etwas her. Ihren Lieblingskellner, Andreas, gibt es mittlerweile nicht mehr.

Interessante Menschen und Rauchschwaden

Aber Nachtrauern oder Bereuen ist nicht ihres. „Ich werde oft gefragt, ob ich die Raucherei nicht furchtbar bereue.“ (Lotte Tobisch leidet an einer Lungenkrankheit.) „Aber was soll ich bereuen? Das waren schönste Zeiten, mit höchst interessanten Menschen, eingenebelt in Rauchschwaden.“

Einmal habe ihre Mutter ihr sogar einen Brillanten angeboten, wenn sie aufhören würde zu rauchen. „Aber ich war noch nie käuflich“, sagt sie – und kann sich einen Schwenk zur politischen Situation nicht verkneifen: „Das ist fürchterlich, was da gerade los ist. Wenn man eine Funktion ausübt, hat man sich entsprechend zu benehmen. Dann kann man sich nicht aufführen wie ein blöder Teenager oder ein Macho in der Pubertät. Ansaufen und irgendwelche Geschichten erzählen, das geht nicht.“

Politische Kolumnen

Darüber werde sie wohl auch in ihrem nächsten Artikel schreiben. Lotte Tobisch verfasst seit vier Jahren alle zwei Wochen eine Kolumne im News. Eine Sammlung ihrer Texte (Auf den Punkt gebracht) ist kürzlich wieder im Amalthea Verlag erschienen.

„Ja, das mit der Kolumne hat sich lustigerweise um meinen 90. Geburtstag so ergeben.“ Gerade als sie auf der Suche nach einer neuen Aufgabe war. Denn Nichtstun kann sie sich ebenso wenig vorstellen wie Nachtrauern.

Und sie hat in ihrem Leben mehr geschafft, als manch einer in drei nicht unterbringen würde: Fixengagement am Burgtheater, 15 Jahre Opernball-Organisation, 23 Jahre Präsidentin des Künstlerheims, Bücher schreiben: Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?

Sie denkt kurz nach, sticht in den Spargel: „Interesse“, sagt sie dann. „Ich bin nicht ehrgeizig, aber wenn mich etwas interessiert, dann mach ich es einfach.“

Glück gehöre auch dazu. Und ihre positive Lebenseinstellung: „Es gibt einen alten marxistischen Satz, den ich für mich umgedreht habe: Kontrolle ist gut. Vertrauen ist besser.“