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Teach For Austria: „Wir sind keine Lückenbüßer“

Mit 1. Juni übernahm Christian Kdolsky die Geschäftsführung von Severin Broucek. Sie erklären, was Quereinsteiger in den Lehrberuf verändern wollen – und warum die Arbeit nicht im Klassenzimmer endet.
Zwei Männer stehen in einem Büroflur neben einem blauen Würfel mit der Aufschrift „Teach For Austria“.

Mit über 80 neuen Auszubildenden startet der größte Jahrgang in der Geschichte von Teach For Austria (TFA). Die Teilnehmer absolvieren ein zweijähriges, intensives Ausbildungsprogramm, in dem sie als vollwertige Lehrkräfte in Bildungseinrichtungen arbeiten.  

KURIER: Was verbindet Sie beide in Ihrer Sicht auf Bildung?
Severin Broucek: Ich glaube, es ist eine Definition von Bildung, die wirklich die Zukunft mitbestimmen kann und die Inputs von verschiedenen Teilen  der Gesellschaft aufnehmen kann. Das heißt, Menschen, die ursprünglich etwas anderes gemacht haben, können mitwirken.

Christian Kdolsky: Und wir glauben daran, dass jedes Kind ein Potenzial mitbringt, das es zu entdecken gilt. Und wir sehen unsere Aufgabe darin, es möglich zu machen, dass sie es entfalten. Wir sind keine Lückenbüßer, die das System erhalten, sondern wir wollen wirklich von innen heraus, gemeinschaftlich mit allen anderen Playern da drinnen, das System verbessern.

Welche Chancen sehen Sie für das Bildungssystem im Land?
Kdolsky: Ich denke, sie bestehen darin, dass man Bildungsfairness, also Chancengleichheit für Kinder, unabhängig vom Einkommen und Bildungsstand der Eltern  als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sieht. Wir dürfen das jetzt nicht nur den Lehrkräften überlassen, sondern es geht darum, alle mitzunehmen. Also die Eltern,  die Schulleitung, das Lehrpersonal, die ganze Nachbarschaft, die Wirtschaft und die Politik.

Viele Ihrer Initiativen bauen auf Partnerschaften auf. Ein Projekt, das dabei gemeinsam mit der Bildungsdirektion Favoriten entstanden ist, sind die Bildungsnachbarschaften. Worauf zielen diese ab?
Broucek: Wir haben uns aufgrund der Größe  als Fokusbezirk über die letzten Jahre  Favoriten angeschaut und versuchen, dort den Schulstandort mit dem Umfeld zu verbinden. Wenn man die Eltern, die Gemeinschaft, die Erziehungsberechtigten, die Freunde und Bekannten mitnimmt, dann ist es für die Kinder viel leichter, zu lernen,  und auch für die Personen im Umfeld leichter,  über die Schule zu lernen. Ich glaube, das ist ein Thema, das man vielleicht unterschätzt hat.

Welche Veränderungen haben durch diese Initiative in Favoriten gesehen?
Broucek: Wir hatten zum Beispiel  hervorragende Elternabende, wo man nicht nur versucht hat, die Mehrsprachigkeit der Erziehungsberechtigten zu berücksichtigen, sondern auch das Know-how über das österreichische Bildungssystem und  erzieherische Fragen in die Elternabende mit einzubauen. Ich glaube, fast jede erziehungsberechtigte Person ist interessiert am Erfolg ihrer Kinder. Wir müssen es einigen  davon nur gemeinsam ein bisschen leichter machen, eingebunden zu sein.

Welche Herausforderungen beschäftigen Sie aktuell?
Kdolsky: Auf die technologischen Veränderungen, wie KI, muss man auch in der Bildung reagieren. Und wir brauchen konstruktiven Dialog in der Politik statt Debatten.  Es ist wichtig, dass wir Räume für den Austausch mit  der Praxis schaffen, damit wir gemeinsam relevante Impulse entwickeln können. Ich denke, dass wir dabei sehr schnell Themen finden werden, die uns verbinden. Dabei sollte es  um den größeren Rahmen gehen, auf dem wir gemeinsam aufbauen können.

Broucek: Was bei  Kindern ankommt, ist die Qualität des Unterrichts. Es gibt  Untersuchungen, welche Unterrichtsmethoden besonders sinnvoll sind  für Kinder in sozioökonomisch benachteiligten Schul- oder Kindergartenstandorten. Wir haben darin Erfahrungen, wie man Lehrende besonders auf diese Standorte vorbereitet – und können diese  auch teilen.

Sie haben  den konstruktiven Dialog mit der Politik angesprochen. Was  erwarten  Sie sich davon?
Kdolsky: Wir sind als Organisation überparteilich. Uns geht es tatsächlich darum, ins Gespräch zu gehen. Im Moment sieht man viele parteipolitische Debatten rund um das Bildungsthema, was schade ist, weil es so wichtig für die Zukunft ist.

Nun ein Blick in die Vergangenheit: Was ist Ihr Resümee nach fünf Jahren bei TFA?
Broucek: Wir haben  gesehen, dass der Fokus auf Bildung in den letzten Jahren gewachsen ist. Nicht auf einer theoretischen Ebene, sondern  konkret, wie einzelne Lehrkräfte im System  wirken können.  Wie sie unterstützen, wenn sie sorgfältig ausgewählt sind,  und auch dann dafür ausgebildet  werden, um Kinder auf ihrem Lebensweg zu begleiten. Ein persönliches Highlight war eine Mathematikstunde, die ich besucht habe, wo man wirklich den Lernfortschritt der Kinder gesehen hat. Einer unserer Fellows hat mit viel Begeisterung unterrichtet. Da sieht man, was möglich ist.

Und wie soll es künftig weitergehen?
Kdolsky: Ich sehe Teach For Austria  als das zentrale  Netzwerk zur Bildungsfairness in Österreich. Wir haben jetzt den Lückenschluss zwischen Kindergarten und der zweiten Stufe geschafft. Fellows gibt es im Kindergarten, der Volks- und Mittelschule. Wir wollen weiterhin konstruktiv mitarbeiten im Bildungssystem. 

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