Chronik | Wien
15.05.2018

Mordermittlungen im Gemeindebau: "Es ging um Minuten"

Verwandte suchten stundenlang nach dem Kind. MA48-Mitarbeiter fanden Leiche im Müll.

Mehr als zwei Tage hatten die Polizei seit dem Auffinden der Leiche der siebenjährigen Volksschülerin im "Dittes-Hof" in Wien-Döbling Samstagfrüh nach Spuren gesucht, bis Spürhunde vor der Wohnung eines 16-Jährigen anschlugen.

Tatsächlich ging es für die Ermittler um Minuten. Ein kurzer Abriss der Ereignisse:

Mädchen vermisst gemeldet

Die Angehörigen der Siebenjährigen suchten am Freitag nach dem Mädchen bis in die späten Abendstunden, konnten es aber nicht mehr finden. Sein älterer Bruder erschien gegen 23.00 Uhr in der Polizeiinspektion Julius-Tandler-Platz und gab eine Vermisstenanzeige auf, schilderte der stellvertretende Ermittlungsleiter des Wiener LKA, Gerhard Haimeder.

Noch in der Nacht streiften Polizisten in der Wohnanlage, einem Gemeindebau mit etwa 300 Wohnungen.

Leiche im Container entdeckt

Am Samstag in den frühen Morgenstunden wurde die Suche fortgesetzt. Es kamen zwei Mordermittlergruppen zum Einsatz, dazu die Bereitschaftseinheit, Dienst- und Stöberhunde. Ein Beamter alarmierte die Mitarbeiter der Müllabfuhr (Magistratsabteilung 48), beim Ausleeren der Container besonders vorsichtig zu sein.

Ein MA48-Arbeiter entdeckte tatsächlich in einem Container das Plastiksackerl, aus dem die Beine des toten Mädchens herausschauten. "Es war eine Frage von Minuten", sagte Haimeder. Der Fundort wurde abgesperrt.

300 Wohnungen - Suche nach Tatort

"Unser erster Ansatz war, den Tatort zu finden", erläuterte der leitende Ermittler die weitere Vorgangsweise. Die 300 Wohnungen, in denen 520 Anrainer beim Zentralmeldeamt registriert sind, wurden überprüft. Zunächst vermuteten die Fahnder eine Waschküche als Tatort, weil die Leiche offensichtlich gereinigt worden war und sie an einen Ort dachten, in dem der Täter einige Zeit ungestört arbeiten hätte können. Als aber klar war, dass die Waschküchen vom Magistrat gegen Voranmeldung vergeben werden, schieden sie diese Möglichkeit relativ bald wieder aus und konzentrierten sich auf die Wohnungen, wo sie dann bei dem 16-Jährigen Erfolg hatten.

Hunde erschnüffeln Blutspuren

Die Tiere hatten verdächtige Blutspuren erschnüffelt, die nicht ausreichend gesäubert worden waren. Ermittler befragten daraufhin die Familie. Dabei sagte der ältere Sohn zunächst, er habe sich am Freitag geschnitten. Den Fahndern kam diese Erklärung seltsam vor. Sie hakten nach.

Geständnis des 16-Jährigen

Der 16-jährige Gymnasiast wurde am Montag in den Abendstunden festgenommen und in der Nacht auf Dienstag im Wiener Landeskriminalamt genauer einvernommen.

Die Eltern des 16-Jährigen waren zum Tatzeitpunkt nicht zuhause. Sie brachen zusammen, als sie das Geständnis ihres Sohnes hörten. Die Mutter kollabierte und wurde von der Rettung versorgt. Ein Freund holte die Familie aus der Wohnung ab und brachte sie weg.

Ermittlungen nicht abgeschlossen

Die Ermittlungsarbeit der Polizei ist noch nicht abgeschlossen. Von weiteren Einvernahmen erhoffen sie sich, dass es doch noch nähere Aufschlüsse zum Tatmotiv gibt. Auch sein Computer und sein Mobiltelefon werden gecheckt. Die Ermittler betonten auf Nachfrage, dass es bisher keine Hinweise auf andere Motive gibt, etwa auf eine versteckte Radikalisierung oder dass es im Hintergrund etwa doch Zwistigkeiten zwischen den beiden Familien gegeben hat.