Chronik | Wien
27.09.2017

Tausende in Österreich leben ohne Krankenversicherung

Immer mehr Patienten kommen in die Ambulanzen von Hilfsorganisationen

Peter sitzt auf einem Stuhl im Eck des Wartezimmers und scrollt auf seinem Handy-Display auf und ab. Eine Stunde wartet er schon, aber das sei in Ordnung, schließlich sei das Wartezimmer voll. Peter ist 22 Jahre alt und Asylwerber aus dem Südsudan. Eigentlich sind Asylwerber im österreichischen Gesundheitssystem versichert, aber aus irgendeinem Grund rutschte Peter aus dem System. Also fuhr er in den 23. Wiener Gemeindebezirk zu AmberMed, einer Einrichtung, in der nicht versicherte Menschen ambulant medizinisch betreut werden. Vormittags ist das Wartezimmer voll. Es sind Zeitungsverkäuferinnen aus Rumänien, die auf den Arzt warten, Migranten aus dem EU-Ausland und Österreicher, die aus dem System gerutscht sind.

Tendenz steigend

Vier Tage die Woche stehen zwei Allgemeinmediziner, und Dolmetscher zur Verfügung, mehrmals im Monat diverse Fachärzte. Zwischen 40 und 50 Patienten werden täglich betreut – und es werden mehr (siehe Grafik). Während im Jahr 2010 exakt 2795 Patienten behandelt wurden, waren es 2016 schon 3517. "Das wird auch so bleiben", prognostiziert Carina Spak, Leiterin von AmberMed.

Auch ins Neunerhaus, eine medizinischen Einrichtung für Obdach- und Wohnungslose in Wien-Margareten, kommen immer mehr Patienten. 2010 waren es 1498, 2016 3966. Das entspricht einem Anstieg von 164 Prozent. Circa die Hälfte davon ist nicht versichert – Tendenz steigend. "Ich denke, dass die Zahlen auch weiterhin steigen werden", sagt Elisabeth Hammer, fachliche Leiterin im Neunerhaus. Wegen der gestiegenen Patientenzahlen musste das Neunerhaus sogar dazubauen. In die Grazer Marienambulanz der Caritas, wo Menschen, egal ob mit oder ohne Versicherung, behandelt werden, kamen 2016 insgesamt 2393 Patienten (795 davon waren nicht versichert), um ein Fünftel mehr als 2015.

Wie viele Menschen in Österreich derzeit nicht krankenversichert sind, ist unbekannt. Laut Sozialexperte Martin Schenk von der Diakonie könne man "keine seriöse Zahl" nennen. Die letzte Zahl stammt aus dem Jahr 2005, damals gab es 150.000 Menschen ohne Krankenversicherung in Österreich. "So viele werden es nicht mehr sein", meint Schenk. In der Zwischenzeit wurde ja unter anderem die Grundversorgung für Asylwerber eingeführt. Warum also kommen in die Ambulanzen der NGOs trotzdem immer mehr Patienten?

Verschärfungen

Bei AmberMed gab es den ersten großen Patientenanstieg von 2011 auf 2012. Damals hatte das vor allem mit der gestiegenen Bekanntheit der Einrichtung zu tun. 2015/2016 dann erneut ein Anstieg: "Von Asylwerbern, die noch nicht versichert waren", sagt Spak.

Auch das Neunerhaus ist bekannter, als noch vor einigen Jahren, und die Klientenzahlen in niederschwelligen Einrichtungen für Obdach- oder Wohnungslose steigen allgemein. "Es gibt eine immer stärkere Ungleichheit in Österreich und der EU", sagt Elisabeth Hammer vom Neunerhaus.

"Viele Migranten aus dem EU-Ausland, die hier schwarz arbeiten, wissen das oft nicht einmal", sagt Carina Spak von AmberMed. Auch Österreicher kämen mittlerweile öfter: Etwa Unternehmer, die in Konkurs gegangen sind oder Frauen, die bis zur Scheidung bei ihren Ehemännern mitversichert waren.

Laut Sozialexperten Schenk sind besonders Menschen in prekären Jobs oder psychischen Krisen gefährdet. "Viele können von ihrem Job nicht leben. Mit dem Einkommen zahlt man die Miete, die Sozialversicherungsbeiträge schiebt man auf, wenn zum Beispiel die Therme kaputt ist." Oft würden jene, die Anspruch auf Mindestsicherung haben, diese nicht beantragen – aus Scham.

"Es gibt an unterschiedlichen Ecken des Sozialsystems Verschärfungen", sagt Hammer. Dazu zählen die unterschiedlichen Regelungen zur Mindestsicherung und deren Kürzung in manchen Bundesländern, die Verschärfung beim Zugang zu Gemeindewohnungen in Wien, aber auch steigende Mieten. Und: "Der schärfere rechte Diskurs hat eine Verschärfung der Verwaltungspraxis nachgezogen."

Wo Unversicherte behandelt werden

AmberMed (23., Oberlaaer Straße 300–306), ein Projekt von Diakonie und Rotem Kreuz. Vier Tage pro Woche stehen Allgemeinmediziner und Dolmetscher zur Verfügung, mehrmals im Monat Fachärzte.
Spendenkonto: IBAN AT97 2011 1287 2204 5678, Verwendungszweck: AmberMed

Neunerhaus (5., Margaretenstraße 166) hilft Obdach- und Wohnungslosen. Sie werden medizinisch versorgt, sozialarbeiterisch betreut und bei der Wohnungssuche unterstützt. Auch eine tierärztliche Versorgungsstelle gibt es.
Spendenkonto: IBAN: AT25 3200 0000 0592 9922

Louise-Bus der Caritas Fünf Tage pro Woche an fixen und unterschiedlichen Stationen. Alle Infos auf www.caritas-wien.at

Behandlung im Krankenhaus Notfälle und Geburten müssen in jedem Spital behandelt werden. Die Ambulanz des Spitals Barmherzige Brüder können Erwachsene kostenlos besuchen.

„Wir sind ein Eintrittstor ins Gesundheitssystem“

Einer der Orte, wo Menschen ohne Versicherung behandelt werden, ist das Gesundheitszentrum des Neunerhaus in der Margaretenstraße in Wien. „Die Zahl unserer Klienten stieg zuletzt massiv“, erklärt Geschäftsführer Markus Reiter (siehe links). Deshalb war ein Ausbau nötig: Statt 200 stehen künftig 800 Quadratmeter zur Verfügung. Morgen, Donnerstag, wird das neue Zentrum von Bundespräsident Alexander Van der Bellen eröffnet – der KURIER durfte es vorab besichtigen.
Bisher ordinierten die Ärzte im ersten Stock – nun kommt das Erdgeschoß hinzu. Vieles war in diesem Haus schon untergebracht, etwa ein Wirtshaus, ein Eisenbahnerheim oder ein Tanzsaal. Nun verwandelt sich die Baustelle Schritt für Schritt, Handgriff für Handgriff, in eine moderne Arztpraxis.

Mehr Platz bedeutet freilich auch ein größeres Angebot. „Neben einer größeren Arztpraxis entsteht hier ein eigener Raum für die Wundpflege“, erklärt Reiter. Denn Obdachlose würden oft an chronischen Wunden leiden. Im hinteren Bereich ordinieren in Zukunft die Zahnärzte: Statt zwei stehen ihnen dann vier Behandlungsstühle zur Verfügung. „Außerdem gibt es künftig Kooperationen mit Kinderärzten, Gynäkologen und Augenärzten“, kündigt Reiter an.
Auch für vertrauliche Gespräche mit Sozialarbeitern habe man im neuen Gebäude Platz: „Bei uns gibt es nicht nur Behandlungen im Akutfall. Wir sind für alle da, die aus irgendeinem Grund nicht an das Gesundheitssystem andocken können. Im Idealfall finden sie in das reguläre System zurück. Die Sozialarbeiter leisten dabei Hilfe zur Selbsthilfe – wir sind somit ein Eintrittstor zurück ins Gesundheitssystem.“ Und jeder sei willkommen, betont Reiter. Daher werde an der Wand über dem Empfang auch der Spruch „Du bist wichtig“ stehen. Johanna Kreid